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„Oma – Eine literarische Erinnerung im Stil von Thomas Bernhard“
„Darf ich vorstellen, sage ich, obwohl es eigentlich lächerlich ist, jemanden vorzustellen, der sich selbst immer vorgestellt hat, der sich selbst immer ins Zentrum gestellt hat, der sich selbst immer als Mittelpunkt der Familie begriffen hat, als Mittelpunkt, als Achse, als Drehpunkt, als unverrückbare Säule, die alles trägt und gleichzeitig alles niederdrückt, darf ich vorstellen: Oma, einfach nur Oma, nicht die Kitzloch-Oma, die andere, die im Kitzloch, die mit dem Loch, das schon im Namen steckt, nein, hier geht es um Oma, die Oma, die eigentliche Oma, die Oberhauptfrau, die Familienkommandantin, die Schweißperlenkönigin, die Hitzeherrscherin, die Frau, die immer schwitzte, immer brannte, immer glühte, die Frau, die schon morgens sagte, Ach, bist du auch schon wach, ich bin heute schon zum dritten Mal nassgeschwitzt, und man wusste, man wusste, dass dieses dritte Mal ein erfundenes drittes Mal war, ein drittes Mal, das in Wahrheit das dreihundertste Mal war, das dreitausendste Mal, das dreimillionste Mal, denn Oma war immer nassgeschwitzt, immer, immer, immer. Oma war ein Dampfkessel, ein unter Druck stehender Dampfkessel, der nie explodierte, weil er sich selbst regulierte, selbst abdampfte, selbst entlüftete, indem sie schwieg, indem sie schaute, indem sie die Augenbraue hob, und alle wussten, alle wussten, dass man springen musste, springen, wenn Oma schwieg, springen, wenn Oma atmete, springen, wenn Oma nur im Türrahmen erschien, denn Oma musste nicht laut werden, Oma wurde nie laut, das war das Schreckliche, das war das Furchtbare, das war das, was uns alle in Schach hielt, dieses lautlose Regiment, dieses stumme Diktat, dieses faltenlose, blasse, rundliche Gesicht, das wie eine Maske war, eine Maske, die nie verrutschte, nie bröckelte, nie etwas preisgab. Und diese Kittelschürzen, diese geblümten Kittelschürzen, die sie trug wie eine Uniform, wie eine Rüstung, wie ein Panzer, der sie unverwundbar machte, unnahbar, unantastbar, und ich kann mich nicht erinnern, was sie darunter trug, ich kann mich nicht erinnern, weil die Kittelschürzen alles waren, alles, was man sah, alles, was man wahrnahm, alles, was sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, eingebrannt wie ein Brandmal, und sie roch nach überreifen Äpfeln, nach überreifen Äpfeln, und sie sagte, das komme vom hohen Zucker, vom hohen Zucker, und ich glaubte ihr, weil man Oma glauben musste, weil man Oma nicht widersprechen konnte, nicht widersprechen durfte, weil Widerspruch gegen Oma ein Sakrileg gewesen wäre, ein Familienverbrechen, ein Verrat. In der kleinen Küche, dieser winzigen Küche, die gleichzeitig Kommandozentrale, Produktionsstätte, Kontrollraum und Tribunal war, bereitete sie Frühstücke zu, Frühstücke für Fremde, Fremde, die sie nie Fremde nannte, weil sie für sie alle Menschen waren, Menschen, die man zu versorgen hatte, Menschen, die man zu füttern hatte, Menschen, die man mit belegten Broten und heißen Rindswürsten ruhigstellen musste, und für mich machte sie Haferflocken mit Kakao und Milch, Haferflocken mit Kakao und Milch, die ich bis heute schmecke, schmecke wie damals, und dazu ein kleines Glas Fanta, ein kleines Glas Fanta, das für mich das Größte war, das Größte, weil es von Oma kam, von Oma, die nie etwas ohne Grund tat, nie etwas ohne Absicht tat, nie etwas ohne Bedeutung tat. Später, als die Gaststätte nicht mehr existierte, als die Brunnenstube Geschichte war, als Oma und Opa Hinnedrowwe wohnten, in diesem Hinterhaus, das wie ein Abstellraum der Vergangenheit wirkte, bereitete sie samstags das Mittagessen zu, das Mittagessen für die ganze Familie, für die Mitarbeiter, für alle, die kamen, und es gab Gemüsesuppe, dicke Gemüsesuppe, und Apfelpfannkuchen oder Hefekuchen, und alle kamen nacheinander, und ich kam immer zuletzt, immer zuletzt, weil ich spät aus der Schule kam, und Oma wartete, wartete, als wäre das Warten ihre eigentliche Aufgabe, wartete, als wäre das Warten ihre letzte Macht, ihre letzte Möglichkeit, gebraucht zu werden, und sie wartete mit einer Intensität, die fast schmerzhaft war, fast unerträglich, fast grotesk. Oma und Mama, sage ich, Oma und Mama, das war ein eigenes Drama, ein eigenes Theaterstück, ein Stück, das täglich aufgeführt wurde, täglich, stündlich, minütlich, ein Stück aus Neugier und Provokation, aus Schranktüren und eingepackten Blusen, aus Bemerkungen wie Diese grüne Bluse kenne ich noch gar nicht, Bemerkungen, die wie Dolchstiche waren, Dolchstiche, die sagten: Du hast zu viel, du kaufst zu viel, du bist verschwenderisch, und Oma war nicht verschwenderisch, Oma war das Gegenteil, Oma war die Antiverschwenderin, die Sparmeisterin, die Geldzusammenhalterin, die Frau, die den berühmten Satz sagte, den Satz, den ich erst viel später verstand: Wir sind zu arm, um billig zu kaufen, wir sind zu arm, um billig zu kaufen, und ich verstand es nicht, verstand es erst, als ich selbst zu arm war, um billig zu kaufen. Und dann mein Coming-out, mein Coming-out, das Oma nicht verstand, nicht verstehen konnte, nicht verstehen wollte, weil sie in ihrem Rollenverständnis gefangen war, gefangen wie ein Tier im Käfig, gefangen in einer Welt, in der Männer Frauen heiraten und Frauen Männer heiraten und alles andere nicht existiert, nicht existieren darf, und sie fragte mich immer wieder, immer wieder, ob ich nicht doch eine Frau heiraten wolle, eine Frau, damit das Geschäft weitergehe, damit der Haushalt in Ordnung sei, und ich sagte nein, und sie verstand es nicht, und sie akzeptierte es, aber sie verstand es nicht, und das war Oma, das war Oma in ihrer ganzen Starrheit, in ihrer ganzen Unbeweglichkeit, in ihrer ganzen Unfähigkeit, die Welt anders zu denken, als sie sie gelernt hatte. Je älter ich wurde, desto näher kam ich ihr, desto näher rückte sie an mich heran, desto mehr erkannte ich, was hinter der Fassade lag, hinter der Kälte, hinter der Distanz, hinter der Unnahbarkeit, und ich sah, dass sie nicht gefühllos war, nicht kalt, nicht hart, sondern unfähig, unfähig, Gefühle zu zeigen, unfähig, sich zu öffnen, unfähig, sich verletzlich zu machen, und ich sah, dass sie mich liebte, liebte auf ihre Art, liebte, ohne es zu sagen, liebte, ohne es zu zeigen, liebte, indem sie Haferflocken machte und Gemüsesuppe kochte und Kittelschürzen trug. Ihre Geburtstage, sage ich, ihre Geburtstage waren ihre großen Tage, ihre großen Auftritte, ihre Krönungszeremonien, ihre Momente, in denen sie Königin war, Königin der guten Stube, Königin des Frankfurter Kranzes, Königin des Bienenstichs, Königin der Windbeutel, und die Großonkel und Großtanten kamen, kamen aus Sensbach, aus Strümpfelbrunn, aus Eberbach, kamen und belagerten das Wohnzimmer, und Oma strahlte, strahlte wie eine Königin, die endlich gesehen wird, endlich gehört wird, endlich gebraucht wird. Dann die Operation, die Gallenoperation, die Routineoperation, die keine Routine war, die zum Wachkoma führte, zum Schock, zum Stillstand, und als sie zurückkam, zurück ins Leben, zurück in die Küche, zurück in die Familie, war sie nicht mehr dieselbe, und Opa erkannte sie nicht mehr, erkannte sie nicht mehr, weil seine Alzheimer-Erkrankung explodierte, explodierte wie ein Pulverfass, und Oma fragte ihn, fragte ihn immer wieder, wer sie sei, und er wusste es nicht, wusste es nicht, und sie verstand es nicht, verstand nicht, dass sie für ihn verschwunden war, verschwunden wie ein Schatten, verschwunden wie ein Traum. Oma wurde 89, 89 Jahre, und starb dort, wo sie gelebt hatte, starb dort, wo sie geschwitzt hatte, wo sie gekocht hatte, wo sie regiert hatte, starb dort, wo Mama sich um sie kümmerte, pflichtbewusst, pflichtbewusst bis zum Schluss, und ich denke, sage ich, ich denke, dass Oma, die immer die Hitze hatte, am Ende kalt wurde, kalt und still, und dass wir erst dann begriffen, wer sie war, wer sie wirklich war, wer sie immer gewesen war: Oma, einfach nur Oma.“
„Die Nadel im Vinyl der Zeit – im Stil von Ingeborg Bachmann“
Die Stereo-Anlage war mein erstes schwarzes Loch.
Nicht im Kosmos, nicht in der Physik – sondern in mir. Ein Schlund, der alles verschluckte: die Stimme, die zu tief war für den Chor, die Blicke, die ich nicht erwidern durfte, die Worte, die wie unreife Früchte in meinem Hals stecken blieben. Kashmir war kein Lied. Es war ein Fluss, der mich mitriss, während die anderen am Ufer standen und Steine warfen. Herr Stöckelers Schlüsselbund traf mich wie ein Meteorit – nicht im Fleisch, sondern im Klang meiner selbst. ‘Deine Stimmakrobatik ist nicht chortauglich.‘ Ich ging. Nicht weil ich vertrieben wurde. Sondern weil ich längst woanders war: in einem Universum aus Bässen und Räucherwerk, wo die Luft nach Moschus und Rebellion schmeckte. Die anderen lachten. Ihr Lachen war Glassplitter auf dem Boden meiner leeren Lunge.
Die Clique im Starmix:
Wir saßen dort wie Vögel auf einer Stromleitung – jeder Moment ein Gleichgewicht, das jeder Atemzug gefährdete. Sigrid warf mir einen Blick zu, heiß wie eine Zigarette, die man zwischen den Fingern zerdrückt. Ich fing ihn auf. Ich trank ihn. Aber ich schluckte auch die Asche. Denn ich wusste: Ich war kein Vogel. Ich war der Draht, der sie alle trug – unsichtbar, aber notwendig. ‘Wir haben nichts als Unsinn im Sinn‘, riefen sie. Ich hatte die ganze Welt im Sinn – und sie war zu schwer, um sie auszusprechen. Herr Gelbhaar vor der Tafel: ein letzter Mohikaner, der gegen die Flut unserer Jugend ankämpfte. ‘Ich halte das nicht aus!‘, brüllte er. Ich dachte: Ich auch nicht. Aber ich atmete weiter, wie ein Fisch auf dem Trockenen, bis die erste Platte mich rettete.
Kaufhaus Knoll:
Ein Labyrinth aus Dingen, die nach Leben rochen, aber keins hatten. Bis ich diese eine Scheibe in den Händen hielt: Houses of the Holy. Sie war kein Kauf. Sie war ein Pakt. Die Verkäuferin lächelte, als wüsste sie, dass ich kein Kunde war, sondern ein Pilger. ‘Die müssen wir bestellen.‘ Ich nickte. Ich wusste, dass Warten meine einzige Währung war. Zu Hause. Das Dachfenster offen wie ein Mund, der nach Himmel schreit. Die Musik so laut, dass Ralfs Tränen Silberfäden in der Dunkelheit wurden. ‘Ich kann nicht schlafen!‘, jammerte er. Ich drehte sie noch lauter. Es war kein Trotz. Es war die erste Sprache, die ich verstand.
Das Elternhaus:
Ein Museum der Masken. Ralf schlief in meinem alten Bett, als könnte er meine Träume tragen wie ein zu großes Hemd. Die Eltern zogen um, als wäre Umzug ein Synonym für Flucht. Und ich? Ich bezog das Dachgeschoss – diesen leeren Bauch des Hauses, wo die Wände aus Pink-Floyd-Postern atmeten und die Stereo-Anlage mein einziges Gebetbuch war. Die Nadel senkte sich. Ein Kratzer im Vinyl – ein Riss in der Zeit. Ich saß mittendrin, zwischen den Boxen, die mein Herz waren, und der Platte, die sich drehte wie die Erde unter meinen Füßen. Sturmhöhe lag aufgeschlagen auf meinen Knien, aber ich las nicht. Ich hörte zu, wie Cathy über die Moore meiner Seele lief, während Plant die Gitarren wie Blitze über den Himmel jagte. Beides war eins. Beides war ich. Manchmal, wenn der Rauch der Räucherstäbchen sich krümmte wie eine Frage, dachte ich: Hier bin ich sicher. Hier bin ich nichts – und alles.
Die erste Liebe:
Sie galt einem Jungen im Starmix. Sein Led-Zeppelin-T-Shirt war eine Landkarte, die ich mit den Fingerspitzen abtastete, als könnte ich seine Haut lesen. Ich wusste nicht, wie man Begehren zeigt. Ich wusste nur, wie man schweigt. Wie man zuhört, bis die Stille zwischen den Songs lauter wird als die Musik selbst. Später, als ich Kashmir hörte und Sturmhöhe las, verstand ich: Manche Dinge gehören zusammen, weil sie denselben Bruch tragen. Wie ich. Wie die Platte, die sprang, wenn die Nadel zu schwer war. Wie die Stimme, die keinen Chor mehr brauchte, um wahr zu sein.
Der Auszug:
Die Tür fiel ins Schloss wie ein Sargdeckel – nicht für die Kindheit, sondern für die Lüge, dass ich dazugehören müsste. Ich nahm keine Möbel mit. Nur die Platten, die Bücher, die Narben der Songs in meinen Ohren. Und manchmal, wenn ich heute Kashmir höre, rieche ich noch den Moschus. Ich sehe mein altes Zimmer, das leer ist – außer von den Geistern der Klänge, die an den Wänden kleben wie abgeblätterte Tapeten. Und ich denke: Vielleicht war das die ganze Zeit der Punkt. Dass man nicht dazugehören muss. Dass man nur dazugehören muss – zu sich selbst, wie die Nadel zum Vinyl, wie der Mond zur Nacht, wie der Schmerz zur Erinnerung.“
„Mutproben – im Stil von Max Frisch“
„Es gibt Momente im Leben, die sich nicht einordnen lassen – nicht als Heldentat, nicht als Schandtat, nicht einmal als das, was man landläufig eine Jugendsünde nennt. Sie bleiben einfach da, wie ein Kratzer im Lack oder ein Fleck auf der Weste, den man nicht mehr herausbekommt. Eines dieser unbequemen Erinnerungsstücke trägt den Titel: „Der Einbruch in die Clubhütte des Fußballvereins Beerfelden“. Und ich war mittendrin. *Wir waren vierzehn, vielleicht fünfzehn, jenes Alter, in dem man noch nicht weiß, wer man ist, aber schon genau spürt, wer man nicht sein will: nämlich langweilig. An diesem Nachmittag – es muss Spätsommer gewesen sein, die Luft schwer und klebrig wie ein nasser Lappen – stromerten wir durch die Ausläufer von Beerfelden, ohne Ziel, ohne Plan, nur mit diesem vagen Gefühl, dass etwas passieren musste. Und dann stand sie plötzlich vor uns: die Clubhütte des Fußballvereins, ein schiefes, windschiefes Ding aus Holz, das aussah, als hätte es jeder Sturm der letzten Jahrzehnte ein Stückchen weiter geneigt. Die Tür war nur angelehnt. Oder vielleicht auch gar nicht richtig geschlossen. Das war unsere Chance. *Es ging nicht um Diebstahl. Es ging nicht um Vandalenstum. Es ging einfach nur darum, hineinzugelangen. Eine Mutprobe, wie sie nur Jungen in diesem Alter erfinden: beweisbar, risikoreich, und vor allem ohne jeden praktischen Nutzen. Drinnen roch es nach Schweiß, Bier und altem Holz. Auf dem Tisch standen leere Gläser, eine angebrannte Kerze, und in der Ecke: Zigaretten und eine halbe Flasche Korn. Wir tranken. Nicht weil wir durstig waren. Sondern weil es dazugehörte. Der Alkohol brannte wie flüssiges Feuer, und ich erinnere mich, wie einer von uns – ich glaube, es war der Katholische, der später beichten durfte – sagte: „Jetzt sind wir richtige Verbrecher.“ Wir lachten. Aber es war ein nervöses Lachen, das keiner so recht glaubte. *Die Sache mit der Beichte war ein unfairer Vorteil. Während meine katholischen Komplizen am nächsten Sonntag alles abwaschen konnten, blieb ich, der arme Protestant, mit meinem schlechten Gewissen zurück. Wochenlang. Vielleicht Monate. Vielleicht Jahre. Ich malte mir aus, wie die Polizei vor der Tür stand, wie meine Eltern enttäuscht die Köpfe schüttelten, wie ich für immer als Krimineller gebrandmarkt war. Dabei hatten wir nichts zerstört. Nur das Türschloss – und das war schon kaputt gewesen. Vandalen? Nein. Amateure der kleinen Regelüberschreitung. *Von da an war ich nur noch Schmiere. Nicht aus Überzeugung, sondern aus praktischer Vernunft. Ich hatte keine Lust, noch einmal dieses mulmige Gefühl zu spüren, dieses „Jetzt kommt gleich die Strafe“. Aber ich war gut darin. Ich sah aus wie jemand, der etwas vorhat – rotes Gesicht, nervöses Zucken, die ganze Körpersprache eines Schuljungen, der gerade eine Lüge erzählt. Während ich also auffällig vor dem Kiosk oder im Supermarkt herumstand, konnten meine Kameraden in Ruhe die Regale plündern. Ob ich je etwas abbekam? Nein. Ich war der Moralist, der sich weigerte, die Beute anzurühren. Als ob ich durch Verzicht meine Sünden tilgen könnte. Lächerlich, wenn man heute daran denkt. *Die Klassenfahrten waren unser eigentliches Trainingslager. Streitberg, das erste Mal: Wir waren noch unschuldig, der Alkohol spielte kaum eine Rolle, und alles war aufregend, weil es neu war. Die Nächte verbrachten wir damit, uns gegensitig in den Schlafräumen zu besuchen – was eigentlich verboten war, aber niemand kontrollierte. Beim zweiten Mal in Streitberg waren wir siebzehn und nicht mehr zu bändigen. Der Alkohol floss in Strömen, und ich erinnere mich an nichts – außer an ein vages Gefühl von Übelkeit und die Gewissheit, dass wir irgendetwas angestellt hatten, das besser nicht dokumentiert werden sollte. *Dann Büsum. Das erste Wellenhallenbad meines Lebens. Ich wollte nie wieder in ein normales Hallenbad. Die Krabben von der Mole – kiloweise, frisch, die reinste Götterspeise. Die Springflut, die uns durchnässte, bis auf die Knochen. Die Wattwanderungen, bei denen wir plötzlich von der auflaufenden Flut überrascht wurden. Und Helgoland: Die stürmische Überfahrt, die Seekrankheit, der Kauf von Zigaretten und Alkohol – ohne Alterskontrolle, weil es andere Zeiten waren. *Und dann Holland. Die Jugendfreizeit mit Pfarrer Pasenau – dem besten Pfarrer aller Zeiten. Wir schipperten auf einem rustikalen Hausboot durch die Kanäle, plünderten die einheimischen Supermärkte, und ich erlebte meinen ersten Zungenkuss – mit einem Mädchen vom anderen Boot, deren Namen ich längst vergessen habe. Nur der Salat in der Esskajüte ist mir unvergesslich geblieben: knackig, holländisch, mit viel zu viel Mayonnaise. Ekelhaft-lecker. Verrückt, wie das Gehirn solche Dinge festhält. *In Dänemark zelteten wir an der Westküste. Quallen. Feuer. Gras. Ich „versengte“ Conny ihre gespaltenen Haarspitzen – mit einem Feuerzeug, mitten in der Nacht, im Zelt. Der Gestank weckte das ganze Lager, und alle dachten, wir brennen. Aber es waren nur Haare. Und in Kopenhagen probierte ich zum ersten Mal Gras. Es wurde mir aufgedrängt, und ich weigerte mich nicht – aus Höflichkeit, aus Neugier, aus Dummheit. Die Wirkung? Enttäuschend. Wie eine schlechte Zigarette. Aber immerhin: Ich hatte es versucht. *Und heute? Heute lächele ich über den Jungen, der ich damals war. Der alles ausprobieren wollte – und manches lieber hätte lassen sollen. Der glaubte, er müsse gegen Regeln verstoßen, um dazuzugehören. Der sich schuldig fühlte, weil er keine Beichte ablegen konnte. Vielleicht war es gerade das, was mich gerettet hat: dieses ständige Hinterfragen, dieses *„Ist das wirklich ich?“. *Manchmal, wenn ich an diese Jahre zurückdenke, kommt mir der Gedanke, dass wir alles richtig gemacht haben – weil wir es falsch gemacht haben. Dass gerade die Fehler, die Peinlichkeiten, die kleinen Verbrechen uns zu den Menschen gemacht haben, die wir heute sind. Und dass Munki, der Aufblasaffe aus einer anderen Geschichte, vielleicht der einzige Zeuge dieser Zeit ist, der nicht urteilt.“
„Jugendjahre: Knutschen, Chaos und erste Erkenntnisse“
Beerfelden, Mofas, Conny, Peinlichkeiten und der Weg zu einer wichtigen Wahrheit.)
