Texte nach Folgen
Wähle eine Folge aus der Liste. Der zugehörige Text erscheint direkt darunter.
Folge 001
Ich war etwas früh dran, aber Mama schaute sich am Abend zuvor in der Kneipe von Opa einen im Fernseher übertragenen Boxkampf (Carmen Basilio vs. Johnny Saxton II [1956-09-12]) an, und das hat mich offenbar angeregt, das Licht der Welt erblicken zu wollen.
Mein Großvater war Wirt und „Rasierer“ und (ja, wirklich) auch noch Puppen-Doktor. Meine Großmutter war nur Wirtin und managte den Haushalt. Papa war Friseur und machte leidenschaftlich Sportakrobatik. Er war in meiner Kindheit gefühlt mehr auf den Händen als auf den Füßen. Mama war Friseurin, Mutter und kümmerte sich um den Haushalt. Ich habe eine 2 Jahre ältere Schwester und einen 8 Jahre jüngeren Bruder. Meine Schwester wurde ebenfalls Friseurin. Die Schwester meines Vaters ist Friseurin, und der Bruder meiner Mutter war Friseur. Da war es wohl unabwendbar, dass auch ich in diese Fußstapfen trat.
Alles in allem war meine frühe Kindheit so, dass ich nicht darüber klagen kann. Eher meine Eltern hatten Grund dazu. Ich war ziemlich anstrengend. Und sehr auf Mutter fixiert. Keiner durfte an mir irgendetwas machen. Nur Mama. Einmal zog mir Papa die Schuhe an, weil es schnell gehen sollte. Daraufhin machte ich ein riesiges Theater und bestand auf: „Papa Schuh ausziehn, Mama Schuh anziehn.“ Immer wieder, bis meinem Ansinnen Folge geleistet wurde. Andererseits war ich pflegeleicht und schlief sofort ein, sobald ich im Kinderwagen lag und der geschoben oder geschaukelt wurde. Das ist bis heute so. Kaum sitze ich als Beifahrer im Auto, im Bus, im Zug oder im Flugzeug, schon fallen mir die Augen zu. Ich liebe es, mit Menschen um mich herum, einer gewissen Geräuschkulisse und etwas Schaukeln einzuschlafen. Ansonsten war ich als Kind allerdings ziemlich selbstzerstörerisch. Ich rannte mit dem Kopf gegen die Lehne vom Küchenstuhl, beim Auto-Scooter auf die vordere Haltestange, fiel von der Parkbank, fiel vom Pferd, hatte ständig offene Knie und überall Macken. Jedes Mal musste Mama kommen und mich aufheben. War jemand anderes zur Stelle, dann warf ich mich wieder hin und verlangte nach Mama……. Anstrengend!
Zuweilen fühlte ich mich als kleiner Junge wie ein Mädchen. Ich zog die Röcke meiner Schwester an, setzte eine Perücke aus dem Friseurladen meiner Eltern auf und lief so durch das 3000-Seelen-Dorf, in dem ich aufwuchs. Ich spielte dann lieber mit Puppen als mit meiner elektrischen Eisenbahn, lernte häkeln, sticken und stricken und kleidete meine „falsche“ Barbie-Puppe (es war eine Billig-Kopie namens Erika, die ich von Tante Sophie bekommen hatte) neu ein.
Aus der heutigen Sicht muss ich sagen, dass ich sehr, sehr froh bin, dass in den frühen 60er-Jahren noch nicht diese „Pseudo-Aufgeklärtheit“ herrschte wie heute. Wenn ich sehe, dass schon kleine Kinder von ihren Eltern in dem Glauben, im falschen Körper geboren worden zu sein, unterstützt werden, wundere ich mich doch sehr. Hätte ich damals solche Eltern gehabt, die meinen Wunsch, mir Röcke anzuziehen und Perücken aufzusetzen, so interpretiert hätten, dass ich im falschen Körper lebe, einen Sex-Change wünschen würde, und mich in diesem vermeintlichen Wunsch unterstützt hätten, dann kann ich nicht sagen, ob ich ein ähnlich zufriedenes Leben hätte führen können, wie es mir gegönnt war. Klar, ich wäre irgendwie gerne ein Mädchen gewesen – oder besser gesagt: Ich fühlte mich als solches. Ich fühlte mich aber niemals als im falschen Körper lebend. Nein, der Körper war vollkommen in Ordnung. Und was spricht dagegen, als Junge eher mädchen-typische Bedürfnisse zu verspüren? Ich hatte als kleiner Junge nicht diese Unterscheidung zwischen Junge und Mädchen im Kopf. Ich war, was ich war, das war in Ordnung, und manchmal fand ich es schön, den Rock meiner Schwester oder das Ballkleid von Tante Sophie anzuziehen und in eine andere Rolle zu schlüpfen. Denn genau das war es – und nichts anderes: nicht das Gefühl, ein Mädchen sein zu wollen. Es gab in meinem Kopf keine Geschlechtertrennung, ich war sozusagen beides in einem. Aber wie soll man das in diesem Alter ausdrücken können?
Wäre ich dann falsch verstanden worden und nach einer schlimmen Hormontherapie und operativen Eingriffen in ein Mädchen, eine Frau verwandelt worden, hätte ich ganz sicher massive psychische Belastungen ertragen und verarbeiten müssen. Ich kann wirklich nicht sagen, ob Eltern, die ihre Kinder so früh in dieser Richtung „unterstützen“, ihnen einen Gefallen tun. Wenn man später, als erwachsener Mensch, zu erkennen glaubt, dass man mit seinem Geschlecht nicht einverstanden ist und sich den harten Veränderungsprozessen unterwirft, dann ist man auch vollumfänglich selbst verantwortlich dafür, wie sich durch einen solchen Eingriff das weitere Leben und der psychische Zustand entwickeln. Natürlich fallen in diesem Fall die körperlichen Anpassungen nicht so gut aus wie bei einem frühen Eingreifen, aber ich kann wirklich nicht sagen, ob es für die psychologische Entwicklung wirklich besser ist.
Für meinen Teil bin ich unglaublich froh, ein Mann geblieben zu sein, und ganz spielerisch oder künstlerisch in verschiedene Rollen schlüpfen zu können. Ich hatte Phasen in meinem Leben, da fühlte ich mich der sogenannten passiven Rolle zugehörig, dann viele Jahre wollte ich definitiv nur die aktive, die männliche Rolle übernehmen, und schließlich wurde ich nur noch Walter und in sexueller Hinsicht eindeutig divers. Beide Seiten gehören gleichermaßen zu mir. Entscheidend ist, mit sich selbst, mit seinem Körper und seiner Seele im Reinen zu sein – ganz egal, welche Rolle man gerade spielt oder spielen möchte.
Jetzt bin ich mal wieder etwas abgeschweift, aber bei diesem Thema bin ich wirklich nicht sehr entspannt. Wäre es nicht viel besser, im Falle, dass das eigene Kind sich in einer Situation befindet, in der es die klassische Rollenverteilung nicht für sich akzeptieren kann oder will, dem Kind jegliche Unterstützung zuteilwerden zu lassen, dass eine Rollenverteilung, die Übernahme einer Rolle nicht vom Körper determiniert wird, sondern eine mentale Sache ist? Wäre es nicht eine viel größere Befreiung für eine sich eingesperrt glaubende Seele, ihr klarzumachen, dass es keine Bedingung für die Art, sich zu kleiden, die Art, sich zu fühlen, die Art, sich zu verhalten, gibt, die an das Geschlecht gebunden ist? Man kann sich als Mädchen fühlen wie ein Vater und als Junge wie eine Mutter – da gibt es doch gar keinen Unterschied.
So, jetzt ist es für heute diesbezüglich genug, und ich stöbere kommende Woche wieder weiter in meiner Kindheit.
Folge 002
Am rechten Ende des Flurs ging es ins Wohnzimmer, das ich in einer anderen Folge passend beschreiben werde. An die Kücheneinrichtung erinnere ich mich Schemenhaft, mal abgesehen vom Schuhschrank, der ein wichtiges Spiel-Utensil für uns war. Im Dunst der Erinnerung sehe ich einen Esstisch mit diesen dünnen, leicht gespreizten Holzbeinen und einer Resopalplatte mit 4 Stühlen. Raumbestimmend und noch sehr gut in Erinnerung ist der alte Küchenschrank in geschwungenen Formen. auf dem etwas tieferen Sockel stand der etwas weniger tiefe Oberschrank, dessen Türen gerne ein wenig klemmten, aber vielleicht kombiniere ich das auch falsch, weil genau dieser Schrank noch bis vor kurzem im Gartenhaus meiner Eltern 0stand und dort ein etwas verzogenes weiterleben hatte. Die Küche hatte keine Tapete, sondern die glatte wand war mithilfe einer -ich nenne es mal so- Musterrolle, also eine farbrolle, die eine Prägung in strich oder blümchenform hatte, farblich gestaltet worden. Das war damals häufig der Fall. Fragt mich aber bitte nicht nach dem Bodenbelag. Wahrscheinlich war es Stragula oder Linoleum. An der Wand über den Waschbecken hing ein Unterdruck-Wasserboiler in Bordeaux-rot mit Glasbehälter. Ein wichtiges Detail noch: vor der Küche in ‚Richtung Hof gab es einen Balkon. Ja, richtig gehört, ein Balkon. der war über der darunter befindlichen Garage. Während am anderen Ende des Flurs das Wohnzimmer sozusagen im Felshang steckte.
Am linken Ende des Flurs ging es rechts auf den Balkon vor der Küche und links die Treppe nach oben in die Schlafgemächer.
Gleich am oberen Ende dieser Treppe lag die „long Stuwwe“, die lange Stube, das Zimmer meiner Schwester. Ein schmaler langer Schlauch in dem gerade das Bett, ein Schrank, ein Stuhl und später ein Jugendzimmer-Sekretär für die Schularbeiten Platz fanden. Nach links kam man in mein Zimmer in der Dachschrägen das wiederum durch eine Glas-Schiebetür vom Elternschlafzimmer getrennt war. Das war bestimm praktisch, solange ich ein Säugling war, aber etwas später hielt es Papa und Mama eventuell etwas von ihren ehelichen Pflichten ab. Trotzdem schafften sie es 7 Jahre später meinen Bruder Ralf zu zeugen, der dann im Juli 1964 nach einer Risikoschwangerschaft einen Tag nach Papas Geburtstag im Krankenhaus in Eberbach das Licht der Welt erblickte. Aber später mehr, noch sind wir ja zu dritt und erst vor kurzem hinne-nuff gezogen. Und das genialste kommt jetzt! Zwischen der long-Stuwwe meiner Schwester und dem Schlafzimmer der Eltern (Ebenholzfarbenes Ehebett Marke „gewaltig“ und ebenholzfarbiger 4-türiger Kleiderschrank ebenfalls Marke gewaltig nebst ebenholzfarbigem ebenfalls gewaltiger Kommode, alles mit gerundeten Formen) führte ein schmaler Flur hinaus in den Garten. Ja! echt! vorne die Dachschräge, hinten der Garten. Verrückt und doch wunderschön. Mit Terrasse, Gemüsebeeten, Blumen, rechter Hand begannen die Dächer der Nachbarn, linker Hand und gegenüber des Ausgangs in den Garten war sozusagen der Kellerstock der Nachbarn von oberhalb.
und hier waren wir jetzt und blieben hier bis zur Geburt meines Bruders Ralf. In der Garage stand Papas Gogo-Mobil und wurde wenig später durch die Dauphine ersetzt. Ein Renault Dauphine, Papas ganzer Stolz.
