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„Oma – Eine literarische Erinnerung im Stil von Thomas Bernhard“
„Darf ich vorstellen, sage ich, obwohl es eigentlich lächerlich ist, jemanden vorzustellen, der sich selbst immer vorgestellt hat, der sich selbst immer ins Zentrum gestellt hat, der sich selbst immer als Mittelpunkt der Familie begriffen hat, als Mittelpunkt, als Achse, als Drehpunkt, als unverrückbare Säule, die alles trägt und gleichzeitig alles niederdrückt, darf ich vorstellen: Oma, einfach nur Oma, nicht die Kitzloch-Oma, die andere, die im Kitzloch, die mit dem Loch, das schon im Namen steckt, nein, hier geht es um Oma, die Oma, die eigentliche Oma, die Oberhauptfrau, die Familienkommandantin, die Schweißperlenkönigin, die Hitzeherrscherin, die Frau, die immer schwitzte, immer brannte, immer glühte, die Frau, die schon morgens sagte, Ach, bist du auch schon wach, ich bin heute schon zum dritten Mal nassgeschwitzt, und man wusste, man wusste, dass dieses dritte Mal ein erfundenes drittes Mal war, ein drittes Mal, das in Wahrheit das dreihundertste Mal war, das dreitausendste Mal, das dreimillionste Mal, denn Oma war immer nassgeschwitzt, immer, immer, immer. Oma war ein Dampfkessel, ein unter Druck stehender Dampfkessel, der nie explodierte, weil er sich selbst regulierte, selbst abdampfte, selbst entlüftete, indem sie schwieg, indem sie schaute, indem sie die Augenbraue hob, und alle wussten, alle wussten, dass man springen musste, springen, wenn Oma schwieg, springen, wenn Oma atmete, springen, wenn Oma nur im Türrahmen erschien, denn Oma musste nicht laut werden, Oma wurde nie laut, das war das Schreckliche, das war das Furchtbare, das war das, was uns alle in Schach hielt, dieses lautlose Regiment, dieses stumme Diktat, dieses faltenlose, blasse, rundliche Gesicht, das wie eine Maske war, eine Maske, die nie verrutschte, nie bröckelte, nie etwas preisgab. Und diese Kittelschürzen, diese geblümten Kittelschürzen, die sie trug wie eine Uniform, wie eine Rüstung, wie ein Panzer, der sie unverwundbar machte, unnahbar, unantastbar, und ich kann mich nicht erinnern, was sie darunter trug, ich kann mich nicht erinnern, weil die Kittelschürzen alles waren, alles, was man sah, alles, was man wahrnahm, alles, was sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, eingebrannt wie ein Brandmal, und sie roch nach überreifen Äpfeln, nach überreifen Äpfeln, und sie sagte, das komme vom hohen Zucker, vom hohen Zucker, und ich glaubte ihr, weil man Oma glauben musste, weil man Oma nicht widersprechen konnte, nicht widersprechen durfte, weil Widerspruch gegen Oma ein Sakrileg gewesen wäre, ein Familienverbrechen, ein Verrat. In der kleinen Küche, dieser winzigen Küche, die gleichzeitig Kommandozentrale, Produktionsstätte, Kontrollraum und Tribunal war, bereitete sie Frühstücke zu, Frühstücke für Fremde, Fremde, die sie nie Fremde nannte, weil sie für sie alle Menschen waren, Menschen, die man zu versorgen hatte, Menschen, die man zu füttern hatte, Menschen, die man mit belegten Broten und heißen Rindswürsten ruhigstellen musste, und für mich machte sie Haferflocken mit Kakao und Milch, Haferflocken mit Kakao und Milch, die ich bis heute schmecke, schmecke wie damals, und dazu ein kleines Glas Fanta, ein kleines Glas Fanta, das für mich das Größte war, das Größte, weil es von Oma kam, von Oma, die nie etwas ohne Grund tat, nie etwas ohne Absicht tat, nie etwas ohne Bedeutung tat. Später, als die Gaststätte nicht mehr existierte, als die Brunnenstube Geschichte war, als Oma und Opa Hinnedrowwe wohnten, in diesem Hinterhaus, das wie ein Abstellraum der Vergangenheit wirkte, bereitete sie samstags das Mittagessen zu, das Mittagessen für die ganze Familie, für die Mitarbeiter, für alle, die kamen, und es gab Gemüsesuppe, dicke Gemüsesuppe, und Apfelpfannkuchen oder Hefekuchen, und alle kamen nacheinander, und ich kam immer zuletzt, immer zuletzt, weil ich spät aus der Schule kam, und Oma wartete, wartete, als wäre das Warten ihre eigentliche Aufgabe, wartete, als wäre das Warten ihre letzte Macht, ihre letzte Möglichkeit, gebraucht zu werden, und sie wartete mit einer Intensität, die fast schmerzhaft war, fast unerträglich, fast grotesk. Oma und Mama, sage ich, Oma und Mama, das war ein eigenes Drama, ein eigenes Theaterstück, ein Stück, das täglich aufgeführt wurde, täglich, stündlich, minütlich, ein Stück aus Neugier und Provokation, aus Schranktüren und eingepackten Blusen, aus Bemerkungen wie Diese grüne Bluse kenne ich noch gar nicht, Bemerkungen, die wie Dolchstiche waren, Dolchstiche, die sagten: Du hast zu viel, du kaufst zu viel, du bist verschwenderisch, und Oma war nicht verschwenderisch, Oma war das Gegenteil, Oma war die Antiverschwenderin, die Sparmeisterin, die Geldzusammenhalterin, die Frau, die den berühmten Satz sagte, den Satz, den ich erst viel später verstand: Wir sind zu arm, um billig zu kaufen, wir sind zu arm, um billig zu kaufen, und ich verstand es nicht, verstand es erst, als ich selbst zu arm war, um billig zu kaufen. Und dann mein Coming-out, mein Coming-out, das Oma nicht verstand, nicht verstehen konnte, nicht verstehen wollte, weil sie in ihrem Rollenverständnis gefangen war, gefangen wie ein Tier im Käfig, gefangen in einer Welt, in der Männer Frauen heiraten und Frauen Männer heiraten und alles andere nicht existiert, nicht existieren darf, und sie fragte mich immer wieder, immer wieder, ob ich nicht doch eine Frau heiraten wolle, eine Frau, damit das Geschäft weitergehe, damit der Haushalt in Ordnung sei, und ich sagte nein, und sie verstand es nicht, und sie akzeptierte es, aber sie verstand es nicht, und das war Oma, das war Oma in ihrer ganzen Starrheit, in ihrer ganzen Unbeweglichkeit, in ihrer ganzen Unfähigkeit, die Welt anders zu denken, als sie sie gelernt hatte. Je älter ich wurde, desto näher kam ich ihr, desto näher rückte sie an mich