„Es gibt Zeiten im Leben, die man erst später als „Jugend“ bezeichnet. Damals war es einfach nur das, was man tat, weil alle es taten. Und weil es sich gut anfühlte. Oder aufregend. Oder zumindest nicht langweilig. Ich hatte also meine ersten Freundinnen. Oder sagen wir: Mädchen, mit denen man knutschte und sich gegenseitig versicherte, dass das alles sehr erwachsen sei. Es funktionierte erstaunlich gut. Es machte Spaß. Es war neu. Und es war, wenn ich ehrlich bin, nicht ganz das, was ich suchte — aber das wusste ich damals natürlich nicht. Ich wusste nur: Es war angenehm. Und es war ein Schritt in eine Welt, die man betreten musste, weil alle sie betraten. Wir waren ein Vierergespann: mein bester Freund mit seiner Freundin, ich mit meiner. Wir zogen durch Beerfelden wie eine kleine Jugendbande, die niemandem etwas tat, aber trotzdem das Gefühl hatte, wichtig zu sein. Wir gingen auf Jahrmärkte, Weihnachtsmärkte, hingen im „Lido“ oder im „Starmix“ herum, spielten Flipper, Karten, und taten so, als hätten wir nichts als Zeit. Wahrscheinlich hatten wir wirklich nichts als Zeit. Das „Lido“ und das „Starmix“ waren die Zentren unseres Universums. Wer dort war, gehörte dazu. Wer dort nicht war, hatte Pech. Es gab noch das Jugendheim der evangelischen Kirche, wo wir selbstorganisierte Disco-Partys veranstalteten, die legendär waren — zumindest in unserem eigenen Mythos. Und dann die saisonalen Höhepunkte: Teenager-Ball, Fastnachtsumzug, Lumpenball, Maskenbälle, Kappenabende. Die alte Turnhalle war ständig in Betrieb, als hätte sie einen eigenen Puls. Es gab damals eine Fernsehsendung, die „Wünsch dir was“ hieß. Dietmar Schönherr und Vivi Bach führten durch die Show, und das Konzept war so speziell wie gefährlich: Familien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz traten gegeneinander an und mussten Aufgaben lösen, die irgendwo zwischen spektakulär, peinlich und moralisch fragwürdig lagen. Erfüllten sie diese durchaus speziellen Aufgaben, wurde ihnen ein zuvor geäußerter Wunsch erfüllt. Das Fernsehen stellte damit eine Frage, die man sonst nur im Religionsunterricht hörte: Was ist dir ein Wunsch wert — und was bist du bereit, für die Erfüllung dieses Wunsches zu tun. Einmal setzten sie die Familien in ein Auto, versenkten dieses in einem Wasserbecken und ließen die Familie unter Wasser aussteigen. Es mussten Rettungstaucher zu Hilfe eilen! In einer anderen Sendung erschien die Tochter einer der Familien in einer durchsichtigen Bluse. Nippel-Alarm im deutschen Fernsehen. Ganz Deutschland empört, halb Deutschland fasziniert. Conny war begeistert. Natürlich war sie das. Und natürlich setzte sie alles daran, sich genau so eine Bluse zu besorgen. Ihr Plan: Sie würde sie am Eröffnungsabend des Beerfeldener Pferdemarkts tragen — dem gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres, zumindest in unserem Kosmos. Ich stellte mich selbstverständlich als Begleitperson zur Verfügung. Völlig selbstlos. Als wir das Festzelt betraten, drehten sich alle Köpfe gleichzeitig zu uns um, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ein Raunen ging durch die Reihen. Skandal auf dem Pferdemarkt. Conny strahlte. Ich auch. Es war aufregend, es war schön, und es war einer dieser Momente, in denen man spürt, dass man gerade etwas erlebt, das man nie wieder vergisst. Auftritt geglückt. Wir nahmen alles mit. Kerwe-Festzelte, Pferdemarkt, Feuerwehrfeste, Sportfeste. Und wenn es in Beerfelden nichts zu erleben gab, dann versuchten wir per Anhalter in andere Orte zu gelangen. Wir waren ständig unterwegs, als hätte uns jemand gesagt, dass Stillstand gefährlich sei. Die Ausflüge per Anhalter hatten ihre Tücken. Einmal saßen wir — nach einem lustigen Nachmittag in Erbach — endlich in einem Auto, nachdem wir ewig gewartet hatten. Conny, leicht alkoholisiert, saß auf der Rückbank, rülpste, würgte und fragte den Fahrer dann mit einer Ernsthaftigkeit, die man nicht spielen kann, wo denn hier im Wagen die Toilette sei. Das Gesicht des Fahrers vergesse ich nie. Er war kurz davor, uns alle rauszuwerfen, aber er brachte uns tatsächlich noch ein Stück weiter. Ein anderes Mal nahm uns ein Mann mit, dessen Auto so überheizt war, dass wir dachten, wir würden darin schmelzen. Er schien fahrig, nervös und vermittelte uns das gefühl, bei etwas erwischt worden zu sein. und tatsächlich! irgendwann bemerkte ich, dass er seine Hose geöffnet hatte und verzweifelt versuchte, mit seinem Pullover das zu verdecken womit er sich zuvor beschäftigt hatte. Bevor es peinlich oder fragwürdig werden konnte, bestand ich darauf, dass wir aussteigen. Schade eigentlich — er hatte gute Musik laufen. Uriah Heep. Und es war so schön warm im Auto. Sehr schön und pannenreich war auch unser Erster-Mai-Ausflug nach Darmstadt. Wir hatten uns vorgenommen, mit unseren Mofas dorthin zu fahren. Ich selbst hatte kein Mofa, dafür das Quickly — ein NSU-Moped von 1954, das ich von meinem Opa geerbt hatte. Schon im Nachbardorf Hetzbach machte Connys Mofa schlapp, also fuhr sie auf meinem Gepäckträger mit. Unbequem, aber eine große Gaudi. Irgendwie kamen wir tatsächlich in Darmstadt an. Dort fuhr Harald mit seinem Mofa in die Schienen der Straßenbahn. Ein weiterer heißer Ofen war damit erledigt. Und wir hatten ein Problem: zu viele Menschen, zu wenige fahrbare Untersätze. Wir versuchten, in einer Telefonzelle Hilfe zu bekommen — diese gelben Kästen, die damals noch funktionierten. Connys Vater war gerade von seiner eigenen Mai-Tour zurückgekommen und erklärte sich widerwillig bereit, uns abzuholen. Natürlich nicht alle. In seinen Kombi passten nur zwei von uns und das kaputte Mofa. Conny und Harald fuhren bequem im Auto zurück. Albrecht und ich mussten mit dem Quickly und dem letzten funktionierenden Mofa zurück nach Beerfelden. Das Quickly hielt durch. Bestnote. Wir waren eine heiße Truppe. Zumindest dachten wir das. Im evangelischen Jugendhaus gab es regelmäßige Treffen, die häufig damit endeten, dass die Aufsichtsperson irgendwann die Flucht ergriff und wir Flaschendrehen spielten. Mit allem, was dazugehört: Abdunklung, Kerzen, Zigaretten, eingeschmuggelter Alkohol, und dem allmählichen Befreien von Kleidungsstücken. So machten wir unsere ersten Erfahrungen mit dem, was man später „hormonelle Bedürfnisse“ nennen würde. Spannend war es. auf jeden Fall aber warm, feucht und dunkel. Und ich immer mittendrin. Meine Schwester Ursula hielt sich in dieser Hinsicht zurück. Sie bevorzugte eine gezielte, wenn auch oft erfolglose Einzelpersonenstrategie. Das nur am Rande. Dann hatte ich mal wieder eine feste Freundin. Wir „gingen“ miteinander, wie man das damals nannte. Wochenlang, monatelang, ein Jahr vielleicht? Wir knutschten, wir fummelten, und irgendwann kam der Tag, an dem ich sturmfreie Bude hatte. Jetzt musste es passieren. Dachten wir. Ich hatte Kondome aus der Parfümerie meiner Eltern besorgt und sogar geübt, sie überzuziehen. Die Probe lief gut. Die heiß ersehnte Premiere, sozusagen der Ernstfall um so weniger. Die Aufregung war so groß, dass das Ganze dann ein sehr kurzes Ereignis wurde. Ob es ein Vergnügen war, sei dahingestellt. Für meine Freundin war es bestimmt keins. Für mich war es in erster Linie peinlich. Und damit war die Sache erledigt. Wir sahen uns danach nicht mehr. Das Knutschen und die Zärtlichkeiten mit Mädchen war super. Der Rest leider nicht so wirklich. Mir wurde schlagartig klar, dass da etwas nicht stimmte. Dass es etwas anderes geben musste, etwas, das ich zwar ahnte, aber nicht greifen konnte. Ein tiefes inneres Verlangen, das erst ein gutes Jahr später in Heidelberg seine Erfüllung finden würde. Damit waren meine heterosexuellen Versuche beendet. Nö. Das brauchte ich nicht noch einmal. Und keinem Mädchen wollte ich das zumuten. So vergingen diese aufregenden, manchmal schwierigen Pubertätsjahre: Schule, Jugend- und Konfirmandenstunde, Schreibmaschinen- und Stenokurs, Sportakrobatik, Lido, Starmix, Waldseebad, Erbach, Michelstadt, Ausflüge, Alkohol, Zigaretten und die ersten sexuellen Erkundungen in Jugendheimen, Partykellern und meiner sturmfreien Bude. Es war eine wilde Zeit. Und eine gute. Und eine, die ich heute mit einem Lächeln betrachte — weil sie mich dorthin geführt hat, wo ich wirklich hingehörte.“
„im Stil von Günter Grass – sinnlich, detailverliebt, mit grotesken Untertönen und melancholischem Humor“
Papa: Die frühen Jahre
„I. Der Abwesende als Präsenz
Mein Vater – ein Mann, der die Räume füllte, ohne sie zu betreten. Ein Schattenriss an der Wand des Kinderzimmers, gezeichnet von der Lampe, die meine Mutter nachts brennen ließ, weil ich Angst vor der Dunkelheit hatte. Er war da, ja, wie ein Möbelstück, das man nicht verschiebt: der Schrank, in dem die Rechnungen lagen, der Stuhl, auf dem die Hosen faltenfrei hingen. Doch was er fühlte, das blieb ein Rätsel, verschlossen wie die Büchsen mit den Haarfarben im Damensalon, die nur er öffnen durfte – mit einer Präzision, als handle es sich um Sprengstoff. Meine Mutter und Tante Sophie webten das emotionale Gewebe unserer Familie; er war der Rahmen, starr und unverrückbar, in den man die Fotos steckte. Und doch: Es gab diesen einen Krieg. Der Schuh-Krieg von 19XX. Ein Sonntagsmorgen, die Familie bereit für den Ausflug, die Luft schwer vom Duft von Sir Irish Moos und dem metallischen Hauch der Schuhcreme. Meine Füße – zwei rebellische Inseln – weigerten sich, in die gefangenen Höhlen aus Leder gezwängt zu werden. Papa, mit der Geduld eines Uhrmachers, der eine Bombe entschärft, zog, drückte, schnürte – während ich mich wand wie ein Aal auf dem Trockenen. Doch als die Schnüre endlich geknüpft waren, brach mein erster Putsch aus: „Mama soll’s machen!“ Ein Dekret, das keine Widerrede duldete. Ich, der kleine Tyrann, hatte gesiegt. Nicht, weil ich ihn hasste. Sondern weil er nicht wusste, wie man verliert. II. Der Duft der Autorität Er roch nach etwas, das es heute nicht mehr gibt: nach männlicher Unnahbarkeit, eingepackt in Flanell und Eau de Cologne. Kein Schweiß, keine Faulheit, kein Rauch – nein, es war der Geruch eines Mannes, der seinen Körper wie ein Präzisionsinstrument behandelte. Tabac und Sir Irish Moos, zwei Parfums, die sich in seinen Poren mit etwas Vermischten, das nur er besaß – eine chemische Formel der Distanz. Wenn ich heute an ihm rieche (und ich tue es manchmal, in alten Jacken, die meine Mutter „aus Sentimentalität“ aufbewahrt hat), dann ist es, als würde mir jemand eine Hand auf die Schulter legen und gleichzeitig sagen: „Nicht zu nah, Junge.“ Sein Körper war ein Manifest. Durchtrainiert wie ein griechischer Gott, der sich irrtümlich in die Provinz verirrt hatte, präsentiert mit der Selbstverständlichkeit eines Commanders, der gerade ein Raumschiff vor dem Absturz gerettet hat. Raumpatrouille-Schönherr war sein Stilideal, doch während dieser auf dem Bildschirm die Galaxis rettete, turnte mein Vater auf Geländern, Volksfestbühnen, Familienfeiern – immer bereit, die Gesetze der Schwerkraft zu seinem persönlichen Applaus zu brechen. Die Sechs Freisteiner – sein akrobatisches Regiment – warfen sich durch die Luft wie besessene Engel, und er, ihr Anführer, landete stets mit einem Lächeln, das sagte: „Seht her, ich beherrschte sogar die Physik der Bewunderung.“ Selbst beim Handstand auf der Loreley wirkte er, als gehöre die Welt ihm – zumindest für die Dauer einer Atempause. III. Der Lehrer der stummen Dinge Was er mir nicht an Worten gab, lehrte er durch Taten und Tabus. Die Buchhaltung des Ladens war sein geheimes Reich, ein Labyrinth aus Zahlen, in das er mich gelegentlich führte wie ein Priester seinen Novizen. „Hier, Walter, siehst du? Das ist die Kunst, das Chaos zu bändigen.“ Ich saugte es auf, der trockene Schwamm, der ich war: die Logik der Soll und Haben, die Magie der Aktienkurse, die er auf Millimeterpapier bannte wie ein Kartograph unbekannte Länder. (Später, als ich selbst lernte, dass Geld auch fließen kann, statt nur gezählt zu werden, verstand ich: Er hatte mir beigebracht, die Welt in Kategorien zu ordnen – nur nicht die, die zählten.) Und dann: Science Fiction. Perry Rhodan, die Fantastischen Vier, Batman – seine heimliche Liebe zu Welten, in denen Emotionen in Laserblitzen und nicht in Tränen gemessen wurden. Vielleicht war das sein Weg, mir nahe zu sein: durch Comics und Gleichungen, durch Dinge, die keine Umarmung brauchten. Ich folgte ihm, wie man einem Fremden folgt, der einem eine Landkarte schenkt. Selbst meine Abneigung gegen Käse und Tomaten war nur ein Echo seines Geschmacks – ein weiterer Beweis, dass ich sein Erbe antrat, ohne es zu wollen. IV. Der Akrobat im Stillstand Sein Leben war ein Balanceakt zwischen Bewegung und Starre. Wenn er nicht turnte, buchhalte oder im Garten Beton goss (eine Tätigkeit, die er mit der Hingabe eines Bildhauers ausübte), dann lag er auf dem Sessel – jenem Thron aus Kunstleder, auf dem er seine berühmten Power-Naps hielt. Ein Mann, der selbst im Schlaf effizient war. Die Hausaufgabenkontrolle? Ein Ritual, das wir über uns ergehen ließen wie eine notwendige Impfung. „Das Komma gehört da hin, nicht da.“ Kein Lob. Kein Tadel. Nur die unerbittliche Logik der Richtigkeit. Doch es gab Lichtblicke. Sonntagsmorgens, wenn Ursula und ich uns in das Ehebett schmiegten wie zwei Welpen, während Mama das Frühstück vorbereitete. Dann las er uns vor – „Julio und sein Gummipferd“ oder „Tim und Struppi“ – und für kurze Zeit war er nicht der distanzierte Patriarch, sondern der Erzähler von Abenteuern, dessen Stimme die Bilder zum Leben erweckte. Oder wenn wir auf seinen Beinen „Rakete“ spielten: seine Oberschenkel als Startrampe, seine Waden als Landegestell. „Drei… zwei… eins… Zündung!“ Wir flogen – und er, der sonst so Bodenständige, war für einen Moment unser Pilot. V. Der Fotograf der verlorenen Momente Er filmte uns mit der Super-8-Kamera, als wären wir eine Dokumentation über eine fremde Spezies. Mein „goldener Anzug“ (ein Stoff, der heute als Kitsch durchgehen würde), die Lackschuhe, die ich wie Reliquien hütete, das posenhafte Fotoshooting am Springbrunnen – alles festgehalten mit der kühlen Objektivität eines Ethnologen. Dass die Fotos nichts wurden, war fast symbolisch: Wir waren seine Projekte, nicht seine Kinder. Bis zu dem Tag, an dem Ralf von der Schaukel flog und die Kamera nur noch leeres Gras einfing. „Pleiten, Pech und Pannen“ – das war sein Genre. Die Poesie des Scheiterns. VI. Der Bruch Dann kam die Pubertät. Plötzlich war er „mein Alter“ – ein Fossil, das von Käse und Tomaten sprach, als wären es politische Manifesten. Seine Sportlichkeit? Lächerlich. Seine Sparsamkeit? Kleinlich. Seine Unfähigkeit, mich zu verstehen? Ein Verbrechen. Ich entdeckte Käse. Ich entdeckte mich. Und er? Er blieb zurück wie ein Astronaut, dessen Raumschiff bereits ohne ihn gestartet war. Nachwort (oder: Was bleibt) Heute weiß ich: Seine Unfähigkeit zur Zärtlichkeit war keine Ablehnung. Es war die letzte Bastion eines Mannes, der fürchtete, dass Emotionen ihn aus dem Gleichgewicht bringen könnten – wie ein Handstand, der zu lange gehalten wird. Vielleicht war ich sein größter Fan und sein härtester Kritiker, weil ich in ihm sah, was ich nie werden wollte – und doch, in den faltenfreien Hosen und der peniblen Buchführung, immer wieder erkenne. (Und manchmal, wenn ich heute einen Handstand mache – was ich gelegentlich tue, nur um zu beweisen, dass ich es kann –, rieche ich für einen Augenblick Tabac und spüre seinen unsichtbaren Applaus.) „Erkenntnis im Nebel
„Die Jahre der Konfirmandenstunde
(eine literarische Fassung nach Thomas Bernhard gedacht)