Folge 003
Eine weitere Szene werde ich auch nie wieder vergessen: Unser Nachbar hielt im Schuppen hinten am Hof unter anderem auch immer mal ein Schwein, mit dem wir im Hof spielten. die Schweine waren sehr schlau! sie waren schlauer und vor allem freundlicher als der Hund vom Nachbarn. Das Schwein sprang nach ein wenig Training durch den Hoola-hoop-reifen, ließ sich einen Hut aufsetzen und einen rock anziehen. Und dann musste es dran glauben. Heini, unser Haus Metzger kam und das schwein ohne namen hing einige zeit später am Torrahmen des Nachbar-Schuppens neben unserer Garage, wurde gebrüht, rasiert, zerlegt. Für uns was das einigermaßen normal. Mich faszinierte vor allem, wenn die Sau über dem Wasserdampf hing und von Heini mit so einem trichterförmigen gerät rasiert wurde. Auch faszinierend und etwas ekelig fand ich außerdem wie Heini die Därme entleerte, umstülpte, also das innere des Darms nach außen brachte und wusch. Das machte er in einer für mich unvorstellbaren Geschwindigkeit. Schon eigenartig, an was man sich so erinnert!.
Dann war die sau zerlegt und ich suchte im Hof nach Monika, und fand sie in der Wurstküche vom Nachbarn. Dort stand sie am Herd, rührte das Schweineblut, welches durchsetzt mit Speck-Grieben war und das sie mit scharfem Pfeffer, auf den sie allergisch reagierte würzte. Wenn Monika Pfeffer in die Nase bekam, dann reagierte sie mit Nasenbluten. Da stand sie also und wischte sich das Nasenblut mit den Unterarmen, die bereits Blutverschmiert waren aus dem Gesicht, zog dabei die immer wieder die Nase hoch und rührte mit dem riesigen Holzlöffel in der Blutbrühe. Ein Bild wie aus Dantes Inferno. ich wollte nur schreien und davonlaufen. Was außer der Erinnerung an diese Szene blieb, ist eine unüberwindliche Aversion gegenüber Blutwurst und andere tierische Produkte im allgemeinen. Monika hatte offenbar eine ganz besondere Verbindung zu Blut, egal ob vom Schwein im Topf oder mein geronnenes Blut am Knie…..
Als Kind liebte ich diese vielen kleinen Rituale. So zum Beispiel das Samstägliche Mittagessen. Oma kochte dann bei uns im Geschäftshaus. weil Samstags nur bis 14 Uhr gearbeitet wurde und viel Los war, aßen die Mitarbeiter*innen der Eltern bei uns mit. Oma machte dann häufig ihre legendäre dicke Gemüsesuppe oder diese tolle dunkle Suppe mit den dicken, roten Bohnen, die ich ganz besonders liebte. Zu der Suppe gab es, – und das war; und in bestimmten Kreisen ist es das bestimmt auch noch, typisch für den Odenwald – Hefekuchen, belegt mit Äpfeln, Pflaumen oder Heidelbeeren. Mir schmeckte der mit Pflaumen belegte Hefekuchen am besten. Besonders, wenn die Pflaumen beim Backen etwas Flüssigkeit abgaben und diese dann am Rand ein wenig eingekocht war. es war so ein bitter/süßer, leicht verbrannter Geschmack. Allein dieser Duft! Hefig, pflaumig mit leichten Röstaromen. Ein Traum! Oder es gab statt dem Kuchen dann auch mal Apfelpfannkuchen zur Suppe. Apfelscheiben im Pfannkuchenteig ausgebacken. Lecker. Aber am allerbesten schmeckte mir zur Suppe der Kirschmichel. Der Kirschenmichel bestand im Wesentlichen aus altbackenen Brötchen oder Brot, die mit Butter, Milch, Ei und Zucker zu einer Teigmischung verarbeitet wurden. die Süßkirschen oder auch Sauerkirschen wurden untergehoben und das ganze als Auflauf im Ofen gebacken.
Manchmal gab es den Kirschenmichel auch alleine mit Vanille-Soße. Oder Oma machte „Erdrüben“ – das ist eine Art Püree aus Steckrüben – mit Kochfleisch. Das Fleisch war nicht so meine Sache, dafür aber zwei Teller voll mit Erdrüben!
Neben dem Samstäglichen Essen, liebte ich es mit Frau Milke, unserer sehr rabiaten Putzfrau, mittags Kaffee zu trinken. Überhaupt begann ich schon sehr früh mit der Kaffeetrinkerei.
Ich war höchstens 10 oder 11 Jahre alt als Kaffee zu meinem Lieblings Getränk wurde. Auf jeden Fall saß ich dann total gerne mit Frau Milke am Küchentisch, unterhielt mich mit ihr über dies und jenes,
aß besonders gerne Brot, mit von Mama selbst gekochtem Pflaumenmus oder sonstigen Marmeladen aus Mamas so genannten „Fliegenschrank“. einem Schrank mit Fliegengittertüren, der im Vorratskämmerchen stand, welches immer Vorräte für mindestens 4 bis 6 Wochen barg. Das war einfach so in der Kriegsgeneration meiner Großeltern und Eltern verankert.
Ein weiteres Ritual war das Freitägliche Baden. Freitags wurde der große Öl-Badeofen angeworfen und dann ging es der Reihe nach Baden. Anders als bei Tante Sophie über die ich noch berichten werde, bekam aber jeder von uns eine frische Wanne voller heißen Wassers. Auch das Sonntägliche Mittagessen war ritualisiert.
Zuerst gingen wir in den Kindergottesdienst, der oft von der Schappskarls Liesel gehalten wurde. Vor allem dafür, dass wir Mama nicht beim kochen störten! Zum Sonntags-Mittagessen saßen wir dann statt in der Küche, im Wohnzimmer am „Auszieh-Couchtisch“ den man auch noch in der Höhe verstellen konnte. während des Essens gab es immer den „internationalen Frühschoppen“ im Fernseher, die legendäre Sendung mit Werner Höfer und sieben Journalisten aus 6 Ländern, die rauchend und Wein trinkend in der Runde saßen und über die aktuellen Weltpolitischen Dinge, die mich damals überhaupt nicht interessierten diskutierten. Deshalb durften wir während des Essens nicht reinreden!
Zu essen gab es häufig Brathähnchen mit Pommes und Kopf- oder Endivien-Salat mit Sahnesoße oder Sauerbraten mit Klösen und Rotkraut, oder Rinderbraten mit Kartoffeln. Natürlich alles selbstgemacht. Na, nicht ganz! Zuweilen griff Mama auch zu Semmelknödeln aus der Tüte. Aber die liebte ich auch! Zum Rinderbraten dann frisches saisonales Gemüse aus dem Garten und Rapunsel-Salat.
Das Sonntägliche Spaziergeh-Ritual gefiel mir allerdings nicht so besonders. Da wurden meine Lackschuhe staubig und mir schmerzten die Beine. Überhaupt, was sollte das? Da musste man nur laufen um wieder nach Hause zu gehen. Verstand ich nicht! Wenn man irgendwo einkehrte war das ja in Ordnung, aber dieses sinnlose Rumgelaufe. Nöööö! Auf jeden Fall bestand ich vor diesem leidigen Spazierengehen darauf, dass meine Beine mit Franzbrantwein eingerieben wurden bevor wir losgingen. Dann schaffte ich es einigermaßen. Und wehe diese Vorbereitung wurde in der Hektik mal vergessen und ich erinnerte mich beim Spazierengehen daran, dass meine Beine nicht präpariert waren! dann wurde es sehr unschön für alle. Dann konnte ich von einem Augenblick zum nächsten keinen Schritt mehr vor den Anderen setzen. Im schlimmsten Fall musste ich getragen werden. Tja, Strafe muss sein!
Folge 004
ich durfte ihr hochzeitskleid und ihr rotes ballkleid tragen, durfte bei ihr mit freunden theaterinszenierungen aufführen, oder auch vor ihrer wohnung für die nachbarn eine kasperl-theater-aufführung geben. ich durfte kochen, feuer machen, bonbons aus zucker und dosenmilch herstellen und einfach ein glücklicher junge sein. tante sophie war eine wucht!
Sophie machte damals mit ihrem Mann „Heimarbeit“. Sie steckte für die örtliche Bürstenfabrik kleine Metallstifte in rote, ovale Gummiteile. Auf die Seite der gummiteile, wo nach dem durchstecken der Drahtstifte die Nagelköpfe zu sehen waren, wurde mit Leim ein Stück Leinen aufgeklebt. ich sehe die großen Metalleimer mit dem Metalldeckel und der Metallspange, die man zum sicheren Verschließen der Tonne zudrücken musste, gefüllt mit dem gummiartigen Leim noch genau vor mir. Vor allem habe ich noch den Geruch des Leimes in der Nase, als würden wir gerade mit dem dicken Pinsel den Leim auf die Gummiteile pinseln. Den ganzen Prozess nannte Tante Sophie „Stifteln“.
Die Gummiteile mit den Drahtstiften wurden dann in der Fabrik auf Holzteile, die der Bürstenkopf und Stiel der späteren Bürste waren, befestigt. Schon waren die Drahtbürsten fertig.
Beim Stifteln durfte ich helfen, aber ich war nicht besonders schnell und verlor dafür um so schneller die Lust daran.
Was ich bei Tante Sophie auch durfte, war, mit ihrem alten Lockeneisen in ihre wenigen, dünnen, mit Grau durchzogenen Haaren Locken machen. Die Lockeneisen wurden im oder auf dem Herd erhitzt und ich verbrannte mir oft die Finger oder Tante Sophies Haare oder auch ihre Stirn. Sie war immer für alles zu haben und sich für nichts zu gut.
