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Folge 001
Aus dem nichts geboren – mitten in der Nacht „Grass-Version“
Ich wurde am 13. September 1956, um drei Uhr fünfzehn morgens, nicht im Krankenhaus, nicht im Scheinwerferlicht, sondern in einem Bett über der Wirtschaft geboren – wo die letzten Gäste gerade ihren Schnaps bezahlt hatten und Opa unten die Gläser spülte, als wäre nichts geschehen. Drei Uhr fünfzehn! Eine Uhrzeit, die nach Bier, nach Tabak, nach dem letzten Rundengong des Boxkampfes roch, den Mama sich im Fernsehen angesehen hatte, bevor ich beschloss, die Show zu stehlen. Die Hebamme, eine Frau mit Händen wie Schaufeln und einer Stimme, die Berge hätte versetzen können, kommentierte mein Debüt mit einem ‚Na, der hat’s aber eilig!‘, während Mama, zwischen Wehen und Lachen, noch die Haare des letzten Gastes im Kopf hatte – literally. Denn unten in der Kneipe war der Abend noch nicht vorbei, und oben begann mein erster Auftritt: ein Solo, bei dem ich die Hauptrolle spielte, ohne auch nur ein Wort zu sagen.Mein Großvater – dieser dreifache Zauberer der Haare, der Gläser und der kaputten Gliedmaßen – regierte sein Reich zwischen Theke und Frisierstuhl wie ein König, dem selbst die Puppe mit dem abgebrochenen Arm noch Gehorsam schuldete. Meine Großmutter hingegen, die Wirtin, herrschte über Töpfe und Rechnungen mit der unerbittlichen Präzision einer Buchhalterin der Schöpfung. Und Papa? Der turnte mehr auf den Händen als auf den Füßen durchs Leben, als wolle er der Schwerkraft beweisen, dass sie nur eine Meinung, aber kein Gesetz war. Mama aber, die Friseurin, die Mutter, die Haushaltsgeneralin, war der einzige Hafen, an dem ich mich festkrallte, während die Welt um mich herum in Schuhe, die nicht von ihr angezogen wurden, und Kinderwagen, die mich in den Schlaf wiegten wie ein Schiff auf hohem Meer, zerfiel.Ich war ein Kind, das die Gesetze der Physik persönlich nahm: Stuhllehnen waren meine Gegner im Ring, Parkbänke meine Niederlagen, Pferde meine kurzlebigen Triumphreittiere. Immer lag ich irgendwo – auf dem Boden, im Staub, mit blutigen Knien als Trophäen. Doch kaum hob mich eine fremde Hand auf, ließ ich mich wieder fallen, bis Mamas Arme mich einfingen wie ein Netz unter dem Trapez. Und dann, dann schlief ich ein – im Kinderwagen, im Bus, im Flugzeug, überall, wo die Welt mich schaukelte wie eine Wiege, die nur für mich gebaut war.Alles in allem war meine frühe Kindheit so, dass ich nicht darüber klagen kann. Eher meine Eltern hatten Grund dazu. Ich war ziemlich anstrengend. Und sehr auf Mutter fixiert. Keiner durfte an mir irgendetwas machen. Nur Mama. Einmal zog mir Papa die Schuhe an, weil es schnell gehen sollte. Daraufhin machte ich ein riesiges Theater und bestand auf: „Papa Schuh ausziehn, Mama Schuh anziehn.“ Immer wieder, bis meinem Ansinnen Folge geleistet wurde. Andererseits war ich pflegeleicht und schlief sofort ein, sobald ich im Kinderwagen lag und der geschoben oder geschaukelt wurde. Das ist bis heute so. Kaum sitze ich als Beifahrer im Auto, im Bus, im Zug oder im Flugzeug, schon fallen mir die Augen zu. Ich liebe es, mit Menschen um mich herum, einer gewissen Geräuschkulisse und etwas Schaukeln einzuschlafen.
Ich hatte eine zwei Jahre ältere Schwester und einen acht Jahre jüngeren Bruder. Meine Schwester wurde ebenfalls Friseurin. Die Schwester meines Vaters ist Friseurin und der Bruder meiner Mutter war Friseur. Da war es wohl unabwendbar, dass auch ich in diese Fußstapfen trat.
Und manchmal, wenn die Welt mir zu eng wurde, schlüpfte ich in die Röcke meiner Schwester oder in Tante Sophies Ballkleid – nicht, weil ich ein Mädchen sein wollte, sondern weil ich alle Rollen spielen wollte: den Clown mit der Perücke, den Prinzen auf dem Pferd, die Fee im Kinderwagen. Damals gab es noch keine Schubladen für Kinder – nur Kostüme, die man anprobierte wie die Frisuren im Salon meiner Eltern. Ich war, was ich war: ein Junge, der sich genauso gut in Glitzer wie in Matsch wohlfühlte. Was sollte daran falsch sein? Die Puppe Erika, meine Billig-Barbie, trug bald mehr Outfits als die Kunden im Laden – und ich? Ich trug, was mir gefiel. Point. Ende der Diskussion
Folge 002
„Das Haus am Hang“ Eine Erzählung im Stil von Emily Brontë
Das Hinterhaus klammert sich an den Hang, wie ein Wesen, das sich vor dem Sturz fürchtet – Hinnedrowwe, nannten sie es, ein Name, der schon ein Flüstern war, ein Warnen: Hinten. Oben. Als könnte man dort, wo die Welt sich neigt, dem Himmel näher sein und doch gleichzeitig tiefer fallen als alle anderen. Ich wurde hineingetragen in dieses Reich aus Stein und Schatten, wo die Luft nach Heizöl und nassem Mörtel roch, wo die Türen nicht nur Räume verschlossen, sondern auch Geheimnisse, Ängste, die zugempfindliche Seele des Vaters.
Man betrat das Haus durch den Keller, als wäre selbst der Eingang eine Demütigung, ein Hinabsteigen in die Unterwelt, bevor man sich zur Welt der Lebenden emporquälte. Drei Stufen, vier vielleicht, dann stand man im Vorraum zum Keller. von ging die sich roh windende Holztreppe hinauf und man stand vor der Schiebetür – immer geschlossen, immer bewacht von den unsichtbaren Dämonen der Zugluft, die der Vater fürchtete wie andere Männer den Tod. Ich lernte schnell: Hier gab es keine Unachtsamkeit, keine offen stehende Tür, kein unkontrolliertes Lüften. Die Welt draußen war feindselig, und das Haus ein Bollwerk, das nur durch die Gnade der Scharniere und Riegel zusammengehalten wurde.
Die Küche war das Herz dieses Labyrinths, doch es schlug nicht warm, sondern mit der kühlen Präzision eines Mechanismus. Der Esstisch stand da wie ein Altar, seine Resopalplatte glänzend und fremd, die Beine gespreizt, als wollte er jeden Moment zusammenbrechen. Der Schuhschrank, ein stummer Zeuge kindlicher Abenteuer, bewahrte mehr als nur Fußbekleidung – er hütete die Träume der Kinder, ihre Fluchtversuche in imaginäre Welten, während draußen der Brunnenbäcker