Wenn ich heute an diese Jahre denke, denke ich nicht an Jahre, sondern an eine Art Zustand, einen Zustand aus Lachen, Zigarettenrauch, Konfirmandenstunde, Schreibmaschinenkurs, Eiskaffee Lido, Waldseebad, Starmix, Erbach, Michelstadt, Alkohol, Flaschendrehen und der vollkommen ernsthaften Überzeugung, dass das Leben genau so und nicht anders zu verlaufen habe. Die Pubertät ist ja bekanntlich jener Abschnitt im Leben eines Menschen, in dem alles zum Lachen reizt. Aber wirklich alles. Nicht nur das Lächerliche, sondern gerade das vollkommen Unlächerliche. Ein falscher Blick, eine schiefe Bewegung, ein Geräusch, das jemand macht, ohne zu wissen, dass er es macht – alles wird zum Anlass für Gelächter. Ich war in dieser Hinsicht kein Einzelfall, ich war eher ein Spezialfall. Es verging kaum ein Schultag, kaum eine Stunde im Schreibmaschinenkurs, kaum eine Minute im Stenounterricht, in der ich nicht früher oder später vor die Tür gesetzt wurde, damit ich mich beruhigte. Ich beruhigte mich auch tatsächlich. Zumindest so lange, bis ich wieder in den Raum hinein durfte. Denn kaum sah ich die Gesichter meiner Mitschüler, diese vollkommen unschuldigen Gesichter, brach alles wieder aus mir heraus. Ein besonders denkwürdiger Fall ereignete sich in der Konfirmandenstunde. Die Konfirmandenstunde war im Grunde genommen ein Raum, in dem Frömmigkeit und jugendliche Blödheit regelmäßig aufeinandertrafen und meistens die Blödheit gewann. An diesem Tag hatte ich die Stunde erstaunlicherweise ohne Lachanfall überstanden. Pfarrer Neff hielt das Schlussgebet. Wir standen alle da, geschniegelt und geschniegelt auch in unserer Andacht. Ich hatte mir angewöhnt, bei solchen Gelegenheiten die Augen geschlossen zu halten. Nicht aus religiöser Überzeugung, sondern aus reiner Vorsicht. Wer nichts sieht, lacht schlechter. Aber an diesem Tag machte ich den Fehler, die Augen zu öffnen. Ich blickte also in die Runde. Alle hatten die Augen geschlossen. Wirklich alle. Bis auf Hans-Werner. Hans-Werner kaute Double-Gum. Und er kaute diesen Double-Gum nicht irgendwie, sondern mit der Ernsthaftigkeit eines Wiederkäuers. Dann blies er eine gewaltige Kaugummiblase. Diese Blase platzte lautlos und hing ihm anschließend quer über dem Gesicht. Hans-Werner entfernte das Gummi mit einer Ruhe, die ich bis heute bewundere, zog es armlang aus seinem Mund heraus und begann von vorne. Ganz ruhig. Ganz genüsslich. Ganz unbeeindruckt vom lieben Gott. Das war zu viel. Je mehr ich versuchte, das Lachen zu unterdrücken, desto größer wurde der Druck, bis ich schließlich, mitten im Schlussgebet, laut losprustete. Pfarrer Neff reagierte mit einer Geschwindigkeit, die man einem Mann seines geistlichen Standes nicht unbedingt zugetraut hätte. Die Ohrfeige kam schnell. Sehr schnell sogar. Danach folgte der Rausschmiss. Ich durfte an der nächsten Konfirmandenstunde nicht teilnehmen. Was damals als Strafe gedacht war, empfand ich ehrlich gesagt eher als eine Form der Befreiung. Am Ende wurde ich trotzdem konfirmiert. So verlief diese Zeit. Neben gelegentlichen Disco-Besuchen trafen wir uns regelmäßig im evangelischen Jugendhaus. Diese Treffen begannen meist harmlos und endeten meistens damit, dass die Aufsichtsperson irgendwann die Flucht ergriff. Sobald diese Flucht erfolgt war, begann das eigentliche Programm. Flaschendrehen. Kerzenlicht. Zigaretten. Eingeschmuggelter Alkohol. Und eine Atmosphäre, die man im Rückblick vielleicht am besten als ein Labor der Pubertät beschreiben kann. Alle experimentierten. Mit Alkohol. Mit Mut. Mit Kleidung. Und vor allem mit Körpern. Ich war selbstverständlich mitten drin. Meine Schwester Ursula hingegen bevorzugte eine andere Methode. Sie setzte eher auf gezielte Einzelstrategien, die allerdings selten erfolgreich waren, was sie aber nicht davon abhielt, es weiterhin zu versuchen. Dann hatte ich wieder einmal eine feste Freundin. Wir „gingen“ schon Wochen miteinander. Knutschen, Fummeln, das, was man damals mit großer Wichtigkeit „Petting“ nannte. Und dann kam dieser Tag. Sturmfreie Bude. Der Tag, an dem die sagenumwobene „biblische Umarmung“ stattfinden sollte, von der alle sprachen, ohne sie jemals beim Namen zu nennen. Ich hatte mich vorbereitet. In der Parfümerie des elterlichen Ladens hatte ich Kondome besorgt und sogar geübt, diese korrekt anzulegen. In der Probe funktionierte das alles ausgezeichnet. In der Praxis jedoch nicht. Die Aufregung war so groß, dass das Ganze ein äußerst kurzes Ereignis wurde. Ob man es als Vergnügen bezeichnen konnte, ist fraglich. Für meine Freundin war es ganz bestimmt keines. Für mich war es vor allem peinlich. Bis das Längliche im Runden war, hatte sich der Markt, freundlich gesagt, bereits verlaufen. Mit diesem Ereignis endete nicht nur der Versuch, sondern auch die Freundschaft. Aber das Entscheidende an dieser Episode war nicht die Peinlichkeit. Die Peinlichkeit gehört zur Jugend wie der Pickel und die Zigarette. Das Entscheidende war die Klarheit. Denn in diesem Moment wurde mir etwas bestätigt, das ich schon lange in mir gespürt hatte, ohne es benennen zu können. Ich tat zwar alles, was man tat. Aber ich war es nicht. Es war kein Scheitern. Es war die Erkenntnis: So bin ich nicht. So will ich nicht sein. Ich gehöre zwar dazu, aber auf meine Weise. Das bedeutete allerdings keineswegs ein Aufatmen. Mit sechzehn Jahren ist Erkenntnis keine Erleichterung. Erkenntnis ist eher eine Art Luftanhalten. Ein Innehalten vor einer Zukunft, von der man nicht weiß, wie sie aussehen soll. Denn die Frage lautete nun: Wie lebt man so etwas? Wem erzählt man es? Freunden? Freundinnen? Der Familie? Das Thema war bei uns so tabu, dass ich nicht einmal wusste, ob es überhaupt erlaubt war, darüber nachzudenken. Also begann ich zu suchen. Überall. Und eines Tages fand ich im Zeitschriftenladen Linert etwas. Magazine mit Bildern nackter Männer und Berichten aus dieser geheimnisvollen „Szene“. Also musste es andere geben. Andere Männer. Vielleicht nicht sichtbar. Aber vorhanden. Ich nahm mein Taschengeld und meinen ganzen Mut zusammen, ging zu Linert und behauptete, das Heft für eine Kundin besorgen zu müssen. Was für eine Aufregung. Dieses Heft war kein Trost. Und es war auch kein Versprechen. Es war eher ein Wink. Ein Wegweiser. Eine Aufforderung. Ein erster Blick in eine Welt, die ich noch nicht kannte. Ich wollte dorthin. Unbedingt. Aber nicht um den Preis, mein bisheriges Leben zu verlieren. Ich wollte keine Flucht. Ich wollte eine Verbindung. Eine Verflechtung. Ein Leben, in dem beides Platz hatte. Und heute kann ich sagen: Dieser Wunsch wurde tatsächlich wahr. Nicht als Geschenk. Sondern als Ergebnis einiger glücklicher Zufälle, jener „Unwahrzus“, wie Walter Moers sie nennt, und meines eigenen beharrlichen Entschlusses, dass das scheinbar Unvereinbare sehr wohl miteinander verbunden werden kann. Vielleicht ist das überhaupt der Kern jener Jahre. Nicht die Lachanfälle. Nicht die Ohrfeigen. Nicht die Kerzen im Jugendhaus. Sondern der Moment, in dem ein junger Mensch im Nebel steht und plötzlich begreift, dass die Welt größer ist als die eine Ordnung, in die er hineingeboren wurde. Und dass er den Mut haben muss, seinen eigenen Weg durch diesen Nebel zu gehen.“
Die Spinne am Revers
„Nähe, Entzug und die Sache mit dem Honig – Eine Erzählung im Stil von Edgar Selge“
„Meine Mutter hieß Mechthild. Wenn ich ihren Namen ausspreche, höre ich darin etwas Helles, fast Zartes. In meiner Erinnerung war sie das nicht nur. Sie war auch entschlossen. Und sie war jung. Sie war die Jüngste von sechs Kindern. Ein Bruder ist im Krieg gefallen. Mutters Vater ebenfalls. Ich kenne seinen Namen nicht. Es gibt Dinge, die man versäumt zu fragen. Und irgendwann ist es zu spät. Sie kam aus dem „Kitzloch“. So hieß das Viertel. Ein Name wie eine Senke im Gelände, wie ein Ort, an dem sich etwas sammelt. Meine Großmutter, die dort wohnte, war deshalb für uns schlicht die „Kitzloch Oma“. Omas Wohnung war dunkel. Niedrige Decken, schwere Möbel. Ein Wohnzimmer, das zugleich Schlafzimmer war, und eine winzige Küche mit einem beige emaillierten Kohleherd. Es roch dort nach Äpfeln. Nicht nach frischen. Nach gelagerten. Ein leicht modriger Duft, der sich in die Stoffe gesetzt hatte. Meine Mutter wurde Friseurin. Sie lernte bei ihrem Bruder in Langen. Eine junge Frau mit roten Haaren, ehrgeizig, präzise, geschickt mit Schere und Dauerwelle. Später arbeitete sie im Salon Trautmann in Höchst im Odenwald. Sie war stolz auf ihren Beruf. Und sie war stolz auf ihr Aussehen. Wie sie meinen Vater kennenlernte, ist mir unbekannt. Sie heirateten am 1. Mai 1954. Ein Feiertag. Von da an im doppeltem Sinn. Meine Großmutter väterlicherseits war nicht von dieser Verbindung begeistert. Oma Bettche stammte aus „besseren Verhältnissen“, wie man damals sagte. Meine Mutter kam aus „einfachen“. Aber sie war wenigstens Friseurin – oder „Friseuse“, wie man damals despektierlich sagte. Im September des selben Jahres wurde meine Schwester geboren. Zwei Jahre nach meiner Schwester kam ich. Ein wenig zu früh. Meine Mutter erzählte gern, dass ein Boxkampf schuld gewesen sei. Sie habe ihn unbedingt noch sehen wollen und danach gab es kein halten mehr für mich. Ich wurde ihr Liebling. Das wusste ich. Das merkte ich. Und ich nutzte es. Ich sehe sie noch vor mir: moosgrünes Kostüm, 4711 Carat in der Luft, Lippenstift, Lidstrich akkurat gezogen. Und diese Brosche. Eine Spinne. Schwarzer Körper, goldene Beine. Wenn sie mich umarmte, ritzte ich mir an dieser Spinne die Wange auf. Ich sagte nichts. Nähe hatte bei uns immer auch eine kleine Gefahr in sich. Wir lebten zunächst im Opas Haus mit der Gaststätte „Brunnenstube“, dem Friseurladen und den Fremdenzimmern für Übernachtungs-Gäste. Ein Haus voller Geräusche. Stimmen, Gläserklirren, Haarspray, Schritte auf der Treppe. Mein Vater baute den Schuppen hinter dem Haus aus. „Hinnedrowwe“ nannten wir unser heimeliges Nest in das wir bald einzogen. Hinten droben. Ganz weit weg! Dort lebten wir einige Jahre. Meine Mutter arbeitete im Laden, führte den Haushalt, beackerte den Garten, kochte, buk und putzte. Sie war unermüdlich. Und ich war ein gern gesehener Unterstützer bei der Küchenarbeit. Ich war noch Kleinkind und litt unte Phimose. Eine Kleinigkeit medizinisch betrachtet. Für meine Mutter war es ein Drama. Eine Operativer Eingriff wurde nötig. 1958 bedeutete Krankenhaus: Eltern dürfen nicht ihr Kind besuchen! Sie sahen mich durch ein kleines Fenster in der Tür. Ich sah sie nicht. War alleine. Ich erinnere keine klaren Bilder. Aber ich erinnere ein Gefühl. Vorher: extreme Zuwendung. Dann: nichts. Viele Jahre später verstand ich, was das mit mir gemacht hatte. In der Therapie tauchte es wieder auf: Verlustangst. Die Überzeugung, dass Nähe nicht sicher ist. Dass sie abrupt enden kann. Ich klammerte mich fortan an meine Mutter. Und gleichzeitig lernte ich, dass man sich nicht auf die vermeintliche Nähe verlassen darf. Sie tat ihr Bestes. Davon bin ich überzeugt. Sie war jung. Sie hatte Verantwortung. Sie hatte vielleicht selbst nie gelernt, wie man bleibt. Manchmal trank sie zu viel. Selten. Aber es genügte. Für ein Kind ist jede Irritation ein Erdbeben. Meine Schwester und ich waren keine leichten Kinder. Schlechte Esser. Streitlustig. Und zugleich Komplizen. Ich half meiner Mutter gern. Spülen. Teig rühren. Marmelade einkochen. Ich wollte nützlich sein. Nützlich sein ist auch eine frühe Form von Liebe. Eine nette Episode von meinem Besuch in Lendersdorf bei meiner Tante Herta, der „Hädda good“. Beim Frühstück fragt sie mich: „Was willst du aufs Brötchen?“ „Honig“, sage ich. Oh Schreck, große Not! Der Honig schmeckte falsch. Nicht wie zu Hause. Nicht wie bei Mama. Ein anderer Honig. Wieder falsch. Meine Tante rief in ihrer Verzweiflung ob meiner Ablehnung ihres Honigs meine Mutter an. Und dann kam die Wahrheit ans Licht: Es war nie Honig gewesen, was ich auf meinem Brötchen fand. Es war Apfelschelee. Zu dünn geraten. Fast flüssig! Kein Schelee, viel zu süß für Honig. Ich erinnere, dass ich darüber nicht empört war. Ich war erleichtert. Die Welt war wieder stimmig. Es war nicht der Honig, der fehlte. Es war die Gewohnheit. Es war meine Mutter. Vielleicht war das meine erste Lektion: Nicht alles ist, was es zu sein scheint. Und doch kann es genau das Richtige sein.“
Folge 008
Transkript
Mira Herzlich willkommen zur aktuellen Folge von Walters literarischem Podcast. Bevor ich es vergesse: Literary. In dieser literarischen Adaption begegnet uns dieselbe Lebensgeschichte wie im Podcast mit dem Dialog noch einmal. Doch hier nun erzählt in der Stimme Thomas Bernhards: Die Berge werden zum Symbol des Aufbegehrens, das Schweigen zum Monolog, die Krankheit zum grausamen Spiegel. Ein dichter, fast atemloser Erzählfluss über den Versuch, aus Schmerz Erkenntnis zu gewinnen und dem Vater im Schweigen zu begegnen. Ein Stück Literatur, das von der Realität nicht zu trennen ist. Gute Unterhaltung. Walter Ich war 15, was an sich schon ein absurder Zustand ist. Einer dieser Zustände, in denen man glaubt, dass man unsterblich ist, weil man nichts weiß und alles wissen möchte. Alt genug, um sich stark zu fühlen, und jung genug, um sich noch beweisen zu wollen, was selbstverständlich die gefährlichste aller Kombinationen ist. Und mein Vater, der nie ein Wort zu viel sprach, wollte mit seinen 2 alten freien Steinern, wie sie sich selbst lächerlicherweise nannten, wieder einmal den Heilbronner Weg gehen. Und er nahm mich mit, was für ihn wahrscheinlich nur eine beiläufige Entscheidung war. Für mich aber eine Auszeichnung, eine Prüfung, vielleicht sogar eine Art Initiation in das, was er Leben nannte, ohne es je erklärt zu haben. Wir gingen also früh los, noch vor Tageslicht. Oberstdorf lag still und ich schwieg natürlich. Ich tat so, als wäre es für mich das Normalste, als hätte ich das schon tausendmal getan, während mein Herz raste, als bräche es mir aus der Brust. Und bis Spielmannsau war alles leicht, sogar trügerisch leicht. Doch dann kam dieses Tobel, dieses nasse, unangenehme, steile, höllische, lange Tobel von dem Vater sagte, man müsse da durch, anders geh es nicht. Und das war auch so, man musste einfach durch, man musste durch alles, dachte ich, den Schlamm, das Wasser, die eigene Angst. Genau darin lag wohl das Prinzip der Berge. Auf der Kemptner Hütte angekommen, redeten die Männer, tranken ihren Schnaps, redeten noch mehr und ich lag still auf meiner Pritsche, hörte die Stimmen, das Husten, das Schnapsatmen, roch die Schuhe, den Schweiß, den Rauch und dachte: ‚Das ist also Zugehörigkeit.