Tante Sophie arbeitete früher als Kammerzofe im Schloss des Grafen Erbach Erbach und erzählte mir gerne Schauergeschichten aus dieser Zeit. Bei Gewitter, die es in meiner Kindheit des öfteren gab erzählte sie mir auch oft schlimme Geschichten von brennenden Häusern, in denen alles zurückgelassen werden musste und dergleichen. Ganz besonders gerne rezitierte sie das Gedicht
„Gewitter“ von Gustav Schwab:
„Urahne, Großmutter, Mutter und Kind In dumpfer Stube beisammen sind; Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt, Großmutter spinnet, Urahne gebückt Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl. – Wie wehen die Lüfte so schwül! Das Kind spricht: »Morgen ist Feiertag, Wie will ich spielen im grünen Hag, Wie will ich springen durch Tal und Höhn, Wie will ich pflücken viel Blumen schön; Dem Anger, dem bin ich hold!« – Hört ihr’s, wie der Donner grollt? Die Mutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag, Da halten wir alle fröhlich Gelag, Ich selber, ich rüste mein Feierkleid; Das Leben, es hat auch Lust nach Leid; Dann scheint die Sonne wie Gold!« – Hört ihr’s, wie der Donner grollt? Großmutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag, Großmutter hat keinen Feiertag, Sie kochet das Mal, sie spinnet das Kleid, Das Leben ist Sorg und viel Arbeit; Wohl dem, der tat, was er soll!« – Hört ihr’s, wie der Donner grollt? Urahne spricht: »Morgen ist’s Feiertag, Am liebsten morgen ich sterben mag; Ich kann nicht singen und scherzen mehr, Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer; Was tu ich noch auf der Welt?« – Seht ihr, wie der Blitz dort fällt? Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht, Es flammet die Stube wie lauter Licht: Urahne, Großmutter, Mutter und Kind Vom Strahl miteinander getroffen sind; Vier Leben endet ein Schlag, – Und morgen ist’s Feiertag.“
gruselig!
Obwohl Tante Sophie selbst nicht viel Geld zur Verfügung hatte, weshalb Onkel Wilhelm und Tante Sophie ja auch „Stifteln“ mussten, um über die Runden zu kommen, konnte sie mir keinen Wunsch ausschlagen und hätte mir auch noch ihre letzten Pfennige geschenkt, damit ich glücklich ware. ich kann wirklich nur schönes, wenn auch zum teil schräges von ihr berichten.
Tante Sophie ging oft mit uns in den Wald. Im Sommer pflückten wir Heidelbeeren. da roch es nach dem trockenen waldboden, nach farn und laub. oft war es sehr warm (auch wenn es bestimmt noch nicht so schlimm war wie heute) und oft auch gewittrig. wenn dann ein unwetter losbrach, suchten wir zuflucht bei bauern oder in irgendwelchen schuppen in der nähe. da sagte sie dann immer: buchen sollst du suchen, vor eichen musst du weichen.
einmal hatte ich fürchterlichen durst und tante sophie ging mit uns zum bauern und fragte dort nach etwas zum trinken. da die frau vom bauern gerade beim melken war, bekam ich einen Becher, soeben gemolkener Milch. Das war für mich ganz schlimm! körperwarme voll-fett milch direkt aus der kuh, im nach kuh duftenden stall. vielen dank! da blieb ich lieber durstig.
Wenn wir keine Heidelbeeren pflückten sammelten wir Holz für Tantes Holzöfen oder im Frühjahr auch Maikäfer, die dann Opas Hühnern zum frass vorgeworfen wurden. Sophie wohne in der Gammelsbacher Straße im Haus vom Fotografen Helm, wo wir gelegentlich Familienfotos von uns machen liesen. Das war immer eine schwierige Sache, bis alle so saßen wie sie sollten, wie zum beispiel für das wunderbare Foto zu Tante Herthas Hochzeit, wo Ursula und ich die Blumenkinder waren.
Wenn wir mal übers Wochenende bei Tante Sophie blieben, dann durften wir dort auch Baden, was eine ganz besondere Attraktion für uns war. In der Gammeslbacher Straße gab es kein Bad. Tante Sophie stelle eine Zinkwanne in der Küche auf und erhitzte wasser auf dem Küchenherd in großen Töpfen, auf dem am linken Rand immer ein in die Herdplatte eingelassener Topf mit einer grauen, bitter riechenden Flüssigkeit, die von Tante Sophie als „Kaffee“ bezeichnet wurde,vor sich hin brühte. Davon aber gleich mehr, erstmal geht es um den Badespaß. War die Zinkwanne gefüllt, durften zunächst Ursula und ich ins Wasser, wurden eingeseift und abgespült. Soweit so gut.
Dann stiegen Onkel Wilhelm, tante sophie und schließlich Onkel Jakob, der ein Zimmer in Tante Sophies Wohnung hatte, aus dem er nur sehr selten heraus kam, in die Brühe. Damit aber nicht genug. Am Ende der Badezeremonie musste das nicht mehr so klare Wasser auch noch zum Waschen der Wäsche herhalten. Da durften wir die Wäschestücke über das Waschbrett schrubben und mit kernseife einseifen. Ich fand es immer sehr merkwürdig,
Onkel Jakobs Taschentücher zu waschen. Im trockenen Zustand waren sie etwas störrisch und hart, aber wenn sie mit wasser in berührung kamen, dann wurden sie irgenwie klitschig und schleimig. Sehr eigenartig!
Okay, einige Jahre später erinnerte ich mich daran und dann konnte ich mir auch erklären wie das kam. Ich führe das jetzt nicht weiter aus.
Aber zurück zum Ofen mit dem Einlasstopf und dem Kaffee. Am häufigsten
nahm sich Onkel Jakob von der seltsamen Brühe. Jakob hatte eine für mich etwas befremdliche Angewohnheit. Zum Frühstück schnitt er sich gerne ein dickes Stück Brot ab, schmierte fett die Butter darauf, und belegte es mit einer dicken Scheibe salami. Für all das benutzte er sein rotes, schweizer Taschenmesser, ohne das ich mir Jakob nicht vorstellen kann. Mit dem Taschenmesser schnitt er sodann das belegte Brot in kleine Stücke, er nannte es „Reiter“ und diese beförderte er in seine große, mit diesem grauen Trunk gefüllte Kaffeeschale. Da schwamm dann das Brot mit Butter und Salami in der Brühe und Onkel Jakob löffelte das ganze genussvoll und vor allem lautstark schlüfend aus. Dazu muss man sagen, dass Jakob nur noch ein paar ganz vereinzelte Zähne hatte. Ja, er war etwas speziell und wir Kinder bekamen immer gesagt, dass wir Jakob in Ruhe lassen sollten. Da Jakob uns aber sowieso immer etwas komisch vorkam, hatten wir kein besonderes Interesse an Kontakt mit ihm. Soviel sei gesagt: Er hatte während des dritten Reiches eine sehr sehr schwierige Zeit. Tante Sophie gab ihm aber Zuflucht und war für ihn da. Er war Schreiner, und einige seiner Arbeiten standen in Sophies Wohnung. Schon als Kind sagte ich immer zu ihr, dass ich den Kleiderschrank, den tollen schweren Schreibtisch und den roten Holz-Sekretär nebst Stühlen sehr gerne erben möchte.
Und so kam es, dass die alten, lieb gewonnenen Möbelstücke mehrmals mit mir umgezogen sind und mich noch heute begleiten.
Tante Sophie war bis ins hohe alter doch ziemlich Eitel. Wenn sie merkte, dass jemand Fotografierte, dann holte sie sofort ihr Gebiss aus der Jackentasche und steckte es sich in den Mund, damit dieser nicht so eingefallen aussah. Wenn mal einem von uns Kindern die Nase lief, dann zog sie ihr Taschentuch aus der Jacken- oder Rocktasche und dabei flog ihr Gebiss dann des öfteren durch die Gegend, denn ihr Gebiss war viel häufiger in der Tasche als in ihrem Mund.
Wie gerne würde ich Tante Sophie heute in den Arm schließen, sie fest an mich drücken und ihr sagen wie sehr ich sie lieb hatte. Wenn es Engel gibt, dann war sie einer.
Im hohen Alter wurde Sophie dement und fristete ihre letzten Monate in einem Altersheim.
Folge 005
Es war wirklich eine Bilderbuchkindheit.
Beerfelden wird auch „die Stadt am Berge“ genannt, weshalb es im Ort auch fast keine ebene Fläche gibt. Eine kleine Fläche vor der Kirche und dann „die Striet“, eine Straße an der Grundschule, waren so ziemlich die einzigen ebenen Stellen, wo wir zum Beispiel Rollschuh fahren konnten – die damals noch Metallräder hatten und mit Riemen unter die normalen Schuhe geschnallt wurden. Nach kurzer Zeit des Fahrens damit hatte man kribbelnde Füße. Im besagten Hof bauten wir uns oft Hütten oder Unterstände aus Decken, Stangen, Kisten, spielten „Ich bin ein Kaufmann aus Paris“, „Ich seh’ etwas, was du nicht siehst“, „Ene mene Mu und raus bist du“, errieten Werbespots durch Summen der Melodie, machten Gummitwist, spielten im Sand, spielten Verstecken, ich gab Kasperltheater-Vorführungen, vor der Garage im Hinterhaus war eine Schaukel oder alternativ Ringe zum Turnen aufgehängt. Tante Sophie schenkte mir mal „Das Buch der tausend Spiele“, und wir suchten uns immer eines aus, das wir dann ausprobierten. Wir waren so gut wie immer draußen, und bei schlechtem Wetter waren wir bei uns oder bei Ihrigs und spielten mit Puppen, nähten und strickten.
Und wenn wir nicht im Hof waren, waren wir mit Oma oder Sophie im Garten, in den Heidelbeeren, den Pilzen oder einfach nur spazieren.
Vor dem Geschäftshaus kam von links die „Rollgasse“ vom Berg herunter und bog vor der Brunnenstube nach links zum „Gärtner Berger“ ab. Ich will euch eine lustige Anekdote zur Rollgasse erzählen: Die Rollgasse war eine sehr steile, schmale Straße mit Kopfsteinpflaster. Damals gab es noch sehr wenige Autos im Ort, und auf der Rollgasse stand so gut wie keines. Im Winter wurde auch nie der Schnee in der Rollgasse geschoben, und so war die Rollgasse eine perfekte Rodelbahn. Wir konnten mit unseren Schlitten wunderbar hinuntersausen und mussten nur immer kurz bevor sie in die Brunnengasse mündete, auf der auch damals schon etwas mehr Verkehr war, zusehen, dass wir nach links Richtung Gärtner Berger abbogen und dass wir zwischen der Gärtnerei und dem 12-Röhren-Brunnen zum Stehen kamen. Meistens hat das auch geklappt.