heran, desto mehr erkannte ich, was hinter der Fassade lag, hinter der Kälte, hinter der Distanz, hinter der Unnahbarkeit, und ich sah, dass sie nicht gefühllos war, nicht kalt, nicht hart, sondern unfähig, unfähig, Gefühle zu zeigen, unfähig, sich zu öffnen, unfähig, sich verletzlich zu machen, und ich sah, dass sie mich liebte, liebte auf ihre Art, liebte, ohne es zu sagen, liebte, ohne es zu zeigen, liebte, indem sie Haferflocken machte und Gemüsesuppe kochte und Kittelschürzen trug. Ihre Geburtstage, sage ich, ihre Geburtstage waren ihre großen Tage, ihre großen Auftritte, ihre Krönungszeremonien, ihre Momente, in denen sie Königin war, Königin der guten Stube, Königin des Frankfurter Kranzes, Königin des Bienenstichs, Königin der Windbeutel, und die Großonkel und Großtanten kamen, kamen aus Sensbach, aus Strümpfelbrunn, aus Eberbach, kamen und belagerten das Wohnzimmer, und Oma strahlte, strahlte wie eine Königin, die endlich gesehen wird, endlich gehört wird, endlich gebraucht wird. Dann die Operation, die Gallenoperation, die Routineoperation, die keine Routine war, die zum Wachkoma führte, zum Schock, zum Stillstand, und als sie zurückkam, zurück ins Leben, zurück in die Küche, zurück in die Familie, war sie nicht mehr dieselbe, und Opa erkannte sie nicht mehr, erkannte sie nicht mehr, weil seine Alzheimer-Erkrankung explodierte, explodierte wie ein Pulverfass, und Oma fragte ihn, fragte ihn immer wieder, wer sie sei, und er wusste es nicht, wusste es nicht, und sie verstand es nicht, verstand nicht, dass sie für ihn verschwunden war, verschwunden wie ein Schatten, verschwunden wie ein Traum. Oma wurde 89, 89 Jahre, und starb dort, wo sie gelebt hatte, starb dort, wo sie geschwitzt hatte, wo sie gekocht hatte, wo sie regiert hatte, starb dort, wo Mama sich um sie kümmerte, pflichtbewusst, pflichtbewusst bis zum Schluss, und ich denke, sage ich, ich denke, dass Oma, die immer die Hitze hatte, am Ende kalt wurde, kalt und still, und dass wir erst dann begriffen, wer sie war, wer sie wirklich war, wer sie immer gewesen war: Oma, einfach nur Oma.“
„Die Nadel im Vinyl der Zeit – im Stil von Ingeborg Bachmann“
Die Stereo-Anlage war mein erstes schwarzes Loch.
Nicht im Kosmos, nicht in der Physik – sondern in mir. Ein Schlund, der alles verschluckte: die Stimme, die zu tief war für den Chor, die Blicke, die ich nicht erwidern durfte, die Worte, die wie unreife Früchte in meinem Hals stecken blieben. Kashmir war kein Lied. Es war ein Fluss, der mich mitriss, während die anderen am Ufer standen und Steine warfen. Herr Stöckelers Schlüsselbund traf mich wie ein Meteorit – nicht im Fleisch, sondern im Klang meiner selbst. ‘Deine Stimmakrobatik ist nicht chortauglich.‘ Ich ging. Nicht weil ich vertrieben wurde. Sondern weil ich längst woanders war: in einem Universum aus Bässen und Räucherwerk, wo die Luft nach Moschus und Rebellion schmeckte. Die anderen lachten. Ihr Lachen war Glassplitter auf dem Boden meiner leeren Lunge.
Die Clique im Starmix:
Wir saßen dort wie Vögel auf einer Stromleitung – jeder Moment ein Gleichgewicht, das jeder Atemzug gefährdete. Sigrid warf mir einen Blick zu, heiß wie eine Zigarette, die man zwischen den Fingern zerdrückt. Ich fing ihn auf. Ich trank ihn. Aber ich schluckte auch die Asche. Denn ich wusste: Ich war kein Vogel. Ich war der Draht, der sie alle trug – unsichtbar, aber notwendig. ‘Wir haben nichts als Unsinn im Sinn‘, riefen sie. Ich hatte die ganze Welt im Sinn – und sie war zu schwer, um sie auszusprechen. Herr Gelbhaar vor der Tafel: ein letzter Mohikaner, der gegen die Flut unserer Jugend ankämpfte. ‘Ich halte das nicht aus!‘, brüllte er. Ich dachte: Ich auch nicht. Aber ich atmete weiter, wie ein Fisch auf dem Trockenen, bis die erste Platte mich rettete.
Kaufhaus Knoll:
Ein Labyrinth aus Dingen, die nach Leben rochen, aber keins hatten. Bis ich diese eine Scheibe in den Händen hielt: Houses of the Holy. Sie war kein Kauf. Sie war ein Pakt. Die Verkäuferin lächelte, als wüsste sie, dass ich kein Kunde war, sondern ein Pilger. ‘Die müssen wir bestellen.‘ Ich nickte. Ich wusste, dass Warten meine einzige Währung war. Zu Hause. Das Dachfenster offen wie ein Mund, der nach Himmel schreit. Die Musik so laut, dass Ralfs Tränen Silberfäden in der Dunkelheit wurden. ‘Ich kann nicht schlafen!‘, jammerte er. Ich drehte sie noch lauter. Es war kein Trotz. Es war die erste Sprache, die ich verstand.
Das Elternhaus:
Ein Museum der Masken. Ralf schlief in meinem alten Bett, als könnte er meine Träume tragen wie ein zu großes Hemd. Die Eltern zogen um, als wäre Umzug ein Synonym für Flucht. Und ich? Ich bezog das Dachgeschoss – diesen leeren Bauch des Hauses, wo die Wände aus Pink-Floyd-Postern atmeten und die Stereo-Anlage mein einziges Gebetbuch war. Die Nadel senkte sich. Ein Kratzer im Vinyl – ein Riss in der Zeit. Ich saß mittendrin, zwischen den Boxen, die mein Herz waren, und der Platte, die sich drehte wie die Erde unter meinen Füßen. Sturmhöhe lag aufgeschlagen auf meinen Knien, aber ich las nicht. Ich hörte zu, wie Cathy über die Moore meiner Seele lief, während Plant die Gitarren wie Blitze über den Himmel jagte. Beides war eins. Beides war ich. Manchmal, wenn der Rauch der Räucherstäbchen sich krümmte wie eine Frage, dachte ich: Hier bin ich sicher. Hier bin ich nichts – und alles.
Die erste Liebe:
Sie galt einem Jungen im Starmix. Sein Led-Zeppelin-T-Shirt war eine Landkarte, die ich mit den Fingerspitzen abtastete, als könnte ich seine Haut lesen. Ich wusste nicht, wie man Begehren zeigt. Ich wusste nur, wie man schweigt. Wie man zuhört, bis die Stille zwischen den Songs lauter wird als die Musik selbst. Später, als ich Kashmir hörte und Sturmhöhe las, verstand ich: Manche Dinge gehören zusammen, weil sie denselben Bruch tragen. Wie ich. Wie die Platte, die sprang, wenn die Nadel zu schwer war. Wie die Stimme, die keinen Chor mehr brauchte, um wahr zu sein.