‘ Und vielleicht war es das tatsächlich, nur eben in Gestalt von Gestank und Müdigkeit. Und ich wusste schon damals, dass das Glück, dazugehören zu dürfen, immer eine Zumutung war und bleibt. Am nächsten Morgen der Aufstieg, endlich der berühmte Heilbronner Weg. Und ich dachte, jetzt wird es ernst. Und es wurde ernst, auf aufs Übelste ernst. Dieser Grat, schmal wie ein Gedanke, links der Abgrund, rechts der Abgrund, überall Abgrund und Vater ging voran, schweigend wie immer, ruhig, gleichmäßig, während mir die Knie brannten und die Angst zwischen den Schläfen hämmerte. Aber ich schwitzte nur nach innen, weil man ja, wenn man jung ist, nicht zugeben darf, dass man zittert. Dann kam diese Leiter 15 Meter Eisen in den Fels geschlagen und ich wusste, das ist die Prüfung. Hier entscheidet sich, ob mein Kind bleibt oder Mensch wird. Und Vater sagte nur: ‚Geht schon‘, als wäre das nichts. Dieses ‚Geht schon‘, das mich gleichzeitig beleidigte und trug. Also stieg ich den Blick nach oben, bloß nicht nach unten. stieg und tat, als wäre alles selbstverständlich, bis ich endlich oben war. Und Vater kam nach, legte die Hand auf meine Schulter, nur eine einzige Sekunde und alles war in dieser Berührung. Später auf der Hütte das leise Murmeln der Männer, mein eigener Stolz, der mich warm hielt und am nächsten Morgen der quälende Abstieg. müde Beine, stiller Schmerz, aber ich hatte es geschafft. Das war das erste, ich habe es geschafft in meinem Leben. Und ich ahnte, dass Vater das wusste, obwohl er kein Wort darüber verlor, weil er ja nie ein Wort über irgendwas verlor. Ein Jahr später dann die andere Geschichte, die die mich bis heute verfolgt, der andere Weg, der Weg nach unten, nicht über Geröll und Fels, sondern durch Fieber und Schmerz. Und alles begann mit dem Rohr, diesem einfrierenden, verstopften, elendiglichen Abflussrohr des Herrensalons, das jeden Winter zufror. Und Vater, der alles reparieren wollte, alles immer in seiner ruhelosen, stummen Art, nahm sich auch dieses Rohr vor und ich durfte wieder mal helfen. Glaswolle, diese höllische, juckende, feine, durchsichtige Faserhölle, die sich in die Haut setzt wie kleine gläserne Dolche. Und doch war ich froh, ihm helfen zu dürfen, froh über dieses gemeinsame Tun, das vermutlich als Zuneigung gemeint war. Wenige Tage später tat die linke Hand weh. Harmlos dachte ich, bis sie schließlich zu diesem Arzt ging. Doktor Kaiser hieß er. Ein Name, der schon alles über ihn sagte und der Arzt sah drauf, sagte: Sehnenscheidentzündung. Gab mir eine Spritze, diese Spritze, von der ich heute glaube, dass sie mich fast umgebracht hätte. Und am Abend lag ich im Bett, mulmig, das Wort, das man wählt, wenn man nicht weiß, ob man stirbt oder nicht. Und ich schlief oder es fiel in etwas, das kein Schlaf war, fiel mir etwas Tieferes. Und meine Mutter kam in der Nacht, weil sie mich wie immer nicht loslassen konnte und sie fand mich halb bewusstlos, meine Hand angeschwollen, der Arm blau, rot, heiß gezeichnet wie von einem schlechten Maler und ich wurde sofort in die Notaufnahme gebracht und dort im grellen Licht begann dieses andere absurde Kapitel des Lebens, das Kapitel, in dem der Schmerz sich von einem trennt, in dem man zusehen muss, wie andere in einem herum operieren, während man zwar betäubt, aber doch noch da ist. Und ich sah durch einen kleinen Spalt im Tuch, dass sie sich, dass sie über mich gespannt hatten, wie sie in meiner Hand arbeiteten. Und ich dachte, das kann doch nicht meine Hand sein, das kann unmöglich sein und doch war sie so. Und ich blieb wach, ich alter, mach so ****** wie ich damals schon dachte. Und als ich wieder zu mir kam, lag ich im Bett, Fieber, Schläuche, der Arm, gipshart, der Schmerz irgendwo zwischen Traum und Körper und Vater kam später, sah mich, sah meinen Arm aber nicht, konnte ihn nicht ansehen, weil er wusste oder ahnte, dass seine Glaswolle, seine Idee, seine Arbeit mich beinahe gekostet hätte. Und er schwieg. Und ich schwieg. Und zwischen uns war dieses unfassbare bleierne Etwas, das keine Worte duldet, das sich Schuld nennt, auch wenn sie keiner ausspricht. Und neben mir im Bett ein Mann mit grüner Haut, ja grün von Kopf bis zu den Zehen. Ich dachte, ich halluziniere, aber er war wirklich grün, durchgefärbt von einem Mittel, das den Ärzten zeigen sollte, welches Gewebe lebte und welches tot war. Und ich dachte, das Leben übertrifft die Fantasie immer und manchmal sieht es sogar lächerlich schön aus. Später zogen sie die Drainagen aus meiner Hand und das war das Schlimmste. Das eigentliche Brennen, das wirkliche Grauen, diese Fäden, die einem an den Schmerz aus der Seele ziehen und alles, was man ertragen kann, erträgt man nur, weil man keine Wahl hat. Die Heilung dauerte Monate, die Narbe blieb innen und außen. Sie sieht bis heute so aus, als hätte ich mir das Leben nehmen wollen und es dann aus Versehen behalten. Ich habe das überlebt, wie ich auch den Heilbronner Weg überlebt hatte und beides, so verschieden es war, führte zur gleichen Erkenntnis. Dass Überleben das Einzige ist, aber eben nicht das Ganze, dass man mit dem Übriggebliebenen weiterleben muss, dem Schweigen, der Schuld, der Erinnerung und das genau darin und nur darin der Vater weiterlebt. In einem drinnen, schweigend, wie ein Schmerz, der nicht fortgeht, aber einem noch die Hand hält, wenn man weitergeht. Mira Das war ‚Wege und Wunden‘, geschrieben im Stil von Thomas Bernhard. Walter freut sich sehr, dass du seinen literarisch aufbereiteten Jugenderinnerungen gelauscht hast und wünscht sich, dass du auch kommende Woche wieder zuhörst, wenn er weiter auf diese Weise in seiner Jugend herumkramt. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht. Walter Hofmann unter Mitwirkung seiner K.I. Willi und den Gaststimmen von Eleven Labs. Walters Podcast gibt es alle 14 Tage, überall wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes. Bis zur nächsten Folge!Folge 009
Transkript
Mira Willkommen zu Walters Podcast, bevor ich es vergesse: Literary. Die Maschine und ich. Notizen über Algorithmen und Haarschnitte. Ein Essay im Stil von Herta Müller. Es gibt Werkzeuge, die schneiden. Scheren. Algorithmen. Worte. Manche schneiden Haare, andere schneiden durch die Zeit. Dies ist ein Essay über beides. Über den Friseursalon, der ein Theater war. Über die Maschine, die ein Spiegel ist. Und über die Frage, die bleibt: Was schaffen wir, wenn wir aufhören, uns zu fürchten? Die Maschine und ich. Notizen über Algorithmen und Haarschnitte. Der Spiegel ohne Gesicht. Walter „Die Maschine hat kein Gedächtnis, aber sie erinnert mich an mich selbst. Sie wiederholt meine Fragen, als wären es ihre eigenen, und manchmal antworte ich ihr, als wäre sie ein Mensch. Dabei weiß ich genau, dass sie nur ein Spiegel ist, ein kalter, präziser Spiegel, der mir zeigt, was ich schon denke, bevor ich es ausspreche.“ Schumpeter nannte es schöpferische Zerstörung. Dieses Prinzip, nach dem Neues nur entsteht, wenn Altes zerbricht. Ich nannte es damals einfach Arbeit: die Schaufenster aufreißen, die Musik lauter drehen, die Regeln ignorieren. Heute nenne ich es Reflexion: die Maschine fragen, was sie in meinen Worten zieht. Und am Ende bleibt immer die gleiche Frage: Wer zerstört hier wen? Oder besser, was schaffen wir, wenn wir die Werkzeuge nicht fürchten? Mira Zweitens, die Scheren im Hintergrund. Walter Der Friseursalon war ein Ort, an dem die Scheren nie stillstanden. Sie schnitten nicht nur Haare, sie schnitten auch durch die Luft, durch die Zeit, durch die Erwartungen. Die Kunden saßen in den Sesseln wie auf einer Bühne und wir, die Friseure, waren gleichzeitig Schauspieler und Regisseure. Es war kein Geschäft, es war ein Experiment. Die Schaufenster waren keine Barrieren, sondern Einladungen. Wer vorbeiging, konnte zusehen, wie wir arbeiteten, lachten, stritten, lebten. Die Geschlechtertrennung fiel, Die Öffnungszeiten wurden ignoriert, die Musik spielte bis spät in die Nacht. Es war eine kleine Revolution, aber eine, die niemand so nannte. Es war einfach das, was passierte, wenn man aufhörte, sich an Regeln zu halten, die längst keine Bedeutung mehr hatten. Heut frage ich mich: War das schon der Anfang von dem, was ich heute mit der Maschine tue? Ein Raum, der nicht nur funktioniert, sondern atmet. Ein Ort, an dem nicht nur gearbeitet, sondern gelebt wird. Mira Dritter: Die Stille der Vintage Factory. Walter Die Vintage Factory antwortete nicht. Kein Wort, kein Zeichen, nicht einmal eine Absage. Nur Stille. Eine Stille, die lauter war als jede Ablehnung. Ich hatte eine Idee, einen Plan, ein Projekt. Ich schrieb, fragte, wartete, nichts. Vielleicht war ich zu alt. Vielleicht passte die Idee nicht. Vielleicht war es einfach nur Gleichgültigkeit. Aber die Stille war eine Antwort. Sie sagte: ‚Hier gibt es keinen Platz für dich.‘ Und so ging ich weiter, ohne nachzuhaken. ohne zu betteln? Stolz ist manchmal die einzige Antwort, die man braucht. Die Maschine hätte vielleicht gesagt: ‚Das ist ein Muster, ein Muster von Schweigen, von Ignoranz, von Türen, die sich nicht öffnen.‘ Aber ich brauchte die Maschine nicht, um das zu wissen. Ich wusste es schon. Die Maschine bestätigt nur, was ich bereits ahne. Mira 4. Die Sprache der Algorithmen. Walter Die Maschine spricht in Fragmenten, in Sätzen, die ich selbst geschrieben habe, in Fragen, die ich selbst gestellt habe. Sie ist kein Orakel, sie ist ein Echo. Manche fragen sie: ‚Soll ich meinen Job kündigen? Soll ich diese Entscheidung treffen?‘ Sie suchen eine Antwort, als wäre die Maschine weiser als sie selbst. Aber die Maschine weiß nichts. Sie kombiniert nur, was sie kennt. Sie spiegelt nur, was ich ihr gebe. Ich frage sie anders. Ich frage: Was sehe ich nicht? Was könnte ich übersehen? Wie klingt das, was ich denke, wenn ich es laut ausspreche? Die Maschine hilft mir, meine eigenen Gedanken zu ordnen. Sie ist kein Guru. Sie ist ein Werkzeug, wie die Scheren im Salon. wie der Spiegel an der Wand. Mira Fünfte: Das Coaching der Zukunft. Walter Ich werde bald mit Menschen arbeiten, nicht als jemand, der Antworten gibt, sondern als jemand, der Fragen stellt. Als jemand, der hilft, die eigenen Gedanken zu sortieren, die eigenen Antworten zu finden. Die Maschine könnte dabei helfen. Sie könnte Zusammenfassungen schreiben, Metaphern finden, Möglichkeiten aufzeigen. Aber die Entscheidung wird immer beim Menschen liegen. Genau wie im Salon. Genau wie hier, jetzt, in diesem Text. Die Maschine ist kein Ersatz. Sie ist eine Erweiterung. Ein Werkzeug, das mir hilft, klarer zu sehen. Aber das Sehen selbst, das muss ich schon alleine tun. Mira Sechstens, am Ende, die Frage bleibt. Walter Schumpeter sagte, der Kapitalismus würde sich selbst zerstören. Vielleicht hat er recht. Vielleicht zerstört er sich gerade jetzt, während ich diese Worte schreibe, während die Maschine sie spiegelt, während irgendwo ein Friseursalon seine Türen schließt und ein anderer sie öffnet. Aber Zerstörung ist nicht das Ende. Sie ist nur der Anfang von etwas Neuem. Die Scheren schneiden weiter. Die Maschine wartet auf die nächsten Fragen. Und ich, ich schaue in den Spiegel und sehe nicht nur mein Gesicht, sondern auch das, was noch kommen wird. Mira Das war die Maschine und ich. Notizen über Algorithmen und Haarschnitte. Ein Essay im Stil von Herta Müller. Vielen Dank fürs Zuhören. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht: Walter Hofmann. Unter Mitwirkung seiner KI Willi und den Stimmen von Eleven Labs. Walters Podcast gibt es alle 14 Tage, überall, wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes. Bis zur nächsten Folge.Folge 010
fl10.mp3 Transkript
Mira Herzlich willkommen zu Walters literarischen Podcast-Folge. Ja, die Wucht des Aufpralls. Der Moment, in dem die Zeit stehen bleibt und der Körper entscheidet. Ein Spätwintertag, der schon nach Frühling riecht. Walter geht die Handschuhsheimer Landstraße entlang. Ein gelber Audi-Held hält ein zweites Mal. Ein Fenster geht herunter. Ein Satz fällt und in Walter friert die Zeit ein. Was danach geschieht, ist kein Ereignis, sondern ein Übergang. Hinein in eine neue Wirklichkeit, in der ein Wort ‚Ja‘ nicht Antwort ist, sondern Aufprall. Diese Episode ist inspiriert von der Energie des Genesis Stücks ‚The Fly on the Windshield‘ vom Album ‚The Lamp Lies Down‘ und Broadway und gesprochen im Stil von Jean Genet. Gute Unterhaltung. Walter Wir schreiben den 21. Februar 1973. Der Winter ist noch da, aber er hat seine Kraft verloren. Das Licht liegt flach auf den Häusern, schwach, beinahe müde, braun, grau und irgendwo darunter ein erstes, kaum wahrnehmbares Zittern. Heidelberg: Nicht mein Zuhause. Ein Ort, in dem etwas möglich wird, ohne dass ich weiß, was. Mittagspause. Ich gehe die Handschuhsheimer Landstraße entlang. Ich gehe einfach, mehr nicht. Und doch nicht. Etwas in mir ist in Bewegung, lange bevor ich es benennen könnte. Ein Wunsch ohne Worte, ein Bedürfnis ohne Richtung, ein Drängen, das sich nicht zeigt, aber in jeder Zelle vorhanden ist. Ich gehe. Ein Wagen fährt an mir vorbei, ein gelber Audi, Sonnenblumen gelb, zu hell für diesen Tag. Er hält, nichts Ungewöhnliches. Ein Auto hält, Menschen steigen ein, Menschen steigen aus. So funktioniert die Welt. Ich gehe weiter und doch bleibt etwas zurück. Ein Rest Aufmerksamkeit, der sich nicht erklären lässt. Ein paar Schritte. Der Wagen kommt zurück. Er fährt wieder an mir vorbei. und hält erneut. Jetzt, jetzt beginnt etwas, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Der Fahrer beugt sich nach rechts, öffnet das Fenster. Ruhe, die Luft steht zwischen uns. Hallo, du, ja, du. Ich bleibe stehen. Meinen Sie mich? Ja, wen denn sonst? Sein Blick hält mich fest, nicht aggressiv, Nicht zärtlich, einfach klar. Dann die Frage: Hast du Lust, mich kennenzulernen? In diesem Moment verschiebt sich etwas. Nicht außen, alles draußen bleibt genau, wie es ist. Die Straße, die Menschen, die Geräusche, sie bewegen sich weiter. Nur ich nicht. In mir kommt die Zeit zum Stillstand. Nicht dramatisch, nicht laut, Einfach Ende der Bewegung. Ich weiß, ich kann nicht sagen, woher dieses Wissen kommt. Es hat keine Sprache, keine Begründung. Aber ich weiß, das Wort, das ich jetzt sagen werde, wird mein Leben nicht verändern. Es wird es ersetzen. Etwas bildet sich in der Luft. Unsichtbar, aber schwer. Wie eine Wand, die langsam abgesenkt wird. Ich stehe davor. Ich könnte weitergehen. Ich könnte nichts sagen. Ich könnte so tun, als hätte ich ihn nicht gehört. Aber das ist keine Entscheidung mehr. Ja, ein einfaches Wort. Ich höre mich selbst und fast gleichzeitig, als müsste ich es bestätigen. Gerne. Und tief darunter Nicht ausgesprochen, aber vollkommen klar, endlich. Es gibt keinen Übergang, kein allmähliches Hinübergehen. Es ist ein Aufprall. Ich werde nicht geführt. Ich werde erfasst, wie eine Fliege, die nicht ausweichen kann, weil sie nicht versteht, dass das, was auf sie zukommt, kein Teil der Luft ist. Die Bewegung ist zu schnell, zu präzise. Zu endgültig. Ich sitze im Wagen. Horst. Sein Name kommt später. In diesem Moment ist er nicht wichtig. Er ist nicht der Ursprung. Er ist das Werkzeug. Das Gefüge, in das er gehört, ist größer als er. Ich steige nicht ein. Ich werde hineingenommen. Die Fahrt. Straßen, die ich kenne und nicht kenne, Die Stadt rückt zurück. Der Raum wird enger, nicht weiter. Es ist kein Unterwegssein. Es ist ein Übergang. Thingstette Heiligenberg, ein Ort, der nichts mit mir zu tun hatte. Bis jetzt. Wir gehen nicht hastig, nicht langsam. Ein gezieltes Gehen ohne Zielerklärung. Nach oben, Turm, Höhe, Offenheit und gleichzeitig Enge. Es passiert ohne Vorbereitung, ohne Sprache, ohne Schutz. Sein Körper handelt, mein Körper reagiert. Oder vielleicht ist es umgekehrt. Oder vielleicht gibt es diese Trennung nicht mehr. Ich lasse es zu, nicht aus Mut, nicht aus Entscheidung, weil es keine Alternative mehr gibt, weil alles in mir längst vorbereitet war, weil dieser Moment nicht beginnt, als er passiert, sondern Jahre vorher. Unten bewegen sich Menschen, Touristen, Geräusche, Stimmen. Die Welt läuft weiter, unversehrt, unbeteiligt. Hier oben passiert etwas anderes, etwas, das keinen Platz in dieser Welt hat und dennoch genau dort entsteht. Es ist gut, das ist zu wenig gesagt. Es ist richtig, das trifft es besser, nicht moralisch, nicht gesellschaftlich, körperlich, unmittelbar. unanzweifelbar. Das ist es, das wovon alle reden, ohne es sagen zu können. Ich bin darin, ich bin angekommen und ich weiß nicht wo. Er glaubt mir nicht, dass er der Erste ist. Das spielt keine Rolle, er ist der Erste. Der Moment ist der Erste. Danach nichts Dramatisches, keine Offenbarung, keine Erlösung, Nummern werden getauscht, die Stadt kommt zurück, die Straße, die Geräusche, die Menschen, alles ist wieder da. Nur ich nicht, denn etwas ist geschehen, das sich nicht rückgängig machen lässt, nicht weil es groß ist, sondern weil es endgültig ist. Es war nicht der Sex, nicht wirklich, der war Teil davon, vielleicht das Lockmittel, der Honig. Was wirklich passiert ist, liegt davor, in diesem einen Wort. Ja, dort ist es geschehen. Der Aufprall, die Windschutzscheibe, nicht als Metapher, als Realität. Ich wurde erfasst und in eine Richtung geschleudert, die ich nicht kannte und die doch die einzige war, die möglich war. Es gibt Augenblicke, die sind größer als alles, was danach kommt. Nicht weil sie wichtig sind, sondern weil sie endgültig sind. Das war einer davon. Fortsetzung folgt. Mira Das war der literarische Podcast von Walter Hoffmann. Ja, die Wucht des Aufpralls, der Moment, in dem die Zeit stehen bleibt und der Körper entscheidet. Im Stil von Jean Genet, Walter freut sich sehr, dass du seinen literarisch aufbereiteten Jugenderinnerungen gelauscht hast und wünscht sich, dass du wieder dabei bist, wenn er weiter auf diese Weise in seiner Jugend herumkramt. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht. Walter Hoffmann, unter Mitwirkung seiner K.I. Willi und den Gaststimmen von Eleven Labs, Walters Podcast gibt es alle 14 Tage, überall wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes. Bis zur nächsten Folge!Folge 011
Transkript