Viele Jahre später – ich war in der Friseurlehre und machte gerade das Praktikum im Laden der Eltern – gab es an einem Samstag einen plötzlichen Kälteeinbruch. Innerhalb weniger Minuten bedeckte eine dicke Eisschicht den ganzen Ort, und es ging absolut nichts mehr. Einige Autos versuchten, die auch steile Brunnengasse hinaufzufahren, aber ohne Erfolg. Sie rutschten langsam wieder zurück und sammelten sich in Höhe des Brunnens. Also musste ich raus, um nach dem Rechten zu schauen, und was ich sah, war ein Schauspiel für die Götter: Auch die Rollgasse hatte sich in eine Eis-Rodelbahn verwandelt. Ziemlich oben, am Anfang der Rollgasse, versuchte Brunhilde, die von allen nur „das Luisel“ genannt wurde, irgendwie auf die andere Straßenseite zu kommen. Schwierig! Sie unternahm sehr akrobatische Versuche, irgendwie vom Fleck zu kommen, ohne direkt die Straße hinunterzurutschen. Ohne Erfolg. Dann hatte sie offenbar die zündende Idee, zog die Schuhe aus und versuchte die Rollgassenüberquerung nur mit Socken. Zunächst schien das eine nicht so schlechte Idee zu sein, doch schon sehr bald kam Luisel ins Straucheln, bekam eine am Straßenrand stehende Mülltonne zu fassen und sauste laut schreiend mit der Mülltonne im Arm geradewegs die Rollgasse hinunter – und kam kurz vor der Brunnengasse samt der, oh Wunder, nicht umgekippten Mülltonne zum Stehen. Ein grandioses Winterschauspiel. Ach, es war immer was los bei uns!
Der Gärtner Berger war ein Milch- und Gemüseladen, direkt am 12-Röhrenbrunnen gelegen. Dort holte ich oft für Mama Milch in einer wahlweise Zink- oder Plastikkanne. Der Gärtner hatte eine Milchzapfanlage. Die fand ich immer großartig. Das war eine Theke, in die unten eine große Kanne Milch aus der Molkerei gestellt wurde. Oben war eine Art Hahn, ähnlich wie bei einer Bierzapfanlage, und ein großer Metallhebel. Frau Berger bewegte dann diesen Hebel nach unten und wieder hoch, bis die Kanne voller frischer, schäumender Milch war. Es roch in diesem Teil des Ladens immer wunderbar nach Milch und Quark. Der Quark war viel fester als heutzutage, ich glaube, er wurde damals auch „Schichtkäse“ genannt, lag auf großen Blechen in der Kühlung und wurde dann zum Verkauf portionsweise in ein Pergamentpapier gewickelt. Auf dem Heimweg schleuderte ich gerne die Milchkanne im Kreis und freute mich riesig, dass kein Tropfen Milch verschüttet ging.
Im Sommer planschten wir auch viel im Brunnen und ließen Schiffe in der Ablaufrinne des Brunnens schwimmen. Opa antwortete gerne Besuchern des Ortes auf die Frage, ob das Wasser im Brunnen Heilwasser sei: „Wenn ihr sehr lange von dem Wasser trinkt, dann werdet ihr auch sehr alt.“ Als Kind fand ich das irgendwie dubios, heute weiß ich natürlich, was er meinte. Grins.
Wo ich schon bei Opa bin: Einmal war ich bei ihm in der Friseurstube und hörte ihn einem Kunden sagen: „Dieses Jahr kommt die kalte Sophie im Bikini.“ Das konnte ich mir absolut nicht vorstellen! Tankte Sophie im Bikini! Das ging doch überhaupt nicht! Heute weiß ich natürlich, dass gerade die Eisheiligen waren und Opa nicht Tante Sophie, sondern die letzte der Eisheiligen, die heilige Sophie, meinte, dass sie im Bikini käme. Das Bild von Großtante Sophie im Bikini hatte sich aber für alle Zeit in meiner Erinnerung eingenistet!
Die Brunnengasse aufwärts gab es unter anderem den „Katzenbeißer“, einen Metallwaren- und Geschirr-Laden, den „Lammwirt“, einen Metzger, und unter anderen das Textilhaus „Seip“, welches ich als absolut beeindruckend empfand. Es war ein riesig hoher Raum mit dunklen, raumfüllenden Holzschränken voller Schranktüren, Schubladen und Regalfächern, wo Stoffballen, Garne, Nadeln und alles an Kurzwaren lagerten. Vor den Schränken waren zwei Theken. Auf der einen wurden die Stoffballen ausgelegt, mit einem Holzstab abgemessen und dann zugeschnitten, auf der anderen Theke thronte die messingfarbene Registrierkasse mit dem großen Hebel an der Seite. Vor den Schränken ging rechts und links eine Treppe hinauf zur Empore, wo es mit der Warenpräsentation weiterging. Ich fand das sehr beeindruckend. Es herrschte immer eine eigenartige Ruhe im Laden, und Frau Seip begrüßte einen mit ihrer sehr hohen Fistelstimme und einem nicht ortsüblichen Dialekt, der sehr viele Üs und Ös beinhaltete, den ich heute aber nicht mehr richtig zuordnen kann, aus welcher Region er stammte.
Dann gab es den „Bundschuh“, ein Düngemittelgeschäft, die Volksbank, die Stadt-Apotheke, den „Tröster“, ein Feinkostladen, den „Lebensretter“, ein Reformhaus, ein Fischgeschäft, Frau Wohner, die Hutmacherin, zwei weitere Geschäfte, die ich nicht mehr erinnere – wahrscheinlich war ich nie drinnen –, und dann oben, am Ende, oder eigentlich war es der Anfang der Brunnengasse, war eine große Kreuzung, der „Metzkeil“. Der Metzkeil war DAS Kommunikationszentrum von Beerfelden. Dort fanden sich immer Leute ein, die sich gruppierten und stundenlang alles Mögliche und Unmögliche diskutierten und dabei alles, was so um den Metzkeil herum passierte, im Auge behielten. Dort war das Kaffee Sattler, der „Mehlheiner“, ein weiterer Textilladen, der „modernere“, der mit der Konfektionsware, und dann noch ganz wichtig: die Eisdiele. Da durfte ich mir immer ein Bällchen Eis für 10 Pfennig holen und bekam noch so einen kleinen Eiszipfel auf das Bällchen drauf.
Das waren erstmal so die wichtigsten Läden um mein Elternhaus herum. Es gab noch viele Geschäfte mehr, und öfter machte ich abends mit Mama einen „Schaufensterbummel“ durch den Ort. Es war ein florierender Ort und immer viel los, wenn die Postbusse aus den Nachbarorten kamen. Heute liegt Beerfelden, wie so viele andere Kleinstädte in strukturschwachen, wenig touristischen Gegenden unseres doch so schönen Landes, leider im Sterben, und von der Pracht und Vielfalt meiner Kindheit ist fast nichts mehr zu sehen. Das machte mich in den letzten Jahren immer sehr traurig, wenn ich durch die etwas verfallen und morbid wirkende kleine Stadt ging.
Folge 006
Ursula ist mir nach wie vor sehr nahe und wichtig und gleichzeitig durch die schwierige Zeit und Auseinandersetzung mit Mama etwas fern. Aber hier geht es um unser sehr gutes Verhältnis in unserer Kindheit und Jugend. Wir waren beide ständig am Zanken und Streiten, ganz so, wie sich das für Geschwister gehört. Meine kleine, jedoch ältere Schwester wollte immer die Bestimmerin sein, und ich, ganz nach meinem Großvater kommend, ließ das gerne mit mir machen. Musste ich dann doch meistens nicht die Verantwortung tragen und konnte gut hinterhertrödeln. In mancherlei, mir nicht so wichtig erscheinenden Belangen ist das zum Verdruss meines lieben Ehemannes bis heute so geblieben.
An die ganz frühe Kindheit kann ich mich, wie gesagt, nicht allumfassend aus eigener Kraft erinnern. Wenn, dann erinnere ich mich wahrscheinlich auch viel durch Erzählungen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass es für mich das Schlimmste auf der Welt war, die Fußnägel geschnitten zu bekommen. Es brauchte beide Eltern dazu, und Ursula nahm ebenfalls fasziniert Anteil an dem Schauspiel. So, wie eine sich sträubende Katze kaum zu bändigen ist, wenn deren Krallen geschnitten werden sollen, so war auch ich außer Rand und Band während dieses Ereignisses. Einer musste mich halten und fixieren, während der oder die Andere versuchte, das Werk zu verrichten. Ich scheine es immer ohne bleibende Schäden – außer an der Seele – überlebt zu haben, sind meine Füße doch noch immer intakt und ansehnlich. Vielleicht erlitt ich in einem früheren Leben, an das ich nicht glaube, eine Art Fuß-Folter mit Ziehen der Zehennägel oder ähnlichen Greueln. Ursula konnte das Debakel auf jeden Fall nicht verstehen.
Oder die Geschichte, dass ich als Kleinkind wegen einer Phimose operiert wurde und ohne Kontakt zu den Eltern im Krankenhaus sozusagen „interniert“ war, was mir einen gehörigen Psycho-Koller verpasste. In diesem Zusammenhang wurde immer wieder erzählt, dass ich nun in dem Krankenzimmer war, Mama und Papa mich nur durch eine Scheibe in der Tür sehen durften und sie mir durch die Krankenschwester ein Blech-Spielzeugauto zukommen ließen, das meiner Schwester gehörte. Laut Erzählung war ich beim Erhalt des Spielzeuges total außer Rand und Band und sagte immer wieder, während ich das Blechauto an mich drückte: „Ulla dess!“ Also, dass das Auto meiner Schwester gehört. Ich empfinde diese Geschichte als Erinnerung, obwohl es nur eine Erzählung ist.
Einmal war ein Sonntagsausflug geplant. Papa hatte noch das Goggo-Mobil. Wir wurden hübsch hergerichtet, Mama und Papa machten sich auch fein. Wir wollten auf den „Krehberg“ zum Kaffee „Reußenkreuz“ fahren, ein Stück spazieren gehen und dann gemütlich Kaffee trinken. Für mich war dieses Programm nur mittelmäßig schön. Zum einen würden mal wieder beim Spazierengehen meine auf Hochglanz polierten Schuhe staubig werden, aber was schlimmer war: Die Eltern würden wieder lauter Umwege und nicht den direkten Weg zum Reußenkreuz wählen. Das würde ich nie verstehen. Immer gingen sie Umwege, und wieso überhaupt Spazierengehen, wenn man am Ende ja doch wieder da ankommt, von wo man loslief? Das würde ich nie verstehen! Und außerdem würde Papa wieder von mir verlangen, dass ich der Kellnerin selbst sagen sollte, was ich trinken möchte. Was für eine unglaublich schwierige Aufgabe! Wusste er doch ganz genau, was ich haben wollte! Warum konnte er es der Kellnerin nicht mitteilen – dieser Frau mit den komischen beigen Schuhen mit den vielen kleinen Löchern darin und dem großen Loch vorne in der Mitte, aus dem sich der dicke Zeh zaghaft herauszuquälen versuchte? Eine unmögliche Zumutung!