Der Auszug:
Die Tür fiel ins Schloss wie ein Sargdeckel – nicht für die Kindheit, sondern für die Lüge, dass ich dazugehören müsste. Ich nahm keine Möbel mit. Nur die Platten, die Bücher, die Narben der Songs in meinen Ohren. Und manchmal, wenn ich heute Kashmir höre, rieche ich noch den Moschus. Ich sehe mein altes Zimmer, das leer ist – außer von den Geistern der Klänge, die an den Wänden kleben wie abgeblätterte Tapeten. Und ich denke: Vielleicht war das die ganze Zeit der Punkt. Dass man nicht dazugehören muss. Dass man nur dazugehören muss – zu sich selbst, wie die Nadel zum Vinyl, wie der Mond zur Nacht, wie der Schmerz zur Erinnerung.“
„Mutproben – im Stil von Max Frisch“
„Es gibt Momente im Leben, die sich nicht einordnen lassen – nicht als Heldentat, nicht als Schandtat, nicht einmal als das, was man landläufig eine Jugendsünde nennt. Sie bleiben einfach da, wie ein Kratzer im Lack oder ein Fleck auf der Weste, den man nicht mehr herausbekommt. Eines dieser unbequemen Erinnerungsstücke trägt den Titel: „Der Einbruch in die Clubhütte des Fußballvereins Beerfelden“. Und ich war mittendrin. *Wir waren vierzehn, vielleicht fünfzehn, jenes Alter, in dem man noch nicht weiß, wer man ist, aber schon genau spürt, wer man nicht sein will: nämlich langweilig. An diesem Nachmittag – es muss Spätsommer gewesen sein, die Luft schwer und klebrig wie ein nasser Lappen – stromerten wir durch die Ausläufer von Beerfelden, ohne Ziel, ohne Plan, nur mit diesem vagen Gefühl, dass etwas passieren musste. Und dann stand sie plötzlich vor uns: die Clubhütte des Fußballvereins, ein schiefes, windschiefes Ding aus Holz, das aussah, als hätte es jeder Sturm der letzten Jahrzehnte ein Stückchen weiter geneigt. Die Tür war nur angelehnt. Oder vielleicht auch gar nicht richtig geschlossen. Das war unsere Chance. *Es ging nicht um Diebstahl. Es ging nicht um Vandalenstum. Es ging einfach nur darum, hineinzugelangen. Eine Mutprobe, wie sie nur Jungen in diesem Alter erfinden: beweisbar, risikoreich, und vor allem ohne jeden praktischen Nutzen. Drinnen roch es nach Schweiß, Bier und altem Holz. Auf dem Tisch standen leere Gläser, eine angebrannte Kerze, und in der Ecke: Zigaretten und eine halbe Flasche Korn. Wir tranken. Nicht weil wir durstig waren. Sondern weil es dazugehörte. Der Alkohol brannte wie flüssiges Feuer, und ich erinnere mich, wie einer von uns – ich glaube, es war der Katholische, der später beichten durfte – sagte: „Jetzt sind wir richtige Verbrecher.“ Wir lachten. Aber es war ein nervöses Lachen, das keiner so recht glaubte. *Die Sache mit der Beichte war ein unfairer Vorteil. Während meine katholischen Komplizen am nächsten Sonntag alles abwaschen konnten, blieb ich, der arme Protestant, mit meinem schlechten Gewissen zurück. Wochenlang. Vielleicht Monate. Vielleicht Jahre. Ich malte mir aus, wie die Polizei vor der Tür stand, wie meine Eltern enttäuscht die Köpfe schüttelten, wie ich für immer als Krimineller gebrandmarkt war. Dabei hatten wir nichts zerstört. Nur das Türschloss – und das war schon kaputt gewesen. Vandalen? Nein. Amateure der kleinen Regelüberschreitung. *Von da an war ich nur noch Schmiere. Nicht aus Überzeugung, sondern aus praktischer Vernunft. Ich hatte keine Lust, noch einmal dieses mulmige Gefühl zu spüren, dieses „Jetzt kommt gleich die Strafe“. Aber ich war gut darin. Ich sah aus wie jemand, der etwas vorhat – rotes Gesicht, nervöses Zucken, die ganze Körpersprache eines Schuljungen, der gerade eine Lüge erzählt. Während ich also auffällig vor dem Kiosk oder im Supermarkt herumstand, konnten meine Kameraden in Ruhe die Regale plündern. Ob ich je etwas abbekam? Nein. Ich war der Moralist, der sich weigerte, die Beute anzurühren. Als ob ich durch Verzicht meine Sünden tilgen könnte. Lächerlich, wenn man heute daran denkt. *Die Klassenfahrten waren unser eigentliches Trainingslager. Streitberg, das erste Mal: Wir waren noch unschuldig, der Alkohol spielte kaum eine Rolle, und alles war aufregend, weil es neu war. Die Nächte verbrachten wir damit, uns gegensitig in den Schlafräumen zu besuchen – was eigentlich verboten war, aber niemand kontrollierte. Beim zweiten Mal in Streitberg waren wir siebzehn und nicht mehr zu bändigen. Der Alkohol floss in Strömen, und ich erinnere mich an nichts – außer an ein vages Gefühl von Übelkeit und die Gewissheit, dass wir irgendetwas angestellt hatten, das besser nicht dokumentiert werden sollte. *Dann Büsum. Das erste Wellenhallenbad meines Lebens. Ich wollte nie wieder in ein normales Hallenbad. Die Krabben von der Mole – kiloweise, frisch, die reinste Götterspeise. Die Springflut, die uns durchnässte, bis auf die Knochen. Die Wattwanderungen, bei denen wir plötzlich von der auflaufenden Flut überrascht wurden. Und Helgoland: Die stürmische Überfahrt, die Seekrankheit, der Kauf von Zigaretten und Alkohol – ohne Alterskontrolle, weil es andere Zeiten waren. *Und dann Holland. Die Jugendfreizeit mit Pfarrer Pasenau – dem besten Pfarrer aller Zeiten. Wir schipperten auf einem rustikalen Hausboot durch die Kanäle, plünderten die einheimischen Supermärkte, und ich erlebte meinen ersten Zungenkuss – mit einem Mädchen vom anderen Boot, deren Namen ich längst vergessen habe. Nur der Salat in der Esskajüte ist mir unvergesslich geblieben: knackig, holländisch, mit viel zu viel Mayonnaise. Ekelhaft-lecker. Verrückt, wie das Gehirn solche Dinge festhält. *In Dänemark zelteten wir an der Westküste. Quallen. Feuer. Gras. Ich „versengte“ Conny ihre gespaltenen Haarspitzen – mit einem Feuerzeug, mitten in der Nacht, im Zelt. Der Gestank weckte das ganze Lager, und alle dachten, wir brennen. Aber es waren nur Haare. Und in Kopenhagen probierte ich zum ersten Mal Gras. Es wurde mir aufgedrängt, und ich weigerte mich nicht – aus Höflichkeit, aus Neugier, aus Dummheit. Die Wirkung? Enttäuschend. Wie eine schlechte Zigarette. Aber immerhin: Ich hatte es versucht. *Und heute? Heute lächele ich über den Jungen, der ich damals war. Der alles ausprobieren wollte – und manches lieber hätte lassen sollen. Der glaubte, er müsse gegen Regeln verstoßen, um dazuzugehören. Der sich schuldig fühlte, weil er keine Beichte ablegen konnte. Vielleicht war es gerade das, was mich gerettet hat: dieses ständige Hinterfragen, dieses *„Ist das wirklich ich?“. *Manchmal, wenn ich an diese Jahre zurückdenke, kommt mir der Gedanke, dass wir alles richtig gemacht haben – weil wir es falsch gemacht haben. Dass gerade die Fehler, die Peinlichkeiten, die kleinen Verbrechen uns zu den Menschen gemacht haben, die wir heute sind. Und dass Munki, der Aufblasaffe aus einer anderen Geschichte, vielleicht der einzige Zeuge dieser Zeit ist, der nicht urteilt.“
„Jugendjahre: Knutschen, Chaos und erste Erkenntnisse“
Beerfelden, Mofas, Conny, Peinlichkeiten und der Weg zu einer wichtigen Wahrheit.)