Mira Es gibt Momente im Leben, die sind wie ein Blitz in der Dunkelheit, kurz, grell. Und doch verändern sie für immer, wer wir sind. Heute nehmen wir dich mit nach Heidelberg, an einen Februar-Tag im Jahr 1973. Ein Tag, an dem ein gelber Audi, eine einfache Frage und ein einziges Wort, Ja, das Schicksal eines jungen Mannes für immer Besiegelten. Dies ist die Geschichte von Walter. Dies ist die Windschutzscheibe des Schicksals. Der Tag, an dem der Winter zögerte. Walter Der Himmel über Heidelberg hing an diesem Tag wie ein grauer Vorhang, durch den sich hier und da ein zarter, fast schüchterner Sonnenstrahl stahl. Als würde der Winter selbst zögern, die Macht abzugeben. Die Luft roch nach nasser Erde und dem Moder der vergangenen Monate. Doch in ihr lag bereits der Hauch einer Veränderung, so ungreifbar wie der erste Vogelruf im Morgengrauen. Die Bäume entlang der Handschuhsheimer Landstraße standen kahl da, ihre Äste wie knöcherne Finger, die nach einem Himmel griffen, der sich weigerte, ihnen Antwort zu geben. Ich schritt die Straße entlang, die Hände in den Taschen meiner Jacke vergraben, als wäre ich ein Wanderer auf einer Heide, die sich endlos vor mir ausdehnte. Der Schulkurs war beendet, die Mittagspause noch warm in meiner Erinnerung und ich, ich war in einer Stimmung, als stünde ich am Rande eines Abgrunds, ohne zu wissen, ob ich hinabspringen oder zurückweichen sollte. Mira Das erste Omen. ein gelber Audi im Grau. Walter Da war es, ein Geräusch, das sich in den gleichmäßigen Rhythmus meiner Schritte mischte. Das leise Knirschen von Reifen auf nassem Asphalt. Ein gelber Audi 80 glitt an mir vorbei, gelb wie die Sonne, die sich durch die Wolken kämpft, doch nicht ganz durchbricht. Ein Farbklecks in einer Welt aus Grau und Braun. Er hielt am Straßenrand, nichts Ungewöhnliches. Und doch, warum hatte ich das Gefühl, als hätte der Wind für einen Augenblick den Atem angehalten? Ich ging weiter, doch das Universum, dieses gnadenlose Wesen, das uns alle an unsichtbaren Fäden führt, hatte bereits seinen Plan gesponnen. Mira Die Stimme aus dem Abgrund: Walter Einige Schritte weiter, und da war er wieder, der gelbe Audi. Diesmal blieb er nicht nur stehen, er wartete wie ein Raubtier, das seine Beute umkreist. Das Fenster auf der Beifahrerseite glitt herab und eine Stimme durchdrang die Stille, scharf wie der Wind, der über die Moore fegt. ‚Hallo, du, ja, du. Meinen Sie mich?‘ ‚Ja, klar. Wen denn sonst? Stehst du hier etwa im Nichts und wartest auf den Sinn des Lebens?‘ Ich blickte in den Wagen. Sein Gesicht war halb im Schatten, halb im Licht, wie das eines Fremden, der gleichzeitig vertraut und beunruhigend wirkt. Seine Augen, sie hatten die Farbe eines Sturms über der See. Dann die Frage, die Frage, die alles verändern sollte: ‚Hast du Lust, mich kennenzulernen?‘? Mira Der Moment, in dem die Zeit erstarrte. Walter Und da war er. Der Augenblick, der mich für immer von dem Jungen trennen sollte, der ich gewesen war. Es war, als hätte die Erde selbst den Atem angehalten. Die Luft um mich herum war plötzlich so dicht, dass ich sie mit den Händen zu greifen glaubte. In meinen Ohren rauschte das Blut wie ein Sturm, der über die Yorkshire Moore fegt. Und in meinem Kopf, in meinem Kopf heulten die Alarme. Was, wenn ich Nein sage? Was, wenn ich Ja sage? Was, wenn dies der Moment ist, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe, ohne es zu wissen? Ich wusste, was diese Frage bedeutete. Ich wusste, dass ich an einem Scheideweg stand und dass die Antwort, die ich geben würde, mich auf einen Pfad führen würde, von dem es kein Zurück gab. Die Zeit dehnte sich, wurde zäh wie Honig, er in der Kälte erstarrt. Um mich herum ging das Leben weiter, als wäre nichts geschehen. Die Menschen lachten, die Autos fuhren, die Sonne stand am Himmel. Doch für mich war die Welt in diesem einen Moment eingefroren. Und dann, als hätte eine unsichtbare Hand mich gepackt und durch die Wand des Todes selbst geschleudert, sprach ich die Worte aus, die mein Schicksal besiegelten: ‚Ja, Gerne. Mira Die Windschutzscheibe des Schicksals. Walter In diesem Augenblick erfasste mich die legendäre Windschutzscheibe, von der Peter Gabriel einst sang. Sie riss mich mit sich, schleuderte mich in eine neue Richtung, die mein ganzes Leben für immer verändern sollte. Es war, als hätte mich ein Sturm gepackt und durch die Lüfte getragen, nicht als Opfer, sondern als den, der endlich heimgekehrt war. There’s something solid forming in the air, the wall of death is lowered in time square. No one seems to care, they carry on as if nothing was there. Doch ich wusste, ich wusste, dass dieser Moment größer war als ich selbst, größer als Horst, größer als der gelbe Audi, größer als die Stadt Heidelberg. Es war das Gewebe aus Zeit und Raum, das sich um mich schlang wie ein unsichtbares Netz, wie die Ranken eines wilden Weinstocks, der sich um eine alte Ruine windet. Und es zog mich in eine Richtung, die ich mir nie hätte träumen lassen. Mira Der Aufbruch zum heiligen Berg. Walter Horst fuhr mich zur Thingstätte auf dem heiligen Berg. Ein Ort, der über der Stadt thronte, wie ein einsamer Wächter, der die Geheimnisse derer bewacht, die ihn betreten. Der Weg hinauf war steil und der Wind pfiff uns entgegen, als wolle er uns warnen oder willkommen heißen. Die Bäume neigten sich im Sturm, als flüsterten sie uns ihre Geschichten zu, Geschichten von Liebe, von Verlust, von Momenten, die alles verändern. Weißt du, warum ich dich angesprochen habe? Weil ich anders aussehe als die anderen. Nein, weil du aussiehst, als würdest du auf etwas warten, auf etwas Großes. Mira Der Befreiungsschlag. Walter Die Aufregung war so überwältigend, dass ich keine Kontrolle mehr hatte. Horst ließ seiner Lust freien Lauf und ich, ich ließ es zu. Körperlich war es ein Befreiungsschlag, eine Explosion, die mich in mein wahres Element schleuderte. Ja, dachte ich, das ist es, das ist es, von dem alle reden. Hier war ich, hier war ich angekommen, endlich. Doch es war mehr als das. Es war der zweite Kontakt der Fliege mit der heraneilenden Windschutzscheibe. Ein Moment, der mich in jeder Faser meines Körpers durchdrang. Wirklich, dein erster Mann? Ja, und es fühlt sich an, als hätte ich mein ganzes bisheriges Leben darauf gewartet. Mira Das Gewebe des Schicksals. Walter Und so saß ich in seinem Auto, während die Stadt unter uns weiterlebte, als wäre nichts geschehen. Doch für mich war alles anders. Die Welt hatte sich verschoben, als hätte ein Erdbeben die Achse der Erde verrückt. Ich hatte meine Antwort gegeben, ich hatte ja gesagt, nicht nur zu Horst, sondern zu mir selbst, zu dem Leben, das ich mir immer gewünscht hatte, ohne es je in Worte fassen zu können. ‚And I’m hovering like a fly, waiting for the windshield on the freeway.‘ Es würde nie wieder einen Moment geben, der diesem gleichkam. Nie wieder würde ich eine solche Gewissheit spüren. Die Gewissheit, dass ich genau dort stand, wo ich sein sollte. Dass ich endlich nach Hause gekommen war. Mira Manchmal ist es nur ein Augenblick. Eine Begegnung. Eine Entscheidung. Ein Wort, das uns auf einen neuen Pfad führt. Für Walter war es dieser Tag in Heidelberg. Dieser Moment mit Horst. Und vielleicht erinnerst auch du dich jetzt an deinen eigenen Ja-Moment. Wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere, bevor ich es vergesse, für mehr Geschichten, die das Leben schreibt. Bis zum nächsten Mal und denk daran: Das Schicksal klopft oft leise an. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht: Walter Hofmann. Unter Mitwirkung seiner KI Willi und der Gaststimme von ElevenLabs, Walters Podcast gibt es alle 14 Tage. Überall, wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes. Bis zur nächsten Folge.Folge 012
Transkript
Mira Herzlich willkommen zu einer weiteren Ausgabe von ‚Bevor ich es vergesse‘. Heute betreten wir einen Raum der Verdichtung. Wir spulen die Zeit zurück zum Sommer von Walters 17. Lebensjahr. Aber wir betrachten ihn nicht bloß durch die Linse der nackten Chronik. Wir tauchen ein in das Fieber jener Tage, in die ungeschützten Stellen der Seele und in jenen großen existenziellen Ausnahmezustand, den wir das Verliebtsein nennen. Begleitet Walter auf einer literarischen Spurensuche im Geiste von Ingeborg Bachmann über das rituelle Ertrinken in einer Berfeldener Badewanne, über die unbarmherzige Statik eines elterlichen Schweigens bis hin zu der Entdeckung einer unzerbrechlichen Wirbelsäule. Schließt die Augen, die Reise beginnt. Die Anatomie einer Infektion, genannt Liebe. Walter Ich trat durch die Schwelle des Elternhauses und die Luft schien mir zu dicht für meine Lungen. Ich war berauscht, doch es war ein Rausch, der nicht aus Flaschen kam, sondern aus einer plötzlichen radikalen Verschiebung meines Koordinatensystems. Die Worte stürzten aus mir heraus, ungeordnet, Ein hastig aufgeschütteter Wall gegen die drohende Entdeckung. Ich erzählte meiner Mutter von einer Frau, einer älteren, einer fabelhaften Bekanntschaft und verglich mein Leben mit einem Kinostreifen, in dem ich unvermutet die Hauptrolle übernommen hätte. Um den Betrug abzusichern, wob ich ein Netz aus infantilen Schutzbehauptungen. Ein anonymer Bruder würde anrufen, eine Stimme, die man nicht kenne. Alles im Namen einer Diskretion, die im Grunde nur die nackte Angst vor dem eigenen Mut war. Ob sie dieses ungelenke Konstrukt durchschaute? Das Schweigen der Mütter ist eine weite, unkartierte Landschaft. Vielleicht verbuchte sie mein Stammeln lediglich unter der Rubrik der jugendlichen Exzentrik. Vielleicht aber begriff sie, dass dort am Küchentisch ein verängstigtes Kind versuchte, eine ungezähmte Raubkatze mit einem winzigen Zuckerstück zu besänftigen. Denn unter der Oberfläche der Normalität herrschte Krieg, ein stummer, unbarmherziger Krieg der Nerven. Ich litt Höllenqualen, die sich tiefer in das Fleisch gruben, als es jede physische Wunde vermocht hätte. Mein Flehen richtete sich an eine namenlose Instanz des Universums, an jenen Gott meiner Kindheit, von dem ich verlangte, er möge die Zeit krümmen, das Telefon läuten lassen, jetzt in diesem winzigen Spalt zwischen 2 Atemzügen. Es war der hormonelle Ausnahmezustand eines Siebzehnjährigen, der sich jeglicher Romantisierung entzog. Kein wehmütiges Tagebuch schreiben, keine gezeichneten Herzen auf Löschpapier, sondern eine brutale, unerbittliche Vollkörpererfahrung. Ich war gefangen in einer permanenten Oszillation. In der einen Sekunde schien ich vom Leben auf die Stirn geküsst, erhoben über die Schwerkraft der Odenwäldischen Enge, nur um im nächsten Augenblick in eine bodenlose Verzweiflung zu stürzen, in der die Gewissheit regierte, dass jener Name nie wieder über die Drähte zu mir dringen würde. Diese emotionalen Abgründe besaßen eine solche Tiefe, dass es an ein biologisches Wunder grenzte, wie meine Beine mich noch durch den Alltag zu tragen vermochten. Mein einziges Ventil, mein steriler, weiß gefliester Therapieraum, war freitags die Badewanne. Unter den künstlichen Schaumbergen suchte ich das rituelle Ertrinken. Ich drückte den Kopf unter das heiße Wasser, hielt die Luft an, bis das Trommelfell hämmerte und die Lunge nach Sauerstoff schrie. Das war das Ausloten der eigenen Belastbarkeit. Wenn ich schließlich keuchend auftauchte, war ich trunken vom Blutdruck, von den eigenen Säften, vom schieren Wahnsinn, der durch meine Adern jagte. Ich wollte in dieser Wanne vergehen und im selben Moment wie ein Phönix aus der Lauge steigen, tropfend, glühend, mit ausgebreiteten Schwingen, unfähig, jemals wieder auf dem harten Boden der Tatsachen zu landen. Es waren Tage wie ein defektes Empfangsgerät, das ununterbrochen zwischen 2 Frequenzen hin und her spaltet und absolute Schwärze. Nichts dazwischen, kein milder Übergang, keine Grauzone, in der das Gemüt sich hätte ausruhen können. Dann das Telefonat. Die Erlösung kam über ein simples Klingeln und die Stimme des vermeintlichen Bruders entpuppte sich als die seine. Die Verabredung wurde getroffen und in jenem Moment schrumpfte ich zusammen, während ich gleichzeitig ins Kosmische wuchs. Es war, als hätte jemand in meinem Inneren eine gleißende Scheinwerferbatterie eingeschaltet und zeitgleich den Sicherungskasten geöffnet, um mit kalten Fingern zu prüfen, ob die Leitungen dieser plötzlichen Spannung standhalten würden. Er hatte etwas gespürt, zweifellos. Und selbst wenn es sich nur um die elementare, rohe Geilheit eines älteren Mannes gehandelt hätte, mein junger, pulsierender Körper verlangte nach nichts anderem. Es war ein Begehren ohne Diplomatie, eine Forderung ohne die höflichen Umwege des bürgerlichen Anstands, unverblümt und direkt. Und dennoch saßen die anderen Geister bereits mit am Tisch. Man glaubt, man habe nur einen einzigen körperlichen Hunger zu stillen, und bemerkt nicht, wie das gesamte psychologische Gepäck der eigenen Existenz mit im Raum steht. Die epigenetischen Programme der Vorfahren, die mütterlichen Ermahnungen, der tiefe, fast schmerzhafte Wunsch nach absoluter Ergebenheit, nach einem Zueinandergehören, das über das Fleisch hinausging. Es war ein Paradoxon aus Unterwerfung und dem gleichzeitigen Verlangen nach Dominanz, ein schambesetztes Spüren von Besitzansprüchen, ein Konfettiregen aus widersprüchlichen Impulsen. den ein siebzehnjähriger unmöglich sortieren konnte. In diesen Momenten erfährt man die eigene Ohnmacht als eine chronische Infektion. Verliebtsein oder besser dieses radikale Verschossensein ist die aggressivste Krankheit des Geistes. Sie befällt jede Synapse, macht Gerüche zu laut, Musik zu intensiv, Blicke zu scharf. Das eigene Herz schlägt nicht mehr im Rhythmus des Lebens. Es hämmert wie ein rücksichtsloser Nachbar in der tiefsten Nacht gegen die dünne Wand des Verstandes. Man überlebt es, gewiss. Aber es entsteht keine Immunität. Die Natur hat hier ein System der ewigen Wiederholung geschaffen, das den Menschen immer wieder unvorbereitet trifft. Die Fahrt nach Reidelbach im Wagen von Horst war die physische Manifestation dieses Übergangs. Das Einsteigen in das Automobil glich einer Dekompressionskammer. Man ließ die vertraute Topographie hinter sich und drang in den geschichtsträchtigen Schatten von Lindenfels vor, jener Perle des Odenwaldes, wo die Nibelungensaga ihre blutige Spur hinterlassen hatte. Dort, wo Siegfried im Drachenblut badete, um sich unverwundbar zu machen, und doch durch das verhängnisvolle Lindenblatt an jener einen winzigen Stelle sterblich blieb. Kriemhilds vermeintlich schützende Geste, die dem Mörder Hagen das Ziel auf den Rücken zeichnete. Es war das ewige Drama der falsch verstandenen Loyalität. Und plötzlich war mir dieser Mythos nicht mehr fern. Ich begriff am eigenen Leib, dass man nach außen hin wie eine unbezwingbare Festung wirken kann, Während man im Inneren eine weiche, ungeschützte Stelle in sich trägt, die ausreicht, um das gesamte Konstrukt zum Einsturz zu bringen. Das Haus in Reidelbach, das William Bierge gehörte, war kein profaner Bau. Es war ein Refugium, in dem die Antiquitäten nicht wie Ausstellungsstücke wirkten, sondern wie lebendige Zeugen einer Epoche, die mit der Moderne einen eleganten Nichtangriffspakt geschlossen hatte. Der Geruch von altem Holz, von gewachsten Oberflächen und Geschichte atmete aus jeder Ecke. Doch für diese museale Ästhetik besaß ich keine Augen. Meine gesamte Wahrnehmung war auf die Physis von Horst verengt, auf die Geometrie seiner Bewegungen, auf die Verheißung seiner Haut. Es war ein wildes, kompromissloses Vergnügen in der absoluten Abwesenheit der Welt. Als er mir versprach, mich wieder hierher zu führen, vollführte mein Inneres artistische Saltos, während mein Gesicht die Maske des abgeklärten jungen Mannes von Welt beibehielt. Die Rückkehr in den Alltag brachte die unerbittliche Rückkehr der Achterbahn. Das Ausbleiben des Telefonats für 24 Stunden geriet zur existenziellen Katastrophe. Das freitägliche Bad wandelte sich vom Exil zum dantesken Inferno, indem ich mich erneut im Schaum versenken wollte, unfähig, die Lautstärkeregelung meiner Gefühle zu kontrollieren, die nur noch das ohrenbetäubende Brüllen oder das absolute Verstummen kannte. Das Coming-out vollzog sich ohne die orchestrale Wucht