Also waren wir startklar und wurden in den Gogo verladen. Papa fuhr, Mama vorne auf dem Beifahrersitz, Ursula und ich hinten. Hinten war aber keine gepolsterte Sitzbank, nein, da war nur ein Holzbrett, auf dem wir zwei saßen. Ein sehr archaisches Fahrzeug! Es ging los. Der Weg auf den Krehberg war steil und kurvig. Es gab da eine ganz besondere Kurve, fast ein ganzer Kreis schien es mir, und so nannte ich diese Kurve immer „die Lala“, weil sie mich an die großen, sich drehenden Schellack-Schallplatten auf Opas Plattenspieler in seiner Gaststätte zur Brunnenstube erinnerte. Kurz nachdem wir die Lala hinter uns gelassen hatten, passierte es: Papa kam mit dem Gogo von der Fahrbahn ab. Er hatte wohl die Lala etwas schnell genommen. Wir rutschten in den Straßengraben, und Ursula stieß sich ein wenig den Kopf an. Einige Sekunden herrschte betroffenes Schweigen, auch der Gogo gab keinen Mucks mehr von sich. Dann, ganz unvermittelt, meldete sich Ursula mit den zwei Worten: „DU DEPP!“ in der Stille. Mama und Papa brachen in Lachen aus, ich fand das damals nicht soooo witzig. Heute schon! Außerdem war sonst ja auch nichts passiert, und wir konnten dann, nachdem dies nun klar ausgesprochen war, unbeschadet weiterfahren.
Folge 007
Wasser, nein, nicht im geringsten! wie der Name schon sagt: ein Waldseebad! da wurde in einem Talstück eine Staumauer gebaut und dann einfach der Boden des Talabschnittes betoniert. dementsprechend hatte das Becken die genaue form des Tales. an der Staumauer mehr als 3 meter tief, am oberen ende sehr flach für die kinder. es war ziemlich groß und weil es von einer quelle gespeist wurde, war es sehr kalt und zuweilen sehr grün. Chlor suchte man vergeblich, dafür fand man Frösche und sonstiges. es war sozusagen ein natürliches, fließendes Gewässer, denn die selbe menge die zufloss, die floss auch wieder ab. Das Waldseebad lag in diesem Talabschnitt und so hatte auf der linken, sonnigen Seite die Liegewiese ziemlich Hanglage. das war zum liegen nicht verkehrt, aber zur pflege der Wiese suboptimal und so stand das gras öfter mal etwas höher als in „normalen“ Schwimmbädern. auf der rechten Bad-Seite war der Hang deutlich steiler und mit bäumen bewachsen. auf der Staumauer stand noch ein 3-Meter-Sprungturm von dem ich nie herunter gesprungen bin. seitlich gab es zwei Einstiegstreppen in den tiefen Bereich. oben, war der Einstieg in das Bad flach und mit gemauerten, flachen Stufen über die ganze Breite. das Waldseebad war ein gutes Stück von unserem Haus entfernt. Der Garten in der Stried lag auf halbem Weg. Ab da
ging es die „Lindenallee“ entlang bis zur „Wolfsschlucht“, ein wild-romantisches Stück Weg bis hinunter zum eiskalten Waldseebad. Die sehr erfrischende Wasserthemperatur hatte zur Folge, dass wir im Sommer auch oft nach Hetzbach, unser Nachbardorf ins Schwimmbad gingen. Viel kleiner, aber nicht so kalt. Wenn es aber sehr heiß war, dann war das Beerfeldener Waldseebad immer gut besucht. War es doch auch ungleich schöner und natürlich größer. Man verbrachte dann eben mehr Zeit auf der riesigen Hangwiese als im Wasser. Wenn ich erstmal den Weg ins Wasser gefunden hatte, dann blieb ich so lange, bis mich Mama herauszitierte mit dem Hinweis, dass ich schon ganz blaue Lippen hätte. Oft traf man Verwandschaft, Nachbarn, Freunde im Bad. Ich fand es immer sehr merkwürdig, wenn mein Cousin Reiner aus dem Wasser kam. Rainer, der vom Alter her locker mein Onkel hätte sein können, litt schon etwas unter Haarausfall, und so trug er seinen Scheitel direkt über dem rechten Ohr. Die Haare auf dieser Seite ließ er so lange wachsen, dass er sie mit viel Haarspray über die kahl werdende Stelle auf dem Oberkopf hinüber zum anderen Ohr drapieren konnte. Auf der anderen Seite waren die Haare natürlich entsprechend kurz geschnitten. Wenn Reiner dann nach dem Sprung vom 3-Meter-Turm wieder auftauchte, dann hingen ihm auf der rechten Scheitelseite die langen Haare bis auf die Schultern während der Oberkopf frei lag und auf der anderen Seite die kurzen Haare zum Vorschein kamen. Dann strich er sich immer sogleich mit
einer unnachahmlichen Handbewegung die lange Strähne wieder an die richtige Stelle, in der Hoffnung, dass es keiner bemerkt habe, was natürlich nie glückte und immer wieder schmunzelnde Gesichter hervorbrachte. Faszinierend! Eines wusste ich dementsprechend schon in frühester Kindheit: „Das wird mir mal nicht passieren!“ Ich hielt es dann doch lieber entsprechend Opas Frisur-Leitspruch: „lieber eine Glatze als gar keine Haare“…..
Folge 008
Wir spielten sehr gerne gemeinsam mit Ursulas Puppen, später mit der Barbie, wir lernten Nähen, Häkeln, Strickliesel stricken und auch richtig Stricken. Wir waren ein gutes Team. In der späteren Kindheit, so um Ursulas Pupertät herum waren wir nicht ganz so eng, aber das lag an unseren unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Ursula war in ihrer Entwicklung für ein Mädchen ein wenig spät, aber in der typisch aufrührerischen Stimmung. dafür ich ich ein wenig früh dran, bekam früh Bartwuchs und kam früh in den Stimmbruch, was mir den Rauswurf aus dem Schulchor bescherte. Irgendwann flog mir der Schlüsselbund von Herrn Stöckeler an den Kopf und beendete meine Chor-Karriere. Konnte ich schon bei der Geburt nicht bis zum errechneten Termin
warten, hatte ich es auch sehr eilig, erwachsen zu werden und konnte den Abstand zu Ursula dann einigermaßen aufholen oder kompensieren. Dazu kommt natürlich, dass Mädchen in den 60er-jahren weniger Freiheiten genossen als Jungs. Ursula war schon als Kind sehr unentschlossen und konnte sich nur schlecht entscheiden. wenn wir mit den Eltern einkaufen waren und Ursula sollte sich etwas zum Anziehen aussuchen, war das immer ein stundenlanges hin und her und sie konnte sich nur ganz schwer für etwas erwärmen, oder anders: sie erwärmte sich für dies und das und konnte aber nicht sagen, was ihr besser gefiel oder passte. Ursula war als Kind oft schlecht gelaunt, unzufrieden und zickig. Oma meinte immer :“Das Ursel hat immer so einen Betz!“, was im Odenwald so viel wie „Zorn“ bedeutet. Ursula hatte mich immer als Verbündeten. Egal, ob sie mal wieder unglücklich „verknallt“ war und sich dem auserkorenen nicht offenbaren konnte oder dieser sie nicht erhören wollte. während schwierigen Verliebtheitsphasen von Ursaula bot ich ihr Beistand und ein offenes Ohr, gab Trost und kluge Teeny-Ratschläge. Wir standen abends oder auch nachts oft stundenlang in unseren nebeneinander liegenden Zimmern an sunseren Fenstern, die ebenfalls direkt nebeneinander waren und glotzten runter auf den bunt beleuchteten Springbrunnen oberhalb vom 12-Röhren-Brunnen, sinnierten über diese und jenes, betrachteten die Leute, die unterwegs waren und hatten unseren spaß.
Folge 009
Opa war der ruhende Pool der Familie, ein stiller Mittelpunkt, der alles zusammenhielt, ohne dass es jemand bewusst bemerkte. Er war einfach immer da – verlässlich, unaufdringlich, wie ein fester Stein im Fluss, um den sich das Leben bewegte. Seine Anwesenheit war selbstverständlich, fast unsichtbar, und doch spürte man sie in jedem Moment. Er war stets gut gelaunt, freundlich und ruhig, ein Mensch, der mit seiner Gelassenheit eine besondere Wärme ausstrahlte. Gleichzeitig blieb er immer ein wenig reserviert, nie laut, nie fordernd, immer bescheiden und anspruchslos. Sein Gang war unverkennbar. Er humpelte, denn sein rechtes Bein war etwas zu kurz geraten. Um dieses Ungleichgewicht auszugleichen, trug er einen für meine Kinderaugen gewaltigen orthopädischen Schuh, der ihn noch einzigartiger machte. Dieses Bild hat sich tief in meine Erinnerung eingebrannt: Opa, wie er langsam und bedächtig durch die Wohnung ging, mit einem Schritt, der zugleich schwer und vertraut war. Seine Kleidung war fast wie eine Uniform des Alltags. Ein weißes Hemd, das er beinahe immer trug, dazu eine schwarze oder dunkelbraune Hose, die ihm etwas zu weit war und nur mithilfe von Hosenträgern dort blieb, wo sie hingehörte. Diese Hosenträger waren für mich als Kind ein kleines Detail, das ihn unverwechselbar machte. Und dann seine Glatze, die im Licht schimmerte, begleitet von einem Geruch, der ihn noch stärker prägte: eine Mischung aus Tiroler Nussöl, Pitralon-Rasierwasser und Baldrian-Tropfen. Dieser Duft war wie eine unsichtbare Aura, die ihn umgab und ihn für mich unverkennbar machte. So humpelte er durch meine Kindheit, ein lieber alter Opa – obwohl er damals, wenn ich heute darüber nachdenke, gar nicht so alt gewesen sein konnte. Aus heutiger Sicht war er jünger, als ich es jetzt selbst bin, und dennoch erschien er mir damals uralt, fast wie eine Figur aus einer anderen Zeit. Kinderaugen sehen eben anders, sie übertreiben das Alter, sie machen aus einem Mann mittleren Alters einen Greis, der schon immer da war und immer da sein wird.
Ich bin jetzt zu faul, nachzurechnen, wie alt er tatsächlich war. Aber vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Entscheidend ist, wie er mir erschien: als der Inbegriff von Ruhe, Beständigkeit und Verlässlichkeit. Auch Tante Sophie, Onkel Jakob und Oma – ganz besonders die Kitzlochoma – sind in meiner Erinnerung sämtlich alte Menschen. Sie alle wirkten damals wie aus einer vergangenen Epoche, mit Gesichtern, die Geschichten erzählten, und Gesten, die heute fast verschwunden sind. Nicht zu vergleichen mit Gleichaltrigen in der heutigen Zeit, die oft viel jünger wirken, beweglicher, moderner. Damals war das ein ganz immenser Unterschied. Die Alten waren wirklich alt, und die Jungen sahen zu ihnen auf, mit einer Mischung aus Respekt und kindlicher Verwunderung.