„Es gibt Zeiten im Leben, die man erst später als „Jugend“ bezeichnet. Damals war es einfach nur das, was man tat, weil alle es taten. Und weil es sich gut anfühlte. Oder aufregend. Oder zumindest nicht langweilig. Ich hatte also meine ersten Freundinnen. Oder sagen wir: Mädchen, mit denen man knutschte und sich gegenseitig versicherte, dass das alles sehr erwachsen sei. Es funktionierte erstaunlich gut. Es machte Spaß. Es war neu. Und es war, wenn ich ehrlich bin, nicht ganz das, was ich suchte — aber das wusste ich damals natürlich nicht. Ich wusste nur: Es war angenehm. Und es war ein Schritt in eine Welt, die man betreten musste, weil alle sie betraten. Wir waren ein Vierergespann: mein bester Freund mit seiner Freundin, ich mit meiner. Wir zogen durch Beerfelden wie eine kleine Jugendbande, die niemandem etwas tat, aber trotzdem das Gefühl hatte, wichtig zu sein. Wir gingen auf Jahrmärkte, Weihnachtsmärkte, hingen im „Lido“ oder im „Starmix“ herum, spielten Flipper, Karten, und taten so, als hätten wir nichts als Zeit. Wahrscheinlich hatten wir wirklich nichts als Zeit. Das „Lido“ und das „Starmix“ waren die Zentren unseres Universums. Wer dort war, gehörte dazu. Wer dort nicht war, hatte Pech. Es gab noch das Jugendheim der evangelischen Kirche, wo wir selbstorganisierte Disco-Partys veranstalteten, die legendär waren — zumindest in unserem eigenen Mythos. Und dann die saisonalen Höhepunkte: Teenager-Ball, Fastnachtsumzug, Lumpenball, Maskenbälle, Kappenabende. Die alte Turnhalle war ständig in Betrieb, als hätte sie einen eigenen Puls. Es gab damals eine Fernsehsendung, die „Wünsch dir was“ hieß. Dietmar Schönherr und Vivi Bach führten durch die Show, und das Konzept war so speziell wie gefährlich: Familien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz traten gegeneinander an und mussten Aufgaben lösen, die irgendwo zwischen spektakulär, peinlich und moralisch fragwürdig lagen. Erfüllten sie diese durchaus speziellen Aufgaben, wurde ihnen ein zuvor geäußerter Wunsch erfüllt. Das Fernsehen stellte damit eine Frage, die man sonst nur im Religionsunterricht hörte: Was ist dir ein Wunsch wert — und was bist du bereit, für die Erfüllung dieses Wunsches zu tun. Einmal setzten sie die Familien in ein Auto, versenkten dieses in einem Wasserbecken und ließen die Familie unter Wasser aussteigen. Es mussten Rettungstaucher zu Hilfe eilen! In einer anderen Sendung erschien die Tochter einer der Familien in einer durchsichtigen Bluse. Nippel-Alarm im deutschen Fernsehen. Ganz Deutschland empört, halb Deutschland fasziniert. Conny war begeistert. Natürlich war sie das. Und natürlich setzte sie alles daran, sich genau so eine Bluse zu besorgen. Ihr Plan: Sie würde sie am Eröffnungsabend des Beerfeldener Pferdemarkts tragen — dem gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres, zumindest in unserem Kosmos. Ich stellte mich selbstverständlich als Begleitperson zur Verfügung. Völlig selbstlos. Als wir das Festzelt betraten, drehten sich alle Köpfe gleichzeitig zu uns um, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ein Raunen ging durch die Reihen. Skandal auf dem Pferdemarkt. Conny strahlte. Ich auch. Es war aufregend, es war schön, und es war einer dieser Momente, in denen man spürt, dass man gerade etwas erlebt, das man nie wieder vergisst. Auftritt geglückt. Wir nahmen alles mit. Kerwe-Festzelte, Pferdemarkt, Feuerwehrfeste, Sportfeste. Und wenn es in Beerfelden nichts zu erleben gab, dann versuchten wir per Anhalter in andere Orte zu gelangen. Wir waren ständig unterwegs, als hätte uns jemand gesagt, dass Stillstand gefährlich sei. Die Ausflüge per Anhalter hatten ihre Tücken. Einmal saßen wir — nach einem lustigen Nachmittag in Erbach — endlich in einem Auto, nachdem wir ewig gewartet hatten. Conny, leicht alkoholisiert, saß auf der Rückbank, rülpste, würgte und fragte den Fahrer dann mit einer Ernsthaftigkeit, die man nicht spielen kann, wo denn hier im Wagen die Toilette sei. Das Gesicht des Fahrers vergesse ich nie. Er war kurz davor, uns alle rauszuwerfen, aber er brachte uns tatsächlich noch ein Stück weiter. Ein anderes Mal nahm uns ein Mann mit, dessen Auto so überheizt war, dass wir dachten, wir würden darin schmelzen. Er schien fahrig, nervös und vermittelte uns das gefühl, bei etwas erwischt worden zu sein. und tatsächlich! irgendwann bemerkte ich, dass er seine Hose geöffnet hatte und verzweifelt versuchte, mit seinem Pullover das zu verdecken womit er sich zuvor beschäftigt hatte. Bevor es peinlich oder fragwürdig werden konnte, bestand ich darauf, dass wir aussteigen. Schade eigentlich — er hatte gute Musik laufen. Uriah Heep. Und es war so schön warm im Auto. Sehr schön und pannenreich war auch unser Erster-Mai-Ausflug nach Darmstadt. Wir hatten uns vorgenommen, mit unseren Mofas dorthin zu fahren. Ich selbst hatte kein Mofa, dafür das Quickly — ein NSU-Moped von 1954, das ich von meinem Opa geerbt hatte. Schon im Nachbardorf Hetzbach machte Connys Mofa schlapp, also fuhr sie auf meinem Gepäckträger mit. Unbequem, aber eine große Gaudi. Irgendwie kamen wir tatsächlich in Darmstadt an. Dort fuhr Harald mit seinem Mofa in die Schienen der Straßenbahn. Ein weiterer heißer Ofen war damit erledigt. Und wir hatten ein Problem: zu viele Menschen, zu wenige fahrbare Untersätze. Wir versuchten, in einer Telefonzelle Hilfe zu bekommen — diese gelben Kästen, die damals noch funktionierten. Connys Vater war gerade von seiner eigenen Mai-Tour zurückgekommen und erklärte sich widerwillig bereit, uns abzuholen. Natürlich nicht alle. In seinen