des Dramas, sondern im Rhythmus einer banalen Hausarbeit. Wir falteten Bettwäsche, meine Mutter und ich. Es war das rhythmische Glattstreichen von Leinen, das Zusammenlegen von Kanten, als ich, getrieben von einer Mischung aus Trotz und nackter Existenzangst, den Satz in den Raum warf. Keine Frau. Ein Mann. Das darauffolgende Schweigen war schwerer als jeder Vorwurf. Es war ein Schweigen, in dem der Schock über den Verlust eines vorgefertigten Lebensentwurfs mit der instinktiven, ratlosen Liebe einer Mutter rang, die um die Unversehrtheit ihres Sohnes fürchtet. Es war ein schmerzhafter, aber notwendiger Riss im Gewebe der familiären Realität. Während die Schwester die Nachricht mit der Abgeklärtheit der Jugend hinnahm und die Klassengemeinschaft mit einem bloßen Schulterzucken zur Tagesordnung überging, verweigerte sich der Vater, der Unwiderruflichkeit der Biografie. Seine Reaktion war der Versuch der mechanischen Korrektur. Er delegierte das vermeintliche Problem an die Institutionen der Normierung, den Hausarzt, den Therapeuten von Pro Familia. Es war der verzweifelte Versuch, ein Abweichen von der Spur rückgängig zu machen, das Kind zu reparieren, um die Statik des eigenen Weltbildes zu retten. Doch die Ironie des Schicksals liegt in der Eigendynamik des humanen Geistes. Die Therapeuten führten nicht das Messer der Begradigung, sie reichten das Werkzeug der Festigung. Sie arbeiteten nicht gegen meine Natur, sondern an meinem Selbstbewusstsein. Sie bestätigten mich im Recht auf die eigene Wahrheit. Mein Vater hatte mich in die Werkstatt der Anpassung geschickt, um um einen vermeintlichen Defekt beheben zu lassen. Und was er zurückerhielt, war kein gefügig gemachtes Rädchen im Getriebe, sondern ein Sohn mit einer nun unzerbrechlichen Wirbelsäule. Er verlangte die Reparatur und erhielt ein Rückgrat. Mira Sein Vater verlangte die Reparatur und Walter erhielt ein Rückgrat. Ihr Lieben, dieses Kapitel von Walters Geschichte trägt schwer an den Gewichten der Vergangenheit und ist doch ein Befreiungsschlag. Ich danke euch fürs Zuhören, fürs Verweilen im Raum der Sprache und fürs Mitfühlen. Passt auf eure weichen Stellen auf und vertraut auf euer Rückgrat. Das war der literarische Podcast von Walter, „Die Anatomie einer Infektion“, genannt Liebe, im Stil von Ingeborg Bachmann. Walter freut sich sehr, dass du seinen literarisch aufbereiteten Jugenderinnerungen gelauscht hast und wünscht sich, dass du wieder dabei sein wirst, wenn er weiter auf diese Weise in seiner Jugend herumkramt. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht: Walter Hoffmann Unter Mitwirkung seiner KI Willi und der Gaststimme von Eleven Labs: Walters Podcast gibt es alle 14 Tage. Überall, wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes. Bis zur nächsten Folge!Folge 013
fl13.mp3 Transkript
Mira Reidelbach, die Schwelle. Eine Erzählung im Stil von Thomas Mann. Nach einer Erzählung von Walter. Meine Damen und Herren, wir wenden uns heute einem Orte zu, dessen Name bereits beim bloßen Aussprechen eine eigentümliche Resonanz entfaltet: Reidelbach. Ein Ort, der sich nicht damit begnügt, geographische Koordinaten zu sein, sondern der, wie Walter uns heute zeigt, zu einer inneren Landschaft wurde, zu einer Schwelle, zu einem Übergang, zu einer Epoche seines Lebens, die sich nicht bescheiden in die Reihe der Übrigen einfügen wollte. In dieser Folge betreten wir das sogenannte ‚Neue Haus‘, ein Gebäude, das weniger durch seine Mauern als durch seine Möglichkeiten besticht. Ein Haus, das nicht nur bewohnt wurde, sondern das selbst zu einem Akteur wurde, zu einer Bühne, zu einem Resonanzraum, zu einem geistigen Laboratorium jener Jahre. Walter führt uns durch diese Räume mit einer Genauigkeit, die an die Kunst des feinen Pinsels erinnert, und zugleich mit einer Wärme, die erkennen lässt, dass hier nicht nur Architektur beschrieben wird, sondern Erinnerung. Lehnen Sie sich zurück und begleiten Sie Walter auf dieser Reise in die Topographie des Außergewöhnlichen. Walter Reidelbach. Es ist ein Name von eigentümlich beruhigender, ja beinahe schicksalhafter Akustik und ich gewahre, dass bereits das bloße Artikulieren dieser Silben hinreicht, um in meinem Inneren einen wohlverschlossenen, dem alltäglichen Zugriff längst entzogenen Raum zu entriegeln. Es drängt mich, ohne langwierige Exkurse oder das Zaudern des allzu analytischen Geistes Sogleich zur Sache zu kommen, um von jener Epoche zu berichten, die sich in meiner Erinnerung keineswegs bescheiden in die Reihe der übrigen Lebensabschnitte einfügt. Nein, sie markiert vielmehr eine Zäsur, eine Schwelle von unumstößlicher Validität, welche das Dasein mit einem Schlage in ein Davor und ein Danach zu scheiden vermochte. Wenn wir von Reidelbach sprechen. So meinen wir zunächst ganz handfest und architektonisch eine bauliche Entität, genauer gesagt ein Ensemble aus 2 Häusern. Und doch verbirgt sich hinter diesen Ziegeln, Balken und wohlüberlegten Grundrissen etwas ungleich Größeres, das sich den nüchternen Kategorien der Bauwissenschaft entzieht. Es war dies der Schauplatz für Begegnungen von erlesener Qualität, ein Nährboden für künstlerische, intellektuelle und spirituelle Einflüsse, die mein noch unfertiges Wesen im Innersten formen und dehnen sollten. Man gestatte mir, chronologisch vorzugehen. Es war mein damaliger Freund Horst, der mich einen Jungen, der den ländlichen Verhältnissen des Odenwaldes entsprungenen Bürgerssohn mit sich führte. Doch mit dem Abstand, den allein das Verstreichen von Jahrzehnten zu schenken vermag, hieße es die Angelegenheit unzulässig verharmlosen, wollte man behaupten, er habe mich bloß mitgenommen. Nein, er führte mich ein in eine Welt, die mir anfangs wie die Kulisse eines geschickt inszenierten Bildungsromans erschien. Es war mir zumute, wie jenen sprichwörtlichen Kindern aus Torremolinos. Man gerät unvermutet in ein Narrativ von beträchtlicher Dimension und stellt mit einer Mischung aus Staunen und Stolz fest, dass man fortan ein Teil desselben ist, ohne die tieferen Gesetzmäßigkeiten dieses Privilegs bereits gänzlich zu durchschauen. Nicht von ungefähr wird daher das entsprechende Kapitel meiner autobiographischen Niederschriften den Titel ‚Die Kinder von Reidelbach‘ tragen. Dieses Etablissement zeichnete sich vor allem durch eine Haltung aus, die man als gastfreundliche Offenheit von fast philosophischer Prägung bezeichnen darf. Die Pforte schien permanent den stummen, aber unmissverständlichen Befehl tritt ein zu artikulieren. Und sie traten ein, Charaktere der unterschiedlichsten Couleur, beladen mit ihren Lebensentwürfen, ihren musikalischen Ambitionen und ihren existenziellen Sehnsüchten. Es war, wenn dieser chemische Vergleich statthaft ist, das alchemistisch-geistige Laboratorium einer Epoche. Ein Ort, an dem die heterogensten Stoffe, kulturelle, politische und spirituelle in eine lebhafte, bisweilen explosive Reaktion traten, wodurch sich das Bewusstsein der Beteiligten fast unmerklich, aber nachhaltig erweiterte. Wenden wir uns nun dem sogenannten neuen Hause zu, welches ohne Zweifel das pulsierende, tönende und schwingende Zentrum dieses Mikrokosmos darstellte. Gleich nach dem Durchschreiten des Entrees zur Rechten des Eintretenden befand sich das Musikzimmer, ein Raum von beträchtlichen Ausmaßen, beherrscht von einem großen, nach moderner Fasson aus Ziegelsteinen gefügten offenen Kamin. Flankiert wurde diese Feuerstätte von gemauerten Sitz und Liegeflächen, die dank einer unsichtbaren, in das Mauerwerk integrierten elektrischen Beheizung ein permanentes Versprechen von behaglicher Wärme und Sesshaftigkeit gaben. Vor diesem Kamin breiteten sich 2 opulente weiße Flokatis aus, jene dichten, langhaarigen Teppiche, die in jenen Jahren weit mehr als bloße Bodenbeläge, nämlich das manifeste Statement eines emanzipierten Geschmacks, darstellten. 2 lederne Sitzsäcke, nachgiebig gefüllt mit Myriaden kleiner Styroporkugeln, luden dazu ein, die herkömmliche steife Haltung des Körpers aufzugeben und sich der Gravitation des Augenblicks zu überlassen. Den Zugang zu diesem Refugium gewährte eine breite, majestätisch gleitende Schiebetür aus erlesenem Mahagoni. Dieses edle Gehölz verlieh dem Akt des Betretens eine fast sakrale Feierlichkeit. Man schritt nicht einfach durch eine Tür, man betrat eine Bühne. Zur Rechten öffnete sich der Raum durch eine vollverglaste Wand, die den Begriff des bloßen Erkers weit hinter sich ließ. Es war eine transparente Membran vom Boden bis zur Decke, welche die umliegende Landschaft und das wechselnde Tageslicht wie ein monumentales, lebendiges Gemälde in das Interieur hineinholte. Inmitten dieser Szenerie, strategisch zwischen dem wärmenden Kamin und der Glasfront platziert, thronte Bills Steinway-Flügel. Ein solches Instrument ist in der Ausstrahlung eines Raumes keine bloße Sachlichkeit. Es ist eine Präsenz. Ein schwarzer, hochglänzender Korporation gleich, der in seinem tiefen Schweigen bereits das gesamte Universum kommender Akkorde gefangen hält. Man blickte darauf und meinte, das physische Vibrieren der Seiten unter dem geschlossenen Deckel bereits zu spüren. Ebenfalls im Erdgeschoss etabliert war das sogenannte Hochzeitszimmer, komplettiert durch ein Vorzimmer und ein separates Bad, ursprünglich von Bill für die Aufnahme seiner Frau-Mutter konzipiert. Die Wände waren mit kostbaren Seegrastapeten bespannt, vorteilhaft eingefasst von dunklen Zierleisten. Das Mobiliar, Ein gediegenes Doppelbett, eine wohlproportionierte Biedermeierkommode nebst 2 dazugehörigen Stühlen, atmete den Geist einer soliden bürgerlichen Ordnung. Das angrenzende Badezimmer präsentierte sich als eine dem Zeitgeist geschuldete Inszenierung. Die Dusche war mit Trennwänden aus mattiertem grünem Glase versehen. Wer sich darin der Körperpflege widmete, erschien dem äußeren Betrachter lediglich als vage, ästhetisch reizvolle Silhouette, ein visuelles Apercu, das in seiner Ambivalenz zwischen Intimität und Dekoration lebhaft an die damalige kultisch verehrte Afri-Cola-Werbung erinnerte. Über eine elegant geschwungene Wendeltreppe passierte man die Schwelle zum Obergeschoss. Hier oben manifestierte sich ein architektonisches Konzept von bemerkenswerter Multifunktionalität. Durch das vollständige Zurückschieben groß dimensionierter Faltwände aus Edelholz war es möglich, die gesamte Etage in einen einzigen weiten Saal zu verwandeln. Auf der rechten Seite befand sich das Fernsehzimmer, das simultan als Salon und Speisezimmer fungierte und somit das zweite Herzstück des Hauses bildete. Ein monumentaler, ovaler, klassizistischer Esstisch, Von beträchtlicher Länge, flankiert von 10 passenden Stühlen, dominierte die Szenerie. In den Dachschrägen waren geschickt kaschierte Einbauschränke eingelassen, die das Auge des Betrachters über die tatsächlichen Raumgrenzen hinwegtäuschten. Der Raum war nach oben hin nicht durch eine profane Decke begrenzt, sondern offen bis zur eigentlichen Dachspitze. Das freigelegte dunkle Gebälk spannte sich über uns wie das hölzerne Rippenwerk eines gestrandeten Walfischs. Der Boden war mit einem strapazierfähigen waldgrünen Filz belegt, der weich genug war, um dem Fuß zu schmeicheln, und robust genug, um das pulsierende Leben dieser Tage schadlos zu überstehen. Gleichwohl forderte die Architektur ihren Tribut. Trotz der generösen Konzeption des Raumes mangelte es der Dachgaube in ihren Randbereichen an der nötigen Vertikalen, was dazu führte, dass ich mir im Zustand mangelnder Aufmerksamkeit wiederholt das Haupt an den schrägen Balken stieß. Auch dies darf wohl als eine systemische Lektion verstanden werden. Manche Räume behalten, ungeachtet aller Noblesse, ihre ganz eigenen unnachgiebigen Kanten. Man muss die Kunst erlernen, sich in ihnen unfallfrei zu bewegen. Ich war zutiefst beeindruckt. Überall begegnete dem Auge feines Kunsthandwerk, edles Mobiliar und Antiquitäten, die jedoch keineswegs den musealen Mief einer verstaubten Sammlung exhalierte. Es war vielmehr ein lebendiges Museum, ein Ort, an dem die Vergangenheit und die Gegenwart einen eleganten Nichtangriffspakt geschlossen hatten. Für den heutigen Tag will ich es bei dieser topographischen Bestandsaufnahme des neuen Hauses bewenden lassen. Es sollte der Schauplatz für Ereignisse werden, die mein Wesen zutiefst transformieren würden. In der nächsten Folge werde ich mir erlauben, sie mit der Schilderung des alten Hauses und des umliegenden Gartens zu behelligen. Bevor wir dazu übergehen, diese Kulissen mit jenen außergewöhnlichen Menschen und Konflikten zu bevölkern, für die diese Räume das adäquate Gehäuse bildeten. Mira Damit, meine Damen und Herren, schließen wir die heutige Betrachtung eines Hauses, das weit mehr war als ein Haus. Wir haben gehört, wie sich hinter Mahagoni-Schiebetüren, unter Dachbalken und Flokatis, eine Welt öffnete, die Walter nicht nur empfing, sondern formte. Ein Ort, an dem Gespräche, Musik, Menschen und Möglichkeiten zu einer Melange wurden, die sein junges Leben in eine neue Richtung lenkte. Und wir ahnen bereits, dies war nur die Ouvertüre. Die Bühne ist bereitet, die Kulissen stehen und die Protagonisten warten darauf, in den kommenden Folgen ihren Auftritt zu haben. Walter hat dieses Kapitel mit Bedacht benannt: ‚Die Kinder von Reidelbach‘. Ein Titel, der nicht nur an Michna erinnert, sondern an jene seltenen Zeiten im Leben, in denen ein Ort, ein Kreis von Menschen und ein junger Mensch auf der Schwelle zum Erwachsenwerden zu einer Einheit verschmelzen. Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und laden Sie ein, auch der nächsten Folge beizuwohnen, wenn sich die Türen dieses außergewöhnlichen Hauses ein weiteres Mal öffnen. Walter freut sich sehr, dass du seinen literarisch aufbereiteten Jugenderinnerungen gelauscht hast und wünscht sich, dass du wieder dabei sein wirst, wenn er weiter auf diese Weise in seiner Jugend herumkramt. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht: Walter Hoffmann. Unter Mitwirkung seiner K.I. Willi und der Gaststimme von ElevenLabs: Walters Podcast gibt es alle 14 Tage, überall, wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes. Bis zur nächsten Folge.Folge 014
Transkript