Frage:
„Walter, wenn du heute zurückblickst – warum denkst du, dass Opa in deiner Erinnerung so viel älter wirkt, als er tatsächlich war? Glaubst du, es liegt nur an deinem kindlichen Blick, oder war es damals wirklich so, dass Menschen zwischen 60 und 70 nach unseren heutigen Maßstäben deutlich älter erschienen?“
Antwort:
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht nur an meiner Erinnerung liegt. Vielmehr war es in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren tatsächlich so, dass Menschen zwischen 60 und 70 nach unseren heutigen Maßstäben deutlich älter wirkten. Das hatte viele Gründe: Sie kleideten sich anders, meist schlichter und konservativer, oft in dunklen Farben und mit Schnitten, die wir heute sofort mit „alt“ verbinden würden. Auch ihre Haltung, ihre Gesten, ihr ganzes „Behavior“ war geprägt von einer Ernsthaftigkeit und einer gewissen Strenge, die damals selbstverständlich war. Man darf nicht vergessen: Das Leben war härter, körperlich anstrengender, und die Spuren davon sah man den Menschen an. Falten, graues Haar, eine gewisse Müdigkeit im Gesicht – all das trat früher auf und wurde nicht kaschiert, so wie heute. Wer alt war, sah auch alt aus. Und so wirkte Opa für mich als Kind eben genauso, wie man sich einen Mann in diesem Alter damals vorstellte. Er entsprach dem Bild, das die Gesellschaft von einem Sechzig- oder Siebzigjährigen hatte. Heute würde man sagen: Er war jünger, als er aussah. Aber damals war das schlicht normal.
Die Gaststätte: „Bierdeckel und Billard“
Zurück zu Opa!
Opa war in erster Linie Wirt – und zwar in seiner eigenen Gaststätte, der „Brunnenstube“. Sie befand sich direkt in seinem Haus in der Brunnengasse 12, unmittelbar über dem berühmten 12 Röhrenbrunnen von Beerfelden. Dieser Brunnen war nicht nur ein Wahrzeichen, sondern auch auf jeder Ansichtskarte der Stadt zu sehen. Wer also ein Bild von Beerfelden in Händen hielt, hatte im Grunde auch immer ein Stück von Opas Welt vor Augen. In der Gaststube stand ein Billardtisch, der für mich eine Art verbotener Schatz war. Ich sollte ihn in Ruhe lassen, und meistens tat ich das auch. Doch hin und wieder, unter strenger Aufsicht, durfte ich den Kö in die Hand nehmen und die Kugeln anstoßen. Vom Spiel selbst hatte ich keine Ahnung – weder vom Wie noch vom Was, geschweige denn vom Warum. Aber das Geräusch, wenn die Kugeln aufeinanderprallten, war für mich ein kleines Fest. Dieses helle, klackende Echo habe ich noch heute im Ohr, als wäre es gestern gewesen. Und genauso habe ich den Geruch der Bierdeckel noch in der Nase. Kennt ihr diesen typischen Bierdeckelgeruch? Er ist schwer zu beschreiben, irgendwo zwischen Papier, Bier und einer gewissen dumpfen Kellerluft. Aber wer ihn kennt, weiß sofort, wovon ich spreche. Für mich war er untrennbar mit der Brunnenstube verbunden. Wenn ich dort war, durfte ich den Gästen die Striche auf den Deckel machen, wenn Opa ihnen ein Bier oder einen Apfelwein brachte. Das war für mich eine große Ehre, fast so, als wäre ich Teil des Wirtsgeschäftes. Natürlich war Opa nicht allein. Oma unterstützte ihn tatkräftig. Sie schmierte und belegte die Schinkenbrote, die Leberwurstbrote und – für mich damals ungenießbar – die Blutwurstbrote. Diese einfachen Speisen waren für die Gäste genauso wichtig wie das Getränk. Und währenddessen lag über allem eine gewisse Schummerbeleuchtung, ein warmes, leicht gedämpftes Licht, das den Raum in eine gemütliche, fast geheimnisvolle Atmosphäre tauchte. Dazu kam der unverkennbare Duft: eine Mischung aus Zigarrenrauch – Opa rauchte regelmäßig Zigarre –, Bier und Apfelwein. Ein Geruch, der sich tief in meine Erinnerung eingebrannt hat. An der Wand zur Straße hin hingen zwei Spielautomaten. Abends durfte ich Opa beim Leeren der Automaten helfen. Das war für mich ein kleines Abenteuer. Wir kippten die Münzen heraus, und ich baute daraus gleich hohe Türmchen – aus Groschen, Fünfzigern oder auch mal Markstücken. Am Ende gab mir Opa eine Handvoll Münzen, und ich durfte selbst spielen. Doch mein Interesse daran erlosch schnell. Es war einfach langweilig. Für solche Dinge konnte und kann ich keine Sucht entwickeln. Schon eher für Gummibärchen! Die bewahrte Opa in einer alten Zigarrenkiste auf. Und so entstand ein ganz besonderes Bouquet: Gummibärchen mit einem Hauch von Zigarrenaroma. Für mich war das eine Delikatesse, die es nur bei Opa gab. In der Gaststube gab es außerdem einen Plattenspieler in einer Holzbox, später eine richtige Jukebox und irgendwann auch einen Fernsehapparat. So kam ich schon früh mit Schlagern in Berührung. Abends durfte ich bei Opa bleiben, bis im Fernsehen die Uhr erschien – kurz vor den 18 Uhr Nachrichten. Das bedeutete allerdings, dass das Sandmännchen bereits ins Erwachsenenprogramm gewandert war und für mich nicht mehr erreichbar war. Ein kleiner Seufzer meiner Kindheit.
Frage:
„Du hast von dem Billardtisch in der Brunnenstube erzählt. Dieses Klacken der Kugeln – hörst du es heute noch in deiner Erinnerung? Und was löst dieses Geräusch, zusammen mit der Atmosphäre der Gaststube, heute in dir aus?“
Antwort:
Wenn ich bewusst daran denke, dann ist dieses wunderbare Klacken der zusammenstoßenden Kugeln noch absolut präsent – klar und unverwechselbar, fast so, als würde es direkt neben mir erklingen. Dazu kommt dieses leicht gänsehaut-erzeugende Geräusch, wenn die Spieler die Spitze des Kö mit diesem kleinen blauen, würfelförmigen Kreideklotz einrieben. Es war ein Ritual, das den Beginn jedes Spiels markierte, und für mich als Kind hatte es etwas Geheimnisvolles. Beide Geräusche zusammen lösen bis heute ein wohliges Gefühl in mir aus. Sie rufen sofort das Bild der Brunnenstube hervor, mit ihrer leicht schummrigen Atmosphäre, durchzogen vom Zigarren- und Zigarettenrauch, der sich wie ein Schleier über den Raum legte. Es ist, als ob ich mit einem einzigen Klang wieder mitten in dieser Welt stünde.
Der Rasierer: „Pitralon und das Rasiermesser
Opa war außerdem „Rasierer“.
Neben seiner Rolle als Wirt hatte Opa noch ein zweites Standbein – er war Friseur und Rasierer. Viele Männer aus der Umgebung kamen zu ihm, um sich die Haare schneiden oder den Bart fachgerecht stutzen zu lassen. Besonders berühmt war er für den sogenannten Kommis-Haarschnitt, eine schlichte, praktische Frisur, die damals weit verbreitet war. Die Kunden nahmen Platz in einem gewaltigen, dunkelroten Friseurstuhl mit glänzender Nackenstütze. Schon das Hinsetzen wirkte wie ein kleines Ritual. Ein weißes Tuch wurde sorgfältig um den Hals gelegt, und dann begann Opa mit seiner Arbeit. Er hatte einen Seifentopf, in dem er mithilfe eines Dachshaarpinsels und eines Stücks Rasierseife einen dichten, cremigen Schaum aufschlug. Dieses Aufschäumen war fast eine Kunst für sich – rhythmisch, gleichmäßig, mit einem leisen Rascheln des Pinsels. Wenn der Schaum fertig war, wurde das Gesicht des Kunden sorgfältig eingeseift. Dann kam das Herzstück: das alte Rasiermesser. Opa schärfte es jedes Mal aufs Neue, zunächst auf einem Stein unter Zugabe von Wasser, dann zog er es mehrmals über einen Lederriemen, der griffbereit an der Wand hing. Bevor er es an die Haut setzte, führte er eine kleine Probe durch: Er hielt ein Blatt Papier in die Luft und zerschnitt es mühelos mit einem einzigen Zug. Für mich als Kind war das ein Schauspiel, fast wie Zauberei. Die Rasur selbst war ruhig und präzise. Anschließend entfernte Opa die letzten Schaumreste mit einem feuchten Waschlappen, und dann kam der unvermeidliche Schwall Pitralon-Rasierwasser ins Gesicht. Das brannte, das wusste ich, und doch gehörte es einfach dazu. Zum Abschluss wedelte Opa mit einer Papierserviette, als würde er den letzten Rest der Prozedur feierlich beenden. Alles in allem war es ein grandioses Schauspiel, das ich mit großen Augen verfolgte. Beim Haarschneiden kam eine weitere Besonderheit hinzu: Wegen seines zu kurzen Beins saß Opa, nicht wie andere Friseure einfach stehend am Kunden, sondern nutzte einen fahrbaren Hocker. Der hatte einen knallroten Sattel als Sitzfläche, was ihn noch auffälliger machte. So rollte er geschickt um den Stuhl herum, immer in Bewegung, und schaffte es trotz seiner Behinderung, die Arbeit mit einer erstaunlichen Leichtigkeit zu erledigen. Für mich war das einfach cool – und es machte ihn noch unverwechselbarer.
Frage:
„Das Rasieren war ja fast ein Schauspiel für sich. Wie hat sich dieses Ritual für dich als kleiner Junge angefühlt? War es eher faszinierend, vielleicht sogar magisch – oder hattest du manchmal auch Angst, wenn Opa mit dem scharfen Messer so nah am Gesicht seiner Kunden arbeitete?“
Antwort:
Für mich als kleiner Junge war es eindeutig faszinierend. Ich konnte stundenlang zuschauen, wie Opa seine Kunden bearbeitete, und jedes Detail war spannend. Besonders erinnere ich mich an den Moment, wenn der größte Teil des Schaums schon verschwunden war, nur noch ein paar Schlieren im Gesicht zurückblieben. Dann kam die Oberlippe – und das war für mich der Höhepunkt. Opa zog mit seiner linken Hand die Nase seines Kunden steil und straff nach oben, sodass die Haut gespannt war, und setzte dann das klassische Klapp-Rasiermesser an. Mit ruhigen, präzisen Bewegungen entfernte er den letzten Schaum und die hartnäckigen Bartstoppeln. Für mich war das wie ein kleines Schauspiel, voller Konzentration und Geschick. Beängstigend war es nie – eher beeindruckend, fast magisch, wie er mit diesem scharfen Messer so sicher umgehen konnte.