Kombi passten nur zwei von uns und das kaputte Mofa. Conny und Harald fuhren bequem im Auto zurück. Albrecht und ich mussten mit dem Quickly und dem letzten funktionierenden Mofa zurück nach Beerfelden. Das Quickly hielt durch. Bestnote. Wir waren eine heiße Truppe. Zumindest dachten wir das. Im evangelischen Jugendhaus gab es regelmäßige Treffen, die häufig damit endeten, dass die Aufsichtsperson irgendwann die Flucht ergriff und wir Flaschendrehen spielten. Mit allem, was dazugehört: Abdunklung, Kerzen, Zigaretten, eingeschmuggelter Alkohol, und dem allmählichen Befreien von Kleidungsstücken. So machten wir unsere ersten Erfahrungen mit dem, was man später „hormonelle Bedürfnisse“ nennen würde. Spannend war es. auf jeden Fall aber warm, feucht und dunkel. Und ich immer mittendrin. Meine Schwester Ursula hielt sich in dieser Hinsicht zurück. Sie bevorzugte eine gezielte, wenn auch oft erfolglose Einzelpersonenstrategie. Das nur am Rande. Dann hatte ich mal wieder eine feste Freundin. Wir „gingen“ miteinander, wie man das damals nannte. Wochenlang, monatelang, ein Jahr vielleicht? Wir knutschten, wir fummelten, und irgendwann kam der Tag, an dem ich sturmfreie Bude hatte. Jetzt musste es passieren. Dachten wir. Ich hatte Kondome aus der Parfümerie meiner Eltern besorgt und sogar geübt, sie überzuziehen. Die Probe lief gut. Die heiß ersehnte Premiere, sozusagen der Ernstfall um so weniger. Die Aufregung war so groß, dass das Ganze dann ein sehr kurzes Ereignis wurde. Ob es ein Vergnügen war, sei dahingestellt. Für meine Freundin war es bestimmt keins. Für mich war es in erster Linie peinlich. Und damit war die Sache erledigt. Wir sahen uns danach nicht mehr. Das Knutschen und die Zärtlichkeiten mit Mädchen war super. Der Rest leider nicht so wirklich. Mir wurde schlagartig klar, dass da etwas nicht stimmte. Dass es etwas anderes geben musste, etwas, das ich zwar ahnte, aber nicht greifen konnte. Ein tiefes inneres Verlangen, das erst ein gutes Jahr später in Heidelberg seine Erfüllung finden würde. Damit waren meine heterosexuellen Versuche beendet. Nö. Das brauchte ich nicht noch einmal. Und keinem Mädchen wollte ich das zumuten. So vergingen diese aufregenden, manchmal schwierigen Pubertätsjahre: Schule, Jugend- und Konfirmandenstunde, Schreibmaschinen- und Stenokurs, Sportakrobatik, Lido, Starmix, Waldseebad, Erbach, Michelstadt, Ausflüge, Alkohol, Zigaretten und die ersten sexuellen Erkundungen in Jugendheimen, Partykellern und meiner sturmfreien Bude. Es war eine wilde Zeit. Und eine gute. Und eine, die ich heute mit einem Lächeln betrachte — weil sie mich dorthin geführt hat, wo ich wirklich hingehörte.“
„im Stil von Günter Grass – sinnlich, detailverliebt, mit grotesken Untertönen und melancholischem Humor“
Papa: Die frühen Jahre
„I. Der Abwesende als Präsenz
Mein Vater – ein Mann, der die Räume füllte, ohne sie zu betreten. Ein Schattenriss an der Wand des Kinderzimmers, gezeichnet von der Lampe, die meine Mutter nachts brennen ließ, weil ich Angst vor der Dunkelheit hatte. Er war da, ja, wie ein Möbelstück, das man nicht verschiebt: der Schrank, in dem die Rechnungen lagen, der Stuhl, auf dem die Hosen faltenfrei hingen. Doch was er fühlte, das blieb ein Rätsel, verschlossen wie die Büchsen mit den Haarfarben im Damensalon, die nur er öffnen durfte – mit einer Präzision, als handle es sich um Sprengstoff. Meine Mutter und Tante Sophie webten das emotionale Gewebe unserer Familie; er war der Rahmen, starr und unverrückbar, in den man die Fotos steckte. Und doch: Es gab diesen einen Krieg. Der Schuh-Krieg von 19XX. Ein Sonntagsmorgen, die Familie bereit für den Ausflug, die Luft schwer vom Duft von Sir Irish Moos und dem metallischen Hauch der Schuhcreme. Meine Füße – zwei rebellische Inseln – weigerten sich, in die gefangenen Höhlen aus Leder gezwängt zu werden. Papa, mit der Geduld eines Uhrmachers, der eine Bombe entschärft, zog, drückte, schnürte – während ich mich wand wie ein Aal auf dem Trockenen. Doch als die Schnüre endlich geknüpft waren, brach mein erster Putsch aus: „Mama soll’s machen!“ Ein Dekret, das keine Widerrede duldete. Ich, der kleine Tyrann, hatte gesiegt. Nicht, weil ich ihn hasste. Sondern weil er nicht wusste, wie man verliert. II. Der Duft der Autorität Er roch nach etwas, das es heute nicht mehr gibt: nach männlicher Unnahbarkeit, eingepackt in Flanell und Eau de Cologne. Kein Schweiß, keine Faulheit, kein Rauch – nein, es war der Geruch eines Mannes, der seinen Körper wie ein Präzisionsinstrument behandelte. Tabac und Sir Irish Moos, zwei Parfums, die sich in seinen Poren mit etwas Vermischten, das nur er besaß – eine chemische Formel der Distanz. Wenn ich heute an ihm rieche (und ich tue es manchmal, in alten Jacken, die meine Mutter „aus Sentimentalität“ aufbewahrt hat), dann ist es, als würde mir jemand eine Hand auf die Schulter legen und gleichzeitig sagen: „Nicht zu nah, Junge.“ Sein Körper war ein Manifest. Durchtrainiert wie ein griechischer Gott, der sich irrtümlich in die Provinz verirrt hatte, präsentiert mit der Selbstverständlichkeit eines Commanders, der gerade ein Raumschiff vor dem Absturz gerettet hat. Raumpatrouille-Schönherr war sein Stilideal, doch während dieser auf dem Bildschirm die Galaxis rettete, turnte mein Vater auf Geländern, Volksfestbühnen, Familienfeiern – immer bereit, die Gesetze der Schwerkraft zu seinem persönlichen Applaus zu brechen. Die Sechs Freisteiner – sein akrobatisches Regiment – warfen sich durch die Luft wie besessene Engel, und er, ihr Anführer, landete stets mit einem Lächeln, das sagte: „Seht her, ich beherrschte sogar die Physik der Bewunderung.