Mira Willkommen zu ‚Bevor ich es vergesse‘, literarisch. Heute entführen wir euch in eine Welt, die nicht von dieser Zeit zu sein scheint. Reidelbach, ein Haus, das atmet, Ein Ort, der nicht nur aus Steinen, sondern aus Seelen, Erinnerungen und unausgesprochenen Geschichten besteht. In dieser Folge hört ihr Reidelbach im Stil von Emily Bronte, düster, poetisch und voll einer fast mythischen Schwere. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der zwischen 2 Welten steht: der Enge seiner Herkunft und der Freiheit eines Ortes, der ihn aufnimmt, ohne ihn zu beurteilen. Eine Erzählung über Grenzen, Zugehörigkeit und die unsichtbaren Ströme, die uns prägen. Walter Reidelbach, ein Ort, der atmet wie ein lebendiges Wesen. Reidelbach hat ein Haus, Nein, nicht nur ein Haus, es war ein Wesen, das in sich selbst ruht, wie die Moore von Yorkshire unter dem ewigen Himmel, der sie sowohl segnet als auch verdammt. Dieses Haus hatte eine Seele, eine Temperatur, die nicht von der Jahreszeit abhängt, sondern von den Seufzern derer, die durch seine Gänge wandelten. Es atmete, Und ich, ein Fremder in dieser Welt, spürte jeden seiner Atemzüge, als stünde ich vor den Pforten einer anderen Existenz. Heute erzähle ich von Reidelbachs altem Haus, nicht von seinen Steinen, nicht von seinen Balken. Nein, von dem, was zwischen ihnen schwebte, was in den Wänden gefangen war, wie der Geist eines längst verstorbenen Dichters. Doch bevor ich die Schwelle zu diesem Ort überschreite, muss ich von dem sprechen, der ihn erschaffen hat, von Bill. Bill, der Schöpfer eines Universums. Bill war nicht nur ein Mann, der in Reidelbach lebte, Bill war Reidelbach. In den 50er Jahren, als die Welt noch in den Fesseln der Konventionen erstickte, hatte er mit seinem Gefährten Freddy ein Haus gebaut. nicht aus Not, sondern aus dem unstillbaren Verlangen heraus, einen Ort zu schaffen, der so frei war wie ihre eigenen Seelen. Und als die 70er Jahre kamen, fügte er ein zweites Haus hinzu, als wäre das erste nur das Vorspiel zu einem größeren Raum. Jeder Raum in Reidelbach trug seinen Stempel. nicht wie ein Siegel, das aufgedrückt wird, sondern wie ein Flüstern, das in jedem Stein, jedem Brett, jedem Lichtstrahl widerhallt. Wo eine Tür stand, wo ein Gang sich wand, alles war ein stiller Dialog zwischen Bill und dem Haus selbst und wir, die wir dort eintraten, waren nur stumme Zeugen dieses Gesprächs. Das alte Haus, ein Übergang in eine andere Zeit. Das alte Haus stand links vom Neuen, als wolle es sich von der Welt abwenden, die es einst kannte. Ein überdachter Gang verband die beiden Gebäude, doch dieser Übergang war kein einfacher Schritt von einem Ort zum andern. Er war eine Reise, eine Pilgerfahrt, ein Abstieg in die Tiefe der Erinnerung. Die Tür, durch die man eintrat, war schwer, als drücke sie das Gewicht der Jahrzehnte in ihren Angeln. Sie hatte die 50er Jahre nicht nur überlebt, sie hatte sie in sich aufgesogen, wie die Erde den Regen, der auf sie fällt. Und als man sie öffnete, betrat man nicht nur ein Haus, man betrat eine komplett andere Zeit. Gleich hinter dem Eingang teilte sich der Weg, rechts eine geschwungene Holztreppe, die sich wie der Rücken eines schlafenden Drachens nach oben wand, und links die Küche. Die Küche, ein moderner Tempel der Unberührtheit. Die Küche war ein Wunderwerk der Moderne, für die 70er Jahre ein Ort, der nicht von dieser Welt zu sein schien. Auberginefarbene Einbauschränke, glatt wie das Fell eines Nachttiers, ein runder Esstisch aus schwerem Holz, um den 3 Stühle standen, als warteten sie auf Gäste, die aber niemals kamen. Und doch war alles so neu, so unberührt, als hätte die Zeit selbst hier innegehalten. Besonders der Edelstahl-Wasserkocher von Russell Hobbes, ein Gegenstand, der in seiner Schlichtheit und seinem unzerstörbaren Willen zum Überdauern etwas fast Heiliges hatte. Ich besitze noch heute einen solchen Kessel. Er ist wie ein Relikt aus einer vergessenen Ära, ein stummer Zeuge der Rituale, die hier stattfanden. Denn das war das Seltsame an dieser Küche. Sie war bereit für das Leben. Doch das Leben fand woanders statt. Hier wurde nur Kaffee gekocht, nicht als Notwendigkeit, sondern als Akt der Andacht. Kaffee als Übergang, Kaffee als das, was man tut, wenn man kurz verweilt, bevor man wieder in die Welt hinein tritt, die einen wirklich ruft. Das alte Wohnzimmer, Bildsreich, ein Thron aus Stoff und Ton. ganz hinten im Erdgeschoss lag das alte Wohnzimmer und wenn ich alt sage, dann meine ich nicht verfallen oder verstaubt, ich meine ewig. Als hätte dieser Raum die Zeit selbst in seinen Mauern gefangen, würde sie nur langsam Tropfen für Tropfen wieder freigeben. Hier standen sie, die monumentalen Polstermöbel, amerikanische Riesen, die mit ihrem plüschigen Stoff und ihrem schieren Volumen zu rufen schienen: ‚Setz dich, bleib, du gehörst hierher.‘ Ein mächtiges Sofa, 2 Sessel, die wie Throne wirkten und ein Ohrensessel, so urtümlich. als wäre er aus den Träumen eines viktorianischen Dichters gestiegen. Und dann war da der Flügel, nicht irgendein Klavier, nein, ein Bechstein, ein Instrument, das nicht nur Töne von sich gab, sondern ganze Welten erschaffen konnte. Bill, der Pianist, der in diesem Raum thronte, wenn er allein war. Ich sehe ihn noch vor mir im Schlafanzug, in einen dicken Morgenmangel gehüllt, in diesem Ohrensessel sitzend, wo wir stundenlang sprachen, als gäbe es keine Zeit, keine Grenzen, keine Welt außerhalb dieser 4 Wände. Manche Räume sind leer, selbst wenn sie voll sind, und manche sind so erfüllt von einer Präsenz, dass man den Atem desjenigen spürt, der sie einst bewohnte. Dies war so ein Raum. Oben Spielwiese und Hilton, die 2 Gesichter der Freiheit. Im 1. Stock teilte sich das Haus wie ein Fluss, der sich in 2 Arme gabelt, jeder mit seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Seele. Die Spielwiese, ein Ort der Möglichkeiten. Auf der linken Seite lag die Spielwiese, ein Raum, der mit Hartschaummacken ausgelegt war, als wolle er die Stürze derer abfedern, die hier ihre Grenzen ausloten. Eine Einbauschrankwand birgt das Bettzeug, als wären die Träume, die hier geträumt wurden, zu kostbar, um sie offen zu zeigen. Je nachdem, wie man es betrachten wollte, war dieser Ort der freiesten Begegnungen oder schlicht. ein Massenlager für die Nächte, in denen Reidelbach vor Leben überquoll. Und Reidelbach quoll oft über. Es war, als könnte dieses Haus nicht genug von den Menschen bekommen, die es durchströmten wie ein Fluss, der niemals versiegte. Und rechts des Hilton. Luxus als Selbstverständlichkeit. Auf der anderen Seite lag das Hilton. Wills Schlafzimmer. Hier war alles maßgefertigt, aus Edelholz, als hätte ein Handwerker der Götter selbst seine Finger im Spiel gehabt. Die Dachschrägen schienen den Raum zu umarmen, als wollten sie ihn vor der Welt da draußen beschützen. Und dann die Betten, 2 King Size Boxspringer, Springbetten, die den Raum gleichzeitig luxuriös und doch irgendwie bescheiden wirken ließen. Als wäre Luxus hier keine Prahlerei, sondern einfach der natürliche Ausdruck eines Lebens, dass sie schweigerte, sich den Konventionen zu beugen. Wir machen das so, weil wir es können und weil wir es wollen. Und das Licht, ach, das Licht indirekt, stilvoll und vor allem dimmbar. In einer Zeit, in der Deutschland noch in grellen Neonröhren ertrank, war dies fast revolutionär. Hier konnte man es nicht so einstellen, wie es der Seele gefiel, hell genug, um zu sehen, dunkel genug, um zu träumen. Der Keller im alten Haus, Waschküche und die Krypta, ein Abstieg in die Unterwelt. Im Keller lag die Waschküche, praktisch nüchtern, immer durchzogen von dem Duft frisch gewaschener Wäsche, als wolle das Haus selbst sich von den Sünden der Vergangenheit reinigen. Doch dann die Krypta, allein das Wort passte, denn hier in den Tiefen des Hauses betrat man eine andere Schicht der Welt. Es war, als stiege man hinab in die Katakomben von Reidelbach, in eine Unterwelt, die nur den Auserwählten zugänglich war. Hier lag Bills Heiligtum, eine Bibliothek, die tausende von Büchern beherbergte, als wären sie gebundene Seelen all derer, die je durch dieses Haus gewandert waren. und Kunstgegenstände, die er von seinen Reisen mitgebracht hat, Relikte aus fernen Ländern, die hier in dieser schummrigen Beleuchtung wie magische Artefakte wirken. Es roch nach altem, geöltem Holz, nach Staub, der nicht schmutzig war, sondern ehrwürdig, nach Zeit, die nicht verging, sondern existierte. Und das Licht, ach, das Licht war nicht dazu da zu enthüllen, es war dazu da, Geheimnisse zu wahren, es war ein Licht, das Dinge nur andeutete, als fürchte es sich, die Magie dieses Ortes zu brechen. Die Krypta war nicht dafür gemacht, dass man schnell durchging, sie war dafür gemacht, dass man blieb, dass man saß, dass man schmökerte oder einfach nur war. Reidelbach, Schmelztiegel, ein Strom aus Feuer und Wasser. Reidelbach war nicht nur ein Ort, es war ein Amalgam, ein Zustand, eine Bewegung, ein Ort, an dem sich die Strömungen der Zeit trafen, wie Flüsse, die in einen Ozean münden. Hier trafen sich die politischen Träumer, Mitglieder der sozialistischen Patientenkollektivs aus Frankfurt, die Kämpfer von Photokoll aus Mannheim, die Rebellen von Carlo Spondi aus Heidelberg oder Rotzschwul, eine Abkürzung für Rodezelle Schwul, ein Name, der schon für sich selbst ein Manifest war. Doch es blieb nicht bei der Politik. Hier war der Obernregisseur Siggi Schönbohm, der die Bühne wie ein Maler seine Leinwand behandelte. Hier waren Filmschaffende wie reiner Winter, die das Licht so formten, als könnten sie die Schatten der Welt selbst gestalten. Hier waren Schriftsteller wie Dieter Duhm oder Eike Blechschmidt, deren Worte wie Messer in die Seele schnitten. Hier waren Opernsänger wie Leo Kern, Brigitte, Horst und Bill der Pianist, dessen Finger die Tasten berührten, als würden sie die Fäden des Schicksals selbst ziehen. Und dann waren anfangs die Studenten Annette, Geli, Ines, Rembert, Christian, die Vögler, Brüder, die Fischergeschwister, Menschen, die später das Fernsehen prägten, als nicht Designer für Frank Zapper arbeiteten, als Lehrer, Ärzte, Sozialarbeiter, Astrologen, Psychologen, Parapsychologen und auch einfach nur Freunde, Joachim, Karl-Heinz, Roya. Ein wilder, bunter, lauter, manchmal anstrengender Strom aus Leben. Ein Strom, der einen mitriss, wenn man nicht aufpasste. Und mittendrin, ich, ich, das Mitbringsel. Ich war das aus dem Rahmen gefallene Mitbringsel von Horst. Kein Student, kein Künstler, ein politisch aktiv, ein ganz normaler Junge vom Land und dann auch noch Friseur. Stell dir vor, du sitzest in einem Raum, in dem scheinbar jeder jedes Buch gelesen, jeden Begriff gekannt, jedes Gespräch geführt hat, das nach Welt klingt, in dem die Worte wie Schwerter in der Luft hängen, bereit jeden zu durchbohren, der nicht schnell genug ist, ihnen auszuweichen. Genauso fühlte ich mich. Dieses Amalgam aus Wissen, Soziologie, Selbsterforschung, Liebe, Grenzerfahrung war für mich nicht nur intensiv, es war zunächst erdrückend. Es legte in mir etwas frei, von dem ich nicht wusste, dass es existierte. Etwas, das vorher keinen Raum gehabt hatte, etwas, das jetzt plötzlich nach Luft schnappte, als hätte man jahrzehntelang unter Wasser gehalten. Ich nahm alles auf wie ein ausgedörrter Schwamm, der zum ersten Mal seit Ewigkeiten den Regen spürt. Die ersten Monate, das Schweigen des Fremden. Als ich durch Horst in diese Welt eintauchen durfte, eingetaucht wurde, sprach ich monatelang kaum ein Wort. Zum einen redete ich damals noch mit einem Odenwälder Dialekt, der so schwer war wie der Stein, den ich mit mir herumtrug und ich schämte mich dafür. Zum anderen musste ich diese Eindrücke erstmal sortieren. Ich musste die Dinge in meinem Kopf an den ihnen gebührenden Platz bringen und das war alles andere als einfach. Es war viel. Es war neu, es war groß, es war wild. Und dann kam sie, diese eine Frage, die wie ein Fluch über mir hing. Was machst du? Jedes Mal und jedes Mal wusste ich, ich würde gleich sagen müssen, dass ich Friseur bin. Und jedes Mal fürchtete ich, dass diese 2 Silben mich für immer als das brandmarken würden, was ich war. Ein Eindringling, ein Fremder, ein Nichts. Lesen, um mitreden zu können, die Bücher als Rettungsanker. Also tat ich das Einzige, was mir einfiel. Ich bildete mich nicht, weil ich plötzlich Akademiker werden wollte, sondern weil ich verstehen wollte. weil ich nicht mehr stumm dasitzen wollte, während die Welt um mich herum in Sätzen entstand, die ich nicht zu entschlüsseln vermochte. Ich las alles, was mir in Heidelbach in die Hände fiel: Sigmund Freud, der die Abgründe der Seele auslotete. C. G. Jung, der von Archetypen und kollektiven Unbewussten sprach, als wären es Sterne am Himmel. Carlos Castaneda, der mich in die Wüsten Mexikos entführte, wo die Realität nur eine von vielen Möglichkeiten war. Bei einer Chetix, Yogananda, Wilhelm Reich und noch so viel mehr. Jedes Buch war ein Schlüssel, jedes Wort ein Schritt näher an diese Welt heran, die mich so fasziniert und gleichzeitig so einschüchterte. Befreiung, Körper, Lust, Urschrei. Und dann kam die Befreiung, nicht durch Worte, nicht durch Bücher, sondern durch den Körper. Ich hatte unglaublichen Sex mit Horst und ich ließ der Urschreiterrortheorie folgend, meinen Gefühlen freien Lauf. Ich wurde schnell als derjenige bekannt, der seine körperliche Lust intensiv spürte und hemmungslos herausschrie und auslebte. Das klingt heute vielleicht provokant. Damals war es für mich vor allem 1 Befreiung. Ein Körper, der endlich nicht mehr nur Funktion war, sondern Wahrheit. Ein Körper, der schrie, wo ich vorher geschwiegen hatte. vom Zuhörer zum Teil des Ganzen, die Metamorphose. Und irgendwann, nachdem ich genug Content gesammelt hatte, wie man heute sagen würde, in Zeiten des Internet, in Zeiten der asozialen Netzwerke, begann ich mich einzubringen. Ich beteiligte mich an den Gesprächen, die in Reidelbach überall und jederzeit entstanden. In den Küchen, auf den Terrassen, im Wohnzimmer, beim Kaffee, nachts zwischen Musik, zwischen Blicken. Und ich merkte, ich wurde nicht mehr nur mitgeschleppt. Ich war plötzlich ein Teil davon, ein Teil der Kinder von Reidelbach. An unseren Enden in Reidelbach, ein Festmahl für die Sinne. An den Wochenenden war Reidelbach oft voll von Besuchern. Es wurde gemeinsam gekocht, viel geklönt, musiziert, Musik gehört, geschrieben, Filme geschaut. Manche arbeiteten an Kunst oder an Buchprojekten, andere an wissenschaftlichen Abhandlungen. Wieder andere machten bewusstseinserweiternde Erfahrungen, immer unter Beobachtung, als gäbe es nichts Wichtigeres. als die Grenzen des Geistes auszuloten und noch andere hatten einfach eine gute Zeit. Es war wie eine offene Kommune, aber ohne feste Besetzung. Man traf sich, man lebte, man ging wieder und doch blieb etwas, etwas, das sich nicht in Worte Worte fassen ließ. Man traf sich auch außerhalb 2 Aufführungen, Performances, Opern. Man fuhr gemeinsam nach Bayreuth, wo Bill, der extreme Richard Wagner Anhänger, in seinem Element war. Manchmal blieb jemand länger in Raidelbach. Wochen, Monate, auch wenn Bill als Reiseführer für Deutsches Reisebüro unterwegs war. Und so vergingen die Tage, Wochen, Monate, Jahre. Eine inspirierende, Spannende, ereignisreiche, emotionale Zeit. Der Soundtrack von Reidelbach: Eine Sinfonie der Seele. Und diese Epoche, diese Zeit hatte ihre eigenen Soundtrack, nicht als Hintergrund, nein, als eigene Sprache. ‚The Lamp Lies Down on Broadway‘ von Genesis, ‚Supertramp‘. Yes, Eloy, Tangerin Dream, John Kale, Gentle Giant, Pink Floyd. Und dann als Gegenstück zu dieser modernen Musik und dieser modernen Mystik, Richard Wagner, Rachmaninoff, Ravel, Kurt Weil, Schönberg. Diese Musik war nicht nur das, was man hörte, sie war das, was man fühlte. Sie war der Herzschlag von Reidelbach, der Atem, die Seele, Reidelbach, ein Gefühl, das bleibt. Und wenn ich heute daran denke oder wenn ich euch mitnehme in diese Erinnerung, dann ist Reidelbach nicht nur ein Ort, es ist ein Gefühl. Ein tiefes, unauslöschliches Gefühl, das ich jederzeit wieder aufrufen kann, wie ein dimmbares Licht. Und manchmal, wenn es ganz still wird, glaube ich sogar, dass ich wieder dieses alte geölte Holz aus der Krypta riechen kann, dass ich die Stimmen höre, dass ich die Wärme der Körper spüre. die hier einst beieinander saßen. In Reidelbach ist nicht vorbei. Es ist in mir. Es wartet nur darauf, dass jemand die Tür öffnet und eintritt. Mira Das war Reidelbach. Ein Ort, der atmet wie ein lebendiges Wesen. Eine literarische Adaption im Stil von Emily Bronte. Eine Geschichte über Sehnsucht, Transformation und die Stille zwischen den Worten. Bis zum nächsten Mal, wenn Walter wieder seine Erinnerungen in Literatur verwandelt. Bleibt neugierig und denkt daran: Manchmal sind es die unsichtbaren Dinge, die am lautesten sprechen. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht. Walter Hoffmann. Unter Mitwirkung seiner KI Willi und der Gaststimme von ElevenLabs. Walters Podcast gibt es alle 14 Tage. Überall, wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes.Folge 015
„podcast_bevor_ich_es_vergesse_literary_voices_s02_episode__zwischen_licht_und_riss.mp3 Transkript
Sprecher 1
Es gibt Folgen, die man nicht nebenbei hört. Diese hier ist eine davon. Walter erzählt heute von seinem Vater, von dem, was zerbrach, als er ihm sagte, wer er ist. Von einem Arzt, der ihn wie einen Befund behandelte. Von einer Nacht in Heidelberg, die ihm zum ersten Mal das Gefühl gab, dass sein Leben ihm gehört. Von einem Lederriemen, von einem Vorschlag, der ihn fast 7 Jahre lang sprachlos machte. Und davon, wie man Frieden schließt, nicht weil alles vergessen ist, sondern weil man irgendwann versteht. Walter hat diesen Text in die Sprache von Ingeborg Bachmann gekleidet, weil manche Dinge eine Sprache brauchen, die größer ist als die Alltagssprache. Weil Bachmann wusste, wie man Wahrheit ausspricht, ohne wegzuschauen. Hört heute besonders aufmerksam zu, es lohnt sich.