Der Puppendoctor „Die Kiste mit den Augen“
Wegen seiner Behinderung, dem zu kurzen Bein, saß Opa beim Haarschneiden stets auf einem fahrbaren Hocker. Dieser Hocker war etwas Besonderes: eine stabile Konstruktion mit Rollen, die ihm erlaubten, sich mühelos um den Friseurstuhl zu bewegen. Und das Auffälligste daran war der Sitz – ein knallroter Sattel, der im Raum leuchtete wie ein kleiner Farbtupfer. Für mich als Kind war das einfach „cool“, ein Detail, das ihn unverwechselbar machte und ihn gleichzeitig von allen anderen Friseuren unterschied.
Doch Opa war nicht nur Wirt und Rasierer – er war auch Puppendoktor. In einer kleinen Werkstatt, die fast wie ein geheimnisvoller Ort wirkte, hingen überall Puppen und Puppenteile an Seilen von der Decke. Arme, Beine, Köpfe – alles baumelte dort und wartete darauf, von Opa wieder zusammengesetzt zu werden. Für mich war das ein faszinierender Anblick, manchmal auch ein wenig unheimlich, aber immer spannend.
Der Raum hatte einen ganz eigenen Geruch. Es war der Geruch des Klebers, mit dem Opa die Löcher in den Puppenkörpern flickte. Eine Mischung aus Lösungsmittel und Plastik, streng und unverwechselbar. Ich habe ihn noch heute „in der Nase“, auch wenn ich ihn nicht wirklich beschreiben kann. Er erinnerte mich ein wenig an den Kleber, den Tante Sophie für ihre Heimarbeit benutzte, nur intensiver, schärfer, fast stechend. Wenn Opa eine Puppe reparierte, verband er die Gliedmaßen mit einem Gummiband, das durch den Torso geführt wurde. So wurden Arme, Beine und Kopf fest mit dem Körper verbunden, konnten aber trotzdem bewegt werden. Für mich war das eine kleine technische Meisterleistung – einfach und genial zugleich.
Am meisten faszinierte mich jedoch eine Kiste, die wie ein Setzkasten aufgebaut war. Sie hatte viele kleine Fächer, und in jedem lagen Puppenaugen. Manche waren schlicht kugelrund, mit einer Pupille auf der Vorderseite. Andere waren raffinierter: Sie hatten auf der Rückseite eine kleine Ausstülpung mit einem Gewicht daran. Das waren die berühmten „Schlafaugen“. Je nachdem, wie die Puppe gehalten wurde, kippten diese Augen nach hinten oder nach vorne – und die Puppe schloss scheinbar die Lider. Für mich war das damals pure Magie. Ich konnte stundenlang in diese Kiste schauen und mir vorstellen, wie all diese Augen irgendwann wieder Leben in die Puppen bringen würden. Toll! Es war eine Welt voller kleiner Wunder, die Opa mit seinen Händen erschuf.
Frage:
„In Opas Werkstatt hingen überall Puppenteile, und besonders diese Kiste mit den vielen Puppenaugen hast du erwähnt. Hast du heute noch eines dieser Augen? Oder suchst du manchmal danach, weil sie für dich so eine besondere Faszination hatten?“
Antwort:
Heute weiß ich, dass ich einiges von Opa abbekommen habe – zumindest was die Gene betrifft. Ich habe die gleiche Kopfform, trage eine ähnliche Frisur, und auch in meinem Wesen erkenne ich vieles wieder: Ich bin meist ruhig und ausgeglichen, mag keinen Streit und versuche immer zu vermitteln. Das ist wohl eine Art Erbe, das ich von ihm übernommen habe. Glücklicherweise sind meine Beine gleich lang, ich rauche keine Zigarren und Rasieren gehört nicht zu meinen Talenten – da bin ich ganz froh drum. Schmunzel! Was die Puppenaugen betrifft: Ich habe keine davon behalten, aber die Erinnerung an diese geheimnisvolle Kiste mit den vielen Fächern ist so lebendig, dass ich sie gar nicht suchen muss. Sie ist in meinem Kopf, und dort bleibt sie, als Teil der Welt, die Opa mir gezeigt hat.
Frage:
„Walter, wenn du heute an die Brunnenstube zurückdenkst – an den Geruch, die besondere Atmosphäre und natürlich an Opa selbst – was davon fehlt dir am meisten? Ist es dieser typische Mix aus Bier, Apfelwein und Zigarrenrauch, die Stimmung im Wirtsraum, oder doch eher die Person Opa mit seiner Ruhe und Gelassenheit?“ 🍻
Antwort:
Der Geruch würde mir heute wahrscheinlich gar nicht mehr gefallen. Er ist zwar noch sehr präsent in meiner Erinnerung an die Wirtschaft von Opa – diese Mischung aus Bier, Apfelwein, Zigarrenrauch und den alten Holzvertäfelungen – aber vermissen tue ich ihn nicht. Nein, was ich wirklich vermisse, ist Opa selbst. Seine Ruhe, seine Gelassenheit, seine Art, einfach da zu sein. Und doch kann ich sagen: Er ist in meiner Erinnerung noch lebendig. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn förmlich vor mir, höre seine Schritte, rieche sein Rasierwasser. In diesem Sinn ist er noch immer Teil meines Lebens, auch wenn er längst nicht mehr da ist.
FRAGE:
„Opa hatte Angst vor Demenz – hast du manchmal auch diese Angst?“
Antwort:
Oh ja, diese Angst kenne ich. Sie begleitet mich, und sie spiegelt sich nicht zuletzt im Titel meines Podcasts wider. Opa hat damals versucht, mit Baldrian und Kreuzworträtseln gegenzusteuern – das war seine Art, sich zu schützen. Ich selbst gehe einen anderen Weg. Ich versuche, mich neuen Herausforderungen zu stellen, mich nicht zurückzuziehen, sondern aktiv zu bleiben. Dieses Podcast-Projekt ist ein gutes Beispiel dafür. Es zwingt mich, mich mit Sprache, Erinnerungen und Technik auseinanderzusetzen. Und vor allem glaube ich an das berühmte lebenslange Lernen. Solange ich neugierig bleibe, mir Wissen aneigne und mich mit neuen Dingen beschäftige, habe ich das Gefühl, dieser Angst etwas entgegensetzen zu können.
Frage:
„Die Gummibärchen in der Zigarrenkiste – das klingt nach einer ganz besonderen Kindheitserinnerung. Isst du heute noch Gummibärchen, wenn du an Opa denkst? Oder ist diese kleine Leidenschaft längst zu einer eigenen, dauerhaften ‚Sucht‘ geworden?“
Antwort:
Nein, Willi – du hast mich ertappt! Ich esse Gummibärchen nicht nur dann, wenn ich an Opa denke. Sonst müsste ich ja praktisch dauernd an ihn denken. Gummibärchen sind eine meiner wenigen echten Süchte. Ich liebe sie einfach – egal ob aus einer Zigarrenkiste oder aus einer modernen Tüte. Aber natürlich haben sie für mich auch eine besondere Verbindung zu Opa. Denn damals, in dieser alten Zigarrenkiste, hatten sie ein ganz eigenes Aroma, eine Mischung aus Süßigkeit und Zigarrenbouquet. Das war einzigartig. Heute genieße ich sie ohne Zigarrenkiste, aber mit einem kleinen Schmunzeln im Gesicht, weil ich weiß, woher meine Leidenschaft für diese bunten kleinen Bärchen kommt.
Folge 010
Es war jedes Jahr derselbe Zauber, der sich über Beerfelden legte, wenn der Herbst kam. Die Luft wurde klarer, die Tage kürzer, und über den Hügeln hing dieser feine Duft von feuchtem Laub und reifen Äpfeln. Für uns Kinder bedeutete das: Es war Zeit für die große Apfelernte bei Opa.
Das Gartengrundstück mit der alten Scheune lag in der „Stried“, dieser einzigen ebenen Straße im Ort, wo auch die Grundschule stand. Gleich dahinter begann Opas „Baumstück“, ein kleines Paradies voller Apfelbäume, die sich im Herbst unter der Last ihrer Früchte bogen. Für uns war das kein gewöhnlicher Garten – es war ein Ort voller Geschichten, voller Arbeit und voller Freude. Und jedes Jahr, wenn die ersten Blätter fielen, wussten wir: Bald wird wieder geschüttelt, gelesen und gekeltert.
Mit Jutesäcken, Körben und dem langen Schüttelhaken bewaffnet zogen wir los. Die Älteren übernahmen das Schütteln – ein kräftiger Ruck an den Ästen, und schon prasselten die Äpfel wie ein kleiner Regen auf den Boden. Wir Kinder stürzten uns lachend dazwischen, sammelten die Früchte in Körbe, die dann in die großen Säcke umgefüllt wurden. Diese Säcke hatten ihren eigenen Geruch – muffig, nach Staub und Scheune, nach einem ganzen Jahr des Wartens auf diesen Einsatz. Manchmal war einer so morsch, dass er beim Aufladen aufriss und die Äpfel wie Murmeln über den Boden kullerten. Dann gab es ein großes Gelächter, und alle halfen zusammen, um das Malheur zu beheben.
Wenn die Säcke voll waren, wurden sie auf den großen Wagen geladen. Der rumpelte dann durch den Ort zur Gärtnerei Berger. Für uns war das der Höhepunkt: die Kelter. Schon der Gedanke daran ließ uns schneller laufen. Die Gärtnerei war ein Ort, der nach Holz, nach feuchtem Stein und nach Obst roch – ein Geruch, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Dort begann das eigentliche Wunder. Zuerst wurden die Äpfel aus den Säcken in einen großen Trog voller Wasser gekippt. Das Platschen war Musik in unseren Ohren. Wir Kinder standen drumherum und sahen zu, wie die Äpfel glänzend und sauber wieder auftauchten. Dann kamen sie in den Trichter der Schneidemaschine, die aussah wie ein riesiger Fleischwolf. Das Hecheln der Messer, das dumpfe Geräusch, wenn die Äpfel hineinfielen – all das war für uns aufregend. Aus den ganzen Früchten wurden grobe Schnitzel, die in den Kelterbottich geschaufelt wurden. Und dann kam dieser Moment, wenn der Bottich voll war und der Duft von frischem Apfel die ganze Halle erfüllte. Es war, als hätte man den Herbst selbst eingefangen.