“ Selbst beim Handstand auf der Loreley wirkte er, als gehöre die Welt ihm – zumindest für die Dauer einer Atempause. III. Der Lehrer der stummen Dinge Was er mir nicht an Worten gab, lehrte er durch Taten und Tabus. Die Buchhaltung des Ladens war sein geheimes Reich, ein Labyrinth aus Zahlen, in das er mich gelegentlich führte wie ein Priester seinen Novizen. „Hier, Walter, siehst du? Das ist die Kunst, das Chaos zu bändigen.“ Ich saugte es auf, der trockene Schwamm, der ich war: die Logik der Soll und Haben, die Magie der Aktienkurse, die er auf Millimeterpapier bannte wie ein Kartograph unbekannte Länder. (Später, als ich selbst lernte, dass Geld auch fließen kann, statt nur gezählt zu werden, verstand ich: Er hatte mir beigebracht, die Welt in Kategorien zu ordnen – nur nicht die, die zählten.) Und dann: Science Fiction. Perry Rhodan, die Fantastischen Vier, Batman – seine heimliche Liebe zu Welten, in denen Emotionen in Laserblitzen und nicht in Tränen gemessen wurden. Vielleicht war das sein Weg, mir nahe zu sein: durch Comics und Gleichungen, durch Dinge, die keine Umarmung brauchten. Ich folgte ihm, wie man einem Fremden folgt, der einem eine Landkarte schenkt. Selbst meine Abneigung gegen Käse und Tomaten war nur ein Echo seines Geschmacks – ein weiterer Beweis, dass ich sein Erbe antrat, ohne es zu wollen. IV. Der Akrobat im Stillstand Sein Leben war ein Balanceakt zwischen Bewegung und Starre. Wenn er nicht turnte, buchhalte oder im Garten Beton goss (eine Tätigkeit, die er mit der Hingabe eines Bildhauers ausübte), dann lag er auf dem Sessel – jenem Thron aus Kunstleder, auf dem er seine berühmten Power-Naps hielt. Ein Mann, der selbst im Schlaf effizient war. Die Hausaufgabenkontrolle? Ein Ritual, das wir über uns ergehen ließen wie eine notwendige Impfung. „Das Komma gehört da hin, nicht da.“ Kein Lob. Kein Tadel. Nur die unerbittliche Logik der Richtigkeit. Doch es gab Lichtblicke. Sonntagsmorgens, wenn Ursula und ich uns in das Ehebett schmiegten wie zwei Welpen, während Mama das Frühstück vorbereitete. Dann las er uns vor – „Julio und sein Gummipferd“ oder „Tim und Struppi“ – und für kurze Zeit war er nicht der distanzierte Patriarch, sondern der Erzähler von Abenteuern, dessen Stimme die Bilder zum Leben erweckte. Oder wenn wir auf seinen Beinen „Rakete“ spielten: seine Oberschenkel als Startrampe, seine Waden als Landegestell. „Drei… zwei… eins… Zündung!“ Wir flogen – und er, der sonst so Bodenständige, war für einen Moment unser Pilot. V. Der Fotograf der verlorenen Momente Er filmte uns mit der Super-8-Kamera, als wären wir eine Dokumentation über eine fremde Spezies. Mein „goldener Anzug“ (ein Stoff, der heute als Kitsch durchgehen würde), die Lackschuhe, die ich wie Reliquien hütete, das posenhafte Fotoshooting am Springbrunnen – alles festgehalten mit der kühlen Objektivität eines Ethnologen. Dass die Fotos nichts wurden, war fast symbolisch: Wir waren seine Projekte, nicht seine Kinder. Bis zu dem Tag, an dem Ralf von der Schaukel flog und die Kamera nur noch leeres Gras einfing. „Pleiten, Pech und Pannen“ – das war sein Genre. Die Poesie des Scheiterns. VI. Der Bruch Dann kam die Pubertät. Plötzlich war er „mein Alter“ – ein Fossil, das von Käse und Tomaten sprach, als wären es politische Manifesten. Seine Sportlichkeit? Lächerlich. Seine Sparsamkeit? Kleinlich. Seine Unfähigkeit, mich zu verstehen? Ein Verbrechen. Ich entdeckte Käse. Ich entdeckte mich. Und er? Er blieb zurück wie ein Astronaut, dessen Raumschiff bereits ohne ihn gestartet war. Nachwort (oder: Was bleibt) Heute weiß ich: Seine Unfähigkeit zur Zärtlichkeit war keine Ablehnung. Es war die letzte Bastion eines Mannes, der fürchtete, dass Emotionen ihn aus dem Gleichgewicht bringen könnten – wie ein Handstand, der zu lange gehalten wird. Vielleicht war ich sein größter Fan und sein härtester Kritiker, weil ich in ihm sah, was ich nie werden wollte – und doch, in den faltenfreien Hosen und der peniblen Buchführung, immer wieder erkenne. (Und manchmal, wenn ich heute einen Handstand mache – was ich gelegentlich tue, nur um zu beweisen, dass ich es kann –, rieche ich für einen Augenblick Tabac und spüre seinen unsichtbaren Applaus.) „Erkenntnis im Nebel
„Die Jahre der Konfirmandenstunde
(eine literarische Fassung nach Thomas Bernhard gedacht)
Wenn ich heute an diese Jahre denke, denke ich nicht an Jahre, sondern an eine Art Zustand, einen Zustand aus Lachen, Zigarettenrauch, Konfirmandenstunde, Schreibmaschinenkurs, Eiskaffee Lido, Waldseebad, Starmix, Erbach, Michelstadt, Alkohol, Flaschendrehen und der vollkommen ernsthaften Überzeugung, dass das Leben genau so und nicht anders zu verlaufen habe. Die Pubertät ist ja bekanntlich jener Abschnitt im Leben eines Menschen, in dem alles zum Lachen reizt. Aber wirklich alles. Nicht nur das Lächerliche, sondern gerade das vollkommen Unlächerliche. Ein falscher Blick, eine schiefe Bewegung, ein Geräusch, das jemand macht, ohne zu wissen, dass er es macht – alles wird zum Anlass für Gelächter. Ich war in dieser Hinsicht kein Einzelfall, ich war eher ein Spezialfall. Es verging kaum ein Schultag, kaum eine Stunde im Schreibmaschinenkurs, kaum eine Minute im Stenounterricht, in der ich nicht früher oder später vor die Tür gesetzt wurde, damit ich mich beruhigte. Ich beruhigte mich auch tatsächlich. Zumindest so lange, bis ich wieder in den Raum hinein durfte. Denn kaum sah ich die Gesichter meiner Mitschüler, diese vollkommen unschuldigen Gesichter, brach alles wieder aus