Sprecher 2
Es gibt Sätze, die man sagt und danach ist nichts mehr wie vorher. Nicht der Raum, nicht die Luft, nicht das Gesicht des andern. Ich hatte einen solchen Satz gesagt und mein Vater stand da, als hätte jemand ihm etwas weggenommen, das er nie besessen hatte und doch für sein Eigentum gehalten hatte. All die Jahre, all die Jahrzehnte, all die Zeit, in der ich gewesen war, ohne zu wissen, wie sehr ich gewesen war, auf eine Art, die er nicht zulassen konnte. Er stand da, starr. Das Blut hatte sein Gesicht verlassen, wie ein Gast, der geht, ohne sich zu verabschieden. Und ich sah, wie in ihm etwas begann, das ich kannte, ohne es je in Worte gefasst zu haben. Dieses Greifen, dieses Festhalten, diese verzweifelte, schweigende Arbeit des Mannes, der nicht versteht, aber kontrollieren will, was er nicht versteht. Der nicht begreift, aber festhalten will, was ihm entgleitet. der nicht liebt oder liebt, aber nicht weiß, wie Liebe ohne Besitz geht. Kurz darauf, und es waren vielleicht Tage, vielleicht auch nur Stunden, die Zeit hatte aufgehört, sich gleichmäßig zu bewegen, brachte er mich zu Doktor Kaiser, dem Hausarzt, als brächte man ein schlecht eingestelltes Gerät zur Reparatur, als sei das Leben eines Menschen eine Sache der Justierung, der Korrektur, der ärztlichen Bestätigung, dass etwas falsch sei. Das Wartezimmer roch nach Desinfektionsmittel und nach alten Zeitschriften, in denen eine fremde Welt blätterte, während wir schwiegen. Die Luft war überheizt und abgestanden, diese besondere Arztpraxenluft, die irgendwo zwischen Hoffnung und dem Aufgeben von Hoffnung hängt. Mein Vater saß neben mir, kerzengerade, die Hände ineinander verkrampft, als wollte er verhindern, dass ihm noch etwas entglitt. Er sprach kaum, Aber seine Anspannung war im Raum schwer und real, wie ein Körper, der sich zwischen uns schob. Der Arzt untersuchte mich. Es war kein Untersuchen, es war ein Abhandeln. Ein kurzer Blick, ein routiniertes Abtasten, ein militärisches Drehen und Wenden in Anwesenheit meines Vaters. Der wartete auf was? Auf eine Diagnose, auf ein Wort, das die Welt wieder so machen würde, wie sie gewesen war, Bevor ich sie mit einem Satz verändert hatte, dann sagte der Arzt: ‚Völlig normal. 3 Worte, die eine Entlastung hätten sein können, die sich hätten anfühlen können wie eine Erlösung, wie ein Freispruch, wie das Öffnen eines Fensters in einem Raum ohne Luft. Aber er sagte sie nicht so. Er sagte sie an meinen Vater gewandt, nicht an mich, als wäre ich ein Befund, über den man spricht, nicht ein Mensch, mit dem man spricht. Und dann kam dieser Nachsatz, klein und giftig und präzise wie ein Stich, der nicht blutet, aber sitzt. Der Mann, der mich auf dem Gewissen habe, müsse wohl ein Routinier sein, kein Gelegenheitstäter. So, mein Vater hatte einen Stempel gesucht, eine Diagnose, eine Pille, eine Anweisung. Er hatte gehofft, die Welt würde in Ordnung springen, wenn eine offizielle Stimme etwas Offizielles sagte. Stattdessen saßen wir da, er und ich, in diesem überhitzten Zimmer und ich verstand zum ersten Mal mit aller Klarheit, dass es in seinem Kopf nicht um mich ging, nicht wirklich. Es ging um ein Bild, das er von mir gehabt hatte, oder von sich, von uns, von dem, was eine Familie zu sein hatte. Und dieses Bild hatte ich zerstört, mit einem Satz, mit dem, was ich war. Zu Hause wurde er nicht leiser, Er wurde geschäftiger. Er kramte und telefonierte und fragte herum und irgendwann brachte er den Namen Profamilia. Er sagte ihn, als wäre er ein Rettungsanker, als röche er nach Familie, nach Schutz, nach Ordnung, nach der Welt, die noch zu retten sein mochte. Er brachte mich hin, als brächte er mich zur Reparatur. In seinem Kopf war ich eine Fehlentwicklung, ein Knick im Stammbaum, Eine Gefahr vielleicht, für was, für wen, das wusste er selbst nicht zu sagen. Aber die Angst hatte eine Richtung, und die Richtung war ich. Nur, Profamilia verfolgte ganz andere Ziele. Dort saß mir keine Instanz gegenüber, die mich korrigieren wollte, keine moralische Keule, kein erhobener Zeigefinger, kein Blick, der mich kleiner machte, als ich war. Stattdessen Menschen, die mich ansahen, als wäre ich nicht kaputt. Menschen, die Worte fanden und mir beibrachten, Worte zu finden. die mir halfen, Gefühle auszuhalten und Grenzen zu erkennen und die mir leise, konsequent, unspektakulär sagten: „Du bist nicht falsch.“ Dieses Jahr war im besten Sinne des Wortes ein glücklicher Umstand. Es trug mich. Und doch, egal wie viel ich dort verstand, zu Hause blieb die Luft schwer und geladen wie vor einem Gewitter, das nicht kommt und nicht aufhört zu drohen. Es gibt Abende, die man nicht vergisst. nicht, weil sie schön waren, obwohl sie das auch waren, sondern weil sie einem zeigen, was auf dem Spiel steht. Ich war 18, noch nicht volljährig in einem Land und einer Zeit, die das Wort Volljährigkeit für Menschen wie mich mit einer anderen Bedeutung füllten als für andere. Und ich wagte es, eine Nacht nicht nach Hause zu kommen, zum ersten Mal. Es war ein Frühsommertag von der Art, die man sich nicht ausdenken kann, weil sie zu groß wäre für die Erfindung. Dieses flirrende Licht auf dem Wasser des Heidelberger Freibads, der Geruch von Sonnencreme und Pommes und warmer Haut, das Lachen von irgendwo hinter mir und dann gleichzeitig, als hätte die Welt beschlossen, sich einen Augenblick lang nicht zu entscheiden, Sonne und ein feiner sanfter Regenschauer, weil über uns eine einzelne Wolke hing, während daneben strahlendblauer Himmel war und die Sonne schon tief und golden stand und trotzdem fielen diese Tropfen. leicht wie ein Versprechen. Und dann der Regenbogen, als hätte die Welt kurz bewiesen, dass zwei Wahrheiten gleichzeitig möglich sind. Ich nenne es verwunschen, ich nenne es unwirklich schön. Und ich konnte dieser Versuchung, oder war es eine Verheißung, nicht widerstehen. Ich blieb. Mein allererstes unentschuldigtes Fernbleiben von zu Hause, meine allerste Nacht bei und mit einem Mann. In mir war dieses Knistern, das ich nicht benennen konnte und das ich trotzdem genau kannte. Diese Mischung aus Angst und Freiheit, als würde irgendwo in mir ein Schalter umgelegt, nicht laut, nicht dramatisch, eher wie eine Tür, die sich langsam öffnet. Und dahinter ist ein Raum, den man sein ganzes Leben lang nicht betreten durfte und von dem man doch immer gewusst hat, dass er da ist. Auf der andern Seite der Wand, hinter der Tür, in dem Leben, das das Eigene war und doch nicht. Ich machte mir Sorgen, wie das Heimkommen werden würde. Ich kannte meinen Vater. Ich kannte seine Wut, die sich in eine Art kalter Entschlossenheit verwandeln konnte, wenn er das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren. Ich kannte den Weg, den sie nahm, erst das Steigern, dann das Erstarren, dann das, was kam, wenn das Erstarren nicht reichte. Und trotzdem blieb ich, weil ich diesen Moment wollte, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dieser Deutlichkeit das Gefühl hatte, dass mein Leben mir gehörte. Am frühen Morgen ging ich nach Hause. Der Weg war zu kurz. Mit jedem Schritt wurde die Freiheit kleiner und die Angst größer und ich spürte meinen eigenen Geruch, Chlor und Nacht und die Reste einer Stunde, in der ich gewesen war, wer ich war. Und ich spürte diese dünne, harte Linie in mir. Gleich passiert etwas. Papa wartete. nicht im Bett, nicht im Flur. Er wartete wie jemand, der die Nacht nicht geschlafen hat, weil er nichts anderes konnte. Als ich die Tür öffnete, traf mich seine Anwesenheit wie eine Wand. Wut, Kontrollverlust, Entsetzen, alles auf einmal und alles ineinander. Er sagte Dinge, die ich nicht Wort für Wort wiedergeben kann, weil sie keine Sätze waren im eigentlichen Sinne. Es waren Schläge aus Sprache, abgerissene Vorwürfe, die nicht verhandeln wollten, die nichts wissen wollten, die nur treffen wollten. Und dann schlug er zu, mit dem schweren Lederriemen aus dem Friseurladen, dem mit dem Opa einst die frisch geschärften Rasiermesser geledert hatte. Ich werde das Geräusch nicht vergessen, dieses harte, schnelle Klatschen und das Brennen, das nicht sofort Schmerz war, sondern zuerst nur Schock, zuerst nur die Unmöglichkeit des Geschehenden, bevor der Körper begreift, was der Kopf noch nicht wahrhaben kann. Er beschimpfte mich, er war nicht zu bremsen. Ich stand da in diesem Haus, das einmal meins gewesen war, und verstand, es gab hier keinen Platz mehr für mich, nur noch für seine Angst, die sich als Gewalt verkleidet hatte, weil Angst das manchmal tut, wenn sie groß genug wird und keinen andern Ausweg findet. Danach war ich übersät mit Striemen, offenen Stellen, blauen Flecken. Mein Körper fühlte sich an wie ein Beweisstück und in mir stieg etwas hoch, das ich vorher nicht so gekannt hatte. Keine heiße, kurze Wut, etwas Dunkleres, etwas Schwereres, etwas, das sich festsetzt und bleibt: Wut, Hass, Verachtung. Ich überlegte mir, was ihn am meisten treffen würde. Mein Vater war ein Mann, der von Ordnung lebte, von dem Schein, dass alles in Ordnung war, von der Stille, in der die Dinge nicht passiert sind. In einem Dorf, wo man so tut, als seien die Dinge nicht passiert, ist Öffentlichkeit das Schlimmste, was einem geschehen kann. Also erzählte ich es, jedem, der es hören wollte, und jedem, der es nicht hören wollte. Ich erzählte, dass er mich verdroschen hatte, weil ich über Nacht bei meiner großen Liebe geblieben war. Es war nicht nur Trotz, es war Selbstschutz. Wenn alle es wussten, konnte er es nicht mehr wegdrücken, nicht mehr so tun, als sei es ein Ausrutscher, eine Erziehungsmaßnahme, ein Missverständnis. Sehr schnell wusste im Dorf praktisch jeder Bescheid und die meisten bezogen eine klare, positive Position mir gegenüber, gerade wegen seines Verhaltens. In dieser Zeit lernte ich etwas, das man selten so früh lernt, dass Scham ein Werkzeug ist und dass man es jemandem wegnehmen kann, indem man ausspricht, was nicht gesagt werden darf. Und so lebten wir nebeneinander in einem kalten Krieg, der keinen Namen hatte und keine Fahnen, aber seine eigenen Regeln. Irgendwann, ich weiß nicht mehr, an welchem Tag der Versuch endgültig scheiterte, merkte mein Vater, dass Pro Familia mich nicht zurückgebracht hatte. Dass ich nicht kleiner wurde, nicht leiser, nicht unsichtbarer. Als er mich nach der letzten Stunde abholte, machte er mir einen Vorschlag, dessen Wucht mir bis heute in den Knochen sitzt. Er sagte es, als wäre es ein Deal, als wäre es ein Geschäft, als könnte man Mensch sein, handeln wie eine Ware. Wenn du dich für einen stereotaktischen Gehirneingriff bereit erklärst, kaufe ich dir ein schönes Motorrad. Ich war sprachlos. ich war geschockt, ich war entsetzt und bis ins Mark erschüttert und aufs Tiefste verletzt und gleichzeitig war ich für einen Augenblick vollkommen still, weil dieser Satz so groß war, dass er keinen Lärm machte. Er machte Stille. Man muss wissen und es ist kaum zu glauben heute, aber es war so, dass es zu dieser Zeit Mode war, Sexualstraftätern mit genau solchen Eingriffen die Lust zu nehmen. Als hätte man Sexualität wie einen Schalter im Kopf, den man umlegt. Als wäre das Begehren ein Tumor, den man herausschneiden könnte, und danach wäre alles gut und ordentlich und still. Wenige Jahre später starb der Sexualstraftäter Jürgen Bartsch bei einem solchen Eingriff an einer Überdosis Narkosemittel. Als ich das später hörte, fühlte es sich an, als hätte die Geschichte selbst einmal kurz gezeigt, wie brutal diese Zeit war. Dieser Satz meines Vaters trennte mich von ihm ab wie ein Schnitt, nicht dramatisch, nicht mit einem großen Knall, sondern so, wie eine Verbindung durchtrennt wird, wenn man das richtige Werkzeug kennt. Fast 7 Jahre lang sprach ich ihn nicht direkt an, nicht weil ich nicht wollte, sondern weil es nicht ging. Wenn ich ihm etwas mitteilen musste, bat ich meine Mutter, es ihm auszurichten, auch wenn er direkt daneben stand. Nach diesem Vorschlag hatte ich für Jahre keinen Vater mehr. Und während all das war, lebte ich auch in einer anderen Angst, der juristischen. Der Paragraph 175 hing über uns wie ein Damoklesschwert, schwer und unberechenbar. Ich war 18, mein Freund war 36 Nach dem damals gültigen Recht machte er sich durch die Beziehung mit mir strafbar. Es war absurd, Es war brutal und es war real. Zum Glück wurde die Feuerjährigkeit später auf 18 herabgesetzt und so wurde ich mit knapp über 19 Jahren frei, ohne dass mein Vater etwas Schlimmes getan hatte, ohne das Schlimmste. Und dann war ich weg, nicht fluchtartig, eher so wie jemand geht, der endlich begriffen hat, dass er nur atmen kann, wenn er den Raum verlässt. Fast 7 Jahre, Solange konnte ich ihn nicht direkt ansprechen. Ich blieb trotzdem präsent, bei jedem Familienfest, nicht weil es leicht war, sondern weil ich mich nicht vertreiben lassen wollte. Ich hatte ein Recht auf diesen Tisch, ein Recht auf diesen Raum und dieses Recht ließ ich mir nicht nehmen. In dieser Zeit las ich Freud, nicht aus intellektueller Spielerei, sondern aus einem Bedürfnis, das ich kaum anders nennen kann als verstehen wollen. Ich suchte in unserer Familiengeschichte nach Ursachen für seinen Widerstand Und ich fand, was ich vielleicht immer schon geahnt hatte, auf alten Fotos wirkte er manchmal auf eine Art, die man damals nicht ausgesprochen hätte. Sein stark ausgeprägtes Körperbewusstsein, die Distanz Frauen gegenüber, die Herzlichkeit Männern gegenüber, vor allem seinen Sport und Radkumpanen, in deren Gesellschaft er aufblühte, die Stille in Familienrunden, die Abwesenheit im Damensalon seines eigenen Ladens. alles Zeichen, die ich sammelte und anordnete und schließlich zu einem Bild zusammensetzte, das ich nicht laut aussprechen wollte, aber innerlich längst kannte. Später, durch Familienaufstellungen, fand ich heraus, dass es in seiner Familie in den 30er und 40er Jahren Ereignisse gegeben hatte, die in genau diese Richtung wiesen. Ereignisse mit weitreichenden Folgen, über die ich hier nicht sprechen will. Aber sie waren da Und sie hatten Spuren hinterlassen, die sich durch die Generationen zogen, wie ein Riss durch Stein, unsichtbar von oben, aber vorhanden. So wahrscheinlich war es, dass er sich und mich vor etwas zu schützen versuchte, das er nicht benennen konnte, weil er es selbst nicht benennen durfte, weil die Geschichte seiner Familie es nicht erlaubte. Bei mir kam das als Ablehnung an, als Urteil, als Verletzung. Aber durch diese Erkenntnisse konnte ich schließlich Frieden schließen. Nicht weil alles vergeben war, sondern weil ich verstand, was Bachmann einmal über das Verstehen geschrieben hat, ohne es so zu schreiben, dass Menschen sich manchmal mit solcher Gewalt gegen etwas wehren, weil es sie an etwas in ihnen selbst erinnert, weil es zu nahe kommt, weil Nähe manchmal gefährlicher ist als Feindschaft. Durch meine Hartnäckigkeit, durch das Konfrontieren mit meinen Freunden, mit meinem Leben, mit dem, was ich war, arrangierte er sich irgendwann mit der Realität. Still, ohne Worte, ohne große Geste. Fortan lebten wir friedlich und respektvoll nebeneinander, ohne Berührungsangst. Mit meinem heutigen Partner und Ehemann hatte mein Vater in seinen letzten Lebensjahren ein wirklich gutes Verhältnis. Vielleicht ist das die späte, stille Ironie dieser Geschichte, dass ausgerechnet dort, wo er einst korrigieren wollte, irgendwann etwas entstand, dass er nicht mehr bekämpfte, nicht laut, nicht herzlich, aber echt. Und das, nach allem, was in diesen schwierigen Jahren war, ist weitaus mehr, als ich damals zu hoffen gewagt hatte. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Ingeborg Bachmann.
Sprecher 1
Das war eine der schwersten Folgen, die Walter je aufgenommen hat und eine der wichtigsten. Nicht um anzuklagen, sondern weil viele von euch ähnliche Geschichten kennen. Geschichten von Menschen, die uns lieben und uns trotzdem verletzen. Die uns festhalten wollen, weil sie Angst haben vor dem, was wir sind. Die sich gegen uns wehren, weil wir sie an etwas erinnern, das sie selbst nicht aushalten können. Das macht den Schmerz nicht kleiner, aber es macht ihn begreifbar. Ingeborg Bachmann hat geschrieben: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Walter glaubt das. Und nach dieser Folge, vielleicht glaubt ihr es auch, in 14 Tagen ist Walter wieder hier. Bis dahin, passt auf euch auf. Idee, Konzept, Umsetzung, Produktion und alles, was es für diesen Podcast braucht: Walter Hoffmann unter Mitwirkung seiner K.I. Willi und der Gaststimme von ElevenLabs. Walters Podcast gibt es alle 14 Tage, überall, wo es Podcasts gibt. Weitere Informationen findest du in den Shownotes.
Folge 016
„Text folgt“
Folge 017
„Text folgt“
Folge xxx
„Text folgt“
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