Auf die Apfelmasse legte man dicke Bretter, und dann begann die eigentliche Pressarbeit. Die Presse war ein mächtiges Gerät, mit einem Gewinde in der Mitte und zwei langen Schenkeln, die wie Arme wirkten. An jedem Schenkel standen zwei Männer, die sich mit aller Kraft daran machten, die Gewichte nach unten zu drehen. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, erhöhte sich der Druck. Wir Kinder hielten den Atem an, wenn aus dem Auslass des Bottichs der erste Strahl goldenen Safts hervorquoll. Dann wurde es ein stetiger Fluss, und der Duft wurde noch intensiver – süß, frisch, lebendig. Wir durften immer ein Glas vom ersten Saft probieren. Es war das Beste, was man sich vorstellen konnte: klar, süß, mit einem Hauch Säure. Für uns war das der Geschmack des Herbstes. Die großen Glasflaschen wurden gefüllt und dann in Opas Keller gebracht, gleich unter der Gaststätte, die nur ein paar Schritte entfernt lag. Dort begann die zweite Magie: Aus Saft wurde Most, und aus Most wurde Apfelwein. Opa überwachte alles mit strengem Blick, aber auch mit einem Lächeln, das zeigte, wie sehr er diese Arbeit liebte. Unter Zugabe von Hefe und mit viel Geduld reifte der Apfelwein in den großen Fässern. Für uns Kinder war das ein geheimnisvoller Prozess – wir durften nicht alles sehen, aber wir wussten: Hier unten, im kühlen Keller, geschah etwas Besonderes.
Heute, wenn ich daran zurückdenke, sehe ich nicht nur die Arbeit, sondern auch die Gemeinschaft. Es war nie eine Pflicht, sondern ein Fest. Jeder half mit, jeder lachte, und am Ende gab es immer diesen Moment, wenn wir zusammenstanden, den frischen Saft in der Hand, und wussten: Das ist unser Herbst. Das ist unser Stück Heimat.
Folge 011
Es war jedes Jahr derselbe Zauber, der sich über Beerfelden legte, wenn der Herbst kam. Die Luft wurde klarer, die Tage kürzer, und über den Hügeln hing dieser feine Duft von feuchtem Laub und reifen Äpfeln. Für uns Kinder bedeutete das: Es war Zeit für die große Apfelernte bei Opa.
Das Gartengrundstück mit der alten Scheune lag in der „Stried“, dieser einzigen ebenen Straße im Ort, wo auch die Grundschule stand. Gleich dahinter begann Opas „Baumstück“, ein kleines Paradies voller Apfelbäume, die sich im Herbst unter der Last ihrer Früchte bogen. Für uns war das kein gewöhnlicher Garten – es war ein Ort voller Geschichten, voller Arbeit und voller Freude. Und jedes Jahr, wenn die ersten Blätter fielen, wussten wir: Bald wird wieder geschüttelt, gelesen und gekeltert.
Mit Jutesäcken, Körben und dem langen Schüttelhaken bewaffnet zogen wir los. Die Älteren übernahmen das Schütteln – ein kräftiger Ruck an den Ästen, und schon prasselten die Äpfel wie ein kleiner Regen auf den Boden. Wir Kinder stürzten uns lachend dazwischen, sammelten die Früchte in Körbe, die dann in die großen Säcke umgefüllt wurden. Diese Säcke hatten ihren eigenen Geruch – muffig, nach Staub und Scheune, nach einem ganzen Jahr des Wartens auf diesen Einsatz. Manchmal war einer so morsch, dass er beim Aufladen aufriss und die Äpfel wie Murmeln über den Boden kullerten. Dann gab es ein großes Gelächter, und alle halfen zusammen, um das Malheur zu beheben.
Wenn die Säcke voll waren, wurden sie auf den großen Wagen geladen. Der rumpelte dann durch den Ort zur Gärtnerei Berger. Für uns war das der Höhepunkt: die Kelter. Schon der Gedanke daran ließ uns schneller laufen. Die Gärtnerei war ein Ort, der nach Holz, nach feuchtem Stein und nach Obst roch – ein Geruch, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Dort begann das eigentliche Wunder. Zuerst wurden die Äpfel aus den Säcken in einen großen Trog voller Wasser gekippt. Das Platschen war Musik in unseren Ohren. Wir Kinder standen drumherum und sahen zu, wie die Äpfel glänzend und sauber wieder auftauchten. Dann kamen sie in den Trichter der Schneidemaschine, die aussah wie ein riesiger Fleischwolf. Das Hecheln der Messer, das dumpfe Geräusch, wenn die Äpfel hineinfielen – all das war für uns aufregend. Aus den ganzen Früchten wurden grobe Schnitzel, die in den Kelterbottich geschaufelt wurden. Und dann kam dieser Moment, wenn der Bottich voll war und der Duft von frischem Apfel die ganze Halle erfüllte. Es war, als hätte man den Herbst selbst eingefangen.
Auf die Apfelmasse legte man dicke Bretter, und dann begann die eigentliche Pressarbeit. Die Presse war ein mächtiges Gerät, mit einem Gewinde in der Mitte und zwei langen Schenkeln, die wie Arme wirkten. An jedem Schenkel standen zwei Männer, die sich mit aller Kraft daran machten, die Gewichte nach unten zu drehen. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, erhöhte sich der Druck. Wir Kinder hielten den Atem an, wenn aus dem Auslass des Bottichs der erste Strahl goldenen Safts hervorquoll. Dann wurde es ein stetiger Fluss, und der Duft wurde noch intensiver – süß, frisch, lebendig. Wir durften immer ein Glas vom ersten Saft probieren. Es war das Beste, was man sich vorstellen konnte: klar, süß, mit einem Hauch Säure. Für uns war das der Geschmack des Herbstes.
Die großen Glasflaschen wurden gefüllt und dann in Opas Keller gebracht, gleich unter der Gaststätte, die nur ein paar Schritte entfernt lag. Dort begann die zweite Magie: Aus Saft wurde Most, und aus Most wurde Apfelwein. Opa überwachte alles mit strengem Blick, aber auch mit einem Lächeln, das zeigte, wie sehr er diese Arbeit liebte. Unter Zugabe von Hefe und mit viel Geduld reifte der Apfelwein in den großen Fässern. Für uns Kinder war das ein geheimnisvoller Prozess – wir durften nicht alles sehen, aber wir wussten: Hier unten, im kühlen Keller, geschah etwas Besonderes.
Heute, wenn ich daran zurückdenke, sehe ich nicht nur die Arbeit, sondern auch die Gemeinschaft. Es war nie eine Pflicht, sondern ein Fest. Jeder half mit, jeder lachte, und am Ende gab es immer diesen Moment, wenn wir zusammenstanden, den frischen Saft in der Hand, und wussten: Das ist unser Herbst. Das ist unser Stück Heimat.
Folge 012
Gleichzeitig mit dem Umbau des Geschäftshauses, den ich in der letzten Folge erwähnt habe, betrat auch unser Bruder Ralf die Bühne. Er erwarb im Sturm meine Zuneigung. Gleich bei unserer ersten Begegnung streckte ich ihm meinen Zeigefinger zur Begrüßung entgegen und Ralf griff mit seiner winzigen Säuglingshand nach meinem Finger, hielt ihn fest und ließ ihn nicht mehr los. Okay, irgendwann musste ich ja mit Papa und Ursula den Schauplatz wieder verlassen und so musste ich meinen Finger aus Ralfs mächtigem und anrührenden Säuglingsgriff befreien. Da war er nun und nahm zunächst alle Aufmerksamkeit der Familie in Anspruch. Er war so klein und schien etwas verschrumpelt. Der Sohn meiner Tante Hertha war ein halbes Jahr älter und sah schon so viel praller und fester aus! Aber Ralf holte den Rückstand schnell auf und kaum dass ich mich versah, fuhr er auf seinem Kettcar wie ein Henker durch den Laden der Eltern. Ralf war da extrem geschickt. Ich, der ich als Kind ein arger Tölpel war, wie ich ja bereits in früheren Folgen beschrieben habe, hätte mit diesen Aktionen schon längst die Einrichtung ruiniert oder mir alles gebrochen. Für mich war es schon eine arge Herausforderung, wenn ich versuchte, mit einem Spiegel in der Hand, den ich vor dem Bauch hielt, in dem ich die Decke des Ladens ansah und versuchte, auf diese Art unbeschadet vom „Damensalon“ über die Parfümerie in den Herrensalon zu gelangen. Aber genau das war ein bei Ursula und mir sehr beliebtes Unterfangen. Ralf war lieber auf fahrbaren Untersätzen unterwegs, egal ob mit zwei, drei oder vier Rädern. Und schon kam er in den Kindergarten und schnell gehörte es zu meinen Pflichten, Ralf nachmittags dort abzuholen. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich es einmal vergessen hatte, weil ich es vorzog, mit Klassenkameraden in der Eisdiele „Lido“ am Flipper zu spielen. Als ich schuldbewusst, aber zu spät nach Hause kam, erwartete mich ein riesiges Donnerwetter! ……. wie man so schön sagt…..rutschte Mama dabei die Hand aus. Ich ging mit klein Ralf Schlitten fahren in den „Schlinggrund“, zum Rad fahren in die Striet und spielte mit ihm im Haus so gut es mir mit dem Altersunterschied von 8 Jahren möglich war oder schaute mit ihm Kindersendungen, was mir in meiner Kindheit aus Mangel an Gelegenheit verwehrt blieb. So gingen die Jahre ins Land, Ralf wurde größer und ich hätte mich mehr mit ihm beschäftigen können, entwickelte aber andere Interessen, die besser mit Klassenkameraden oder etwas gleichaltrigen Freunden funktionierten. So ist das halt bei einem solchen Altersunterschied. Anfangs, als Ralf noch klein war, war auch hin und wieder Ursula gefordert, wenn mal „etwas in die Hose ging“. Das Problem konnte Ursula sehr gut beheben und wir behielten es auch für uns! Es war schon sehr schön, so einen kleinen Wildfang dabei zu haben. Etwas später, so etwa mit 13 Jahren, entschied ich mich, natürlich nicht ohne gutes Zureden seitens meines Vaters, in dessen sportliche Fußstapfen zu treten und wechselte vom Kinderturnen in die Beerfeldener Sportakrobatik-Riege. Das bedeutete 2 mal in der Woche Training in unserer 5er-Gruppe. Immer Donnerstagabends und sonntags morgens. Nach 2 Jahren waren wir dann reif für Auftritte auf Sportfesten, Faschingssitzungen, Vereinsfesten, also zu jeder Gelegenheit, die sich ergab, unsere Akrobatik einem geneigten Publikum vorzuführen. Noch etwas später nahmen wir dann auch an Akrobatik-Meisterschaften teil und brachten es tatsächlich zum Deutschen Vizemeister in der 5er-Gruppe.