mir heraus. Ein besonders denkwürdiger Fall ereignete sich in der Konfirmandenstunde. Die Konfirmandenstunde war im Grunde genommen ein Raum, in dem Frömmigkeit und jugendliche Blödheit regelmäßig aufeinandertrafen und meistens die Blödheit gewann. An diesem Tag hatte ich die Stunde erstaunlicherweise ohne Lachanfall überstanden. Pfarrer Neff hielt das Schlussgebet. Wir standen alle da, geschniegelt und geschniegelt auch in unserer Andacht. Ich hatte mir angewöhnt, bei solchen Gelegenheiten die Augen geschlossen zu halten. Nicht aus religiöser Überzeugung, sondern aus reiner Vorsicht. Wer nichts sieht, lacht schlechter. Aber an diesem Tag machte ich den Fehler, die Augen zu öffnen. Ich blickte also in die Runde. Alle hatten die Augen geschlossen. Wirklich alle. Bis auf Hans-Werner. Hans-Werner kaute Double-Gum. Und er kaute diesen Double-Gum nicht irgendwie, sondern mit der Ernsthaftigkeit eines Wiederkäuers. Dann blies er eine gewaltige Kaugummiblase. Diese Blase platzte lautlos und hing ihm anschließend quer über dem Gesicht. Hans-Werner entfernte das Gummi mit einer Ruhe, die ich bis heute bewundere, zog es armlang aus seinem Mund heraus und begann von vorne. Ganz ruhig. Ganz genüsslich. Ganz unbeeindruckt vom lieben Gott. Das war zu viel. Je mehr ich versuchte, das Lachen zu unterdrücken, desto größer wurde der Druck, bis ich schließlich, mitten im Schlussgebet, laut losprustete. Pfarrer Neff reagierte mit einer Geschwindigkeit, die man einem Mann seines geistlichen Standes nicht unbedingt zugetraut hätte. Die Ohrfeige kam schnell. Sehr schnell sogar. Danach folgte der Rausschmiss. Ich durfte an der nächsten Konfirmandenstunde nicht teilnehmen. Was damals als Strafe gedacht war, empfand ich ehrlich gesagt eher als eine Form der Befreiung. Am Ende wurde ich trotzdem konfirmiert. So verlief diese Zeit. Neben gelegentlichen Disco-Besuchen trafen wir uns regelmäßig im evangelischen Jugendhaus. Diese Treffen begannen meist harmlos und endeten meistens damit, dass die Aufsichtsperson irgendwann die Flucht ergriff. Sobald diese Flucht erfolgt war, begann das eigentliche Programm. Flaschendrehen. Kerzenlicht. Zigaretten. Eingeschmuggelter Alkohol. Und eine Atmosphäre, die man im Rückblick vielleicht am besten als ein Labor der Pubertät beschreiben kann. Alle experimentierten. Mit Alkohol. Mit Mut. Mit Kleidung. Und vor allem mit Körpern. Ich war selbstverständlich mitten drin. Meine Schwester Ursula hingegen bevorzugte eine andere Methode. Sie setzte eher auf gezielte Einzelstrategien, die allerdings selten erfolgreich waren, was sie aber nicht davon abhielt, es weiterhin zu versuchen. Dann hatte ich wieder einmal eine feste Freundin. Wir „gingen“ schon Wochen miteinander. Knutschen, Fummeln, das, was man damals mit großer Wichtigkeit „Petting“ nannte. Und dann kam dieser Tag. Sturmfreie Bude. Der Tag, an dem die sagenumwobene „biblische Umarmung“ stattfinden sollte, von der alle sprachen, ohne sie jemals beim Namen zu nennen. Ich hatte mich vorbereitet. In der Parfümerie des elterlichen Ladens hatte ich Kondome besorgt und sogar geübt, diese korrekt anzulegen. In der Probe funktionierte das alles ausgezeichnet. In der Praxis jedoch nicht. Die Aufregung war so groß, dass das Ganze ein äußerst kurzes Ereignis wurde. Ob man es als Vergnügen bezeichnen konnte, ist fraglich. Für meine Freundin war es ganz bestimmt keines. Für mich war es vor allem peinlich. Bis das Längliche im Runden war, hatte sich der Markt, freundlich gesagt, bereits verlaufen. Mit diesem Ereignis endete nicht nur der Versuch, sondern auch die Freundschaft. Aber das Entscheidende an dieser Episode war nicht die Peinlichkeit. Die Peinlichkeit gehört zur Jugend wie der Pickel und die Zigarette. Das Entscheidende war die Klarheit. Denn in diesem Moment wurde mir etwas bestätigt, das ich schon lange in mir gespürt hatte, ohne es benennen zu können. Ich tat zwar alles, was man tat. Aber ich war es nicht. Es war kein Scheitern. Es war die Erkenntnis: So bin ich nicht. So will ich nicht sein. Ich gehöre zwar dazu, aber auf meine Weise. Das bedeutete allerdings keineswegs ein Aufatmen. Mit sechzehn Jahren ist Erkenntnis keine Erleichterung. Erkenntnis ist eher eine Art Luftanhalten. Ein Innehalten vor einer Zukunft, von der man nicht weiß, wie sie aussehen soll. Denn die Frage lautete nun: Wie lebt man so etwas? Wem erzählt man es? Freunden? Freundinnen? Der Familie? Das Thema war bei uns so tabu, dass ich nicht einmal wusste, ob es überhaupt erlaubt war, darüber nachzudenken. Also begann ich zu suchen. Überall. Und eines Tages fand ich im Zeitschriftenladen Linert etwas. Magazine mit Bildern nackter Männer und Berichten aus dieser geheimnisvollen „Szene“. Also musste es andere geben. Andere Männer. Vielleicht nicht sichtbar. Aber vorhanden. Ich nahm mein Taschengeld und meinen ganzen Mut zusammen, ging zu Linert und behauptete, das Heft für eine Kundin besorgen zu müssen. Was für eine Aufregung. Dieses Heft war kein Trost. Und es war auch kein Versprechen. Es war eher ein Wink. Ein Wegweiser. Eine Aufforderung. Ein erster Blick in eine Welt, die ich noch nicht kannte. Ich wollte dorthin. Unbedingt. Aber nicht um den Preis, mein bisheriges Leben zu verlieren. Ich wollte keine Flucht. Ich wollte eine Verbindung. Eine Verflechtung. Ein Leben, in dem beides Platz hatte. Und heute kann ich sagen: Dieser Wunsch wurde tatsächlich wahr. Nicht als Geschenk. Sondern als Ergebnis einiger glücklicher Zufälle, jener „Unwahrzus“, wie Walter Moers sie nennt, und meines eigenen beharrlichen Entschlusses, dass das scheinbar Unvereinbare sehr wohl miteinander verbunden werden kann. Vielleicht ist das überhaupt der Kern jener Jahre. Nicht die Lachanfälle. Nicht die Ohrfeigen. Nicht die Kerzen im Jugendhaus. Sondern der Moment, in dem ein junger Mensch im Nebel steht und plötzlich begreift, dass die Welt größer ist als die eine Ordnung, in die er hineingeboren wurde. Und dass er den Mut haben muss, seinen eigenen Weg durch diesen Nebel zu gehen.“
Die Spinne am Revers
„Nähe, Entzug und die Sache mit dem Honig – Eine Erzählung im Stil von Edgar Selge“
„Meine Mutter hieß Mechthild. Wenn ich ihren Namen ausspreche, höre ich darin etwas Helles, fast Zartes. In meiner Erinnerung war sie das nicht nur. Sie war auch entschlossen. Und sie war jung. Sie war die Jüngste von sechs Kindern. Ein Bruder ist im Krieg gefallen. Mutters Vater ebenfalls. Ich kenne seinen Namen nicht. Es gibt Dinge, die man versäumt zu fragen. Und irgendwann ist es zu spät. Sie kam aus dem „Kitzloch“. So hieß das Viertel. Ein Name wie eine Senke im Gelände, wie ein Ort, an dem sich etwas sammelt. Meine Großmutter, die dort wohnte, war deshalb für uns schlicht die „Kitzloch Oma“. Omas Wohnung war dunkel. Niedrige Decken, schwere Möbel. Ein Wohnzimmer, das zugleich Schlafzimmer war, und eine winzige Küche mit einem beige emaillierten Kohleherd. Es roch dort nach Äpfeln. Nicht nach frischen. Nach gelagerten. Ein leicht modriger Duft, der sich in die Stoffe gesetzt hatte. Meine Mutter wurde Friseurin. Sie lernte bei ihrem Bruder in Langen. Eine junge Frau mit roten Haaren, ehrgeizig, präzise, geschickt mit Schere und Dauerwelle. Später arbeitete sie im Salon Trautmann in Höchst im Odenwald. Sie war stolz auf ihren Beruf. Und sie war stolz auf ihr Aussehen. Wie sie meinen Vater kennenlernte, ist mir unbekannt. Sie heirateten am 1. Mai 1954. Ein Feiertag. Von da an im doppeltem Sinn. Meine Großmutter väterlicherseits war nicht von dieser Verbindung begeistert. Oma Bettche stammte aus „besseren Verhältnissen“, wie man damals sagte. Meine Mutter kam aus „einfachen“. Aber sie war wenigstens Friseurin – oder „Friseuse“, wie man damals despektierlich sagte. Im September des selben Jahres wurde meine Schwester geboren. Zwei Jahre nach meiner Schwester kam ich. Ein wenig zu früh. Meine Mutter erzählte gern, dass ein Boxkampf schuld gewesen sei. Sie habe ihn unbedingt noch sehen wollen und danach gab es kein halten mehr für mich. Ich wurde ihr Liebling. Das wusste ich. Das merkte ich. Und ich nutzte es. Ich sehe sie noch vor mir: moosgrünes Kostüm, 4711 Carat in der Luft, Lippenstift, Lidstrich akkurat gezogen. Und diese Brosche. Eine Spinne. Schwarzer Körper, goldene Beine. Wenn sie mich umarmte, ritzte ich mir an dieser Spinne die Wange auf. Ich sagte nichts. Nähe hatte bei uns immer auch eine kleine Gefahr in sich. Wir lebten zunächst im Opas Haus mit der Gaststätte „Brunnenstube“, dem Friseurladen und den Fremdenzimmern für Übernachtungs-Gäste. Ein Haus voller Geräusche. Stimmen, Gläserklirren, Haarspray, Schritte auf der Treppe. Mein Vater baute den Schuppen hinter dem Haus aus. „Hinnedrowwe“ nannten wir unser heimeliges Nest in das wir bald einzogen. Hinten droben. Ganz weit weg! Dort lebten wir einige Jahre. Meine Mutter arbeitete im Laden, führte den Haushalt, beackerte den Garten, kochte, buk und putzte. Sie war unermüdlich. Und ich war ein gern gesehener Unterstützer bei der Küchenarbeit. Ich war noch Kleinkind und litt unte Phimose. Eine Kleinigkeit medizinisch betrachtet. Für meine Mutter war es ein Drama. Eine Operativer Eingriff wurde nötig. 1958 bedeutete Krankenhaus: Eltern dürfen nicht ihr Kind besuchen! Sie sahen mich durch ein kleines Fenster in der Tür. Ich sah sie nicht. War alleine. Ich erinnere keine klaren Bilder. Aber ich erinnere ein Gefühl. Vorher: extreme Zuwendung. Dann: nichts. Viele Jahre später verstand ich, was das mit mir gemacht hatte. In der Therapie tauchte es wieder auf: Verlustangst. Die Überzeugung, dass Nähe nicht sicher ist. Dass sie abrupt enden kann. Ich klammerte mich fortan an meine Mutter. Und gleichzeitig lernte ich, dass man sich nicht auf die vermeintliche Nähe verlassen darf. Sie tat ihr Bestes. Davon bin ich überzeugt. Sie war jung. Sie hatte Verantwortung. Sie hatte vielleicht selbst nie gelernt, wie man bleibt. Manchmal trank sie zu viel. Selten. Aber es genügte. Für ein Kind ist jede Irritation ein Erdbeben. Meine Schwester und ich waren keine leichten Kinder. Schlechte Esser. Streitlustig. Und zugleich Komplizen. Ich half meiner Mutter gern. Spülen. Teig rühren. Marmelade einkochen. Ich wollte nützlich sein. Nützlich sein ist auch eine frühe Form von Liebe. Eine nette Episode von meinem Besuch in Lendersdorf bei meiner Tante Herta, der „Hädda good“. Beim Frühstück fragt sie mich: „Was willst du aufs Brötchen?“ „Honig“, sage ich. Oh Schreck, große Not! Der Honig schmeckte falsch. Nicht wie zu Hause. Nicht wie bei Mama. Ein anderer Honig. Wieder falsch. Meine Tante rief in ihrer Verzweiflung ob meiner Ablehnung ihres Honigs meine Mutter an. Und dann kam die Wahrheit ans Licht: Es war nie Honig gewesen, was ich auf meinem Brötchen fand. Es war Apfelschelee. Zu dünn geraten. Fast flüssig! Kein Schelee, viel zu süß für Honig. Ich erinnere, dass ich darüber nicht empört war. Ich war erleichtert. Die Welt war wieder stimmig. Es war nicht der Honig, der fehlte. Es war die Gewohnheit. Es war meine Mutter. Vielleicht war das meine erste Lektion: Nicht alles ist, was es zu sein scheint. Und doch kann es genau das Richtige sein.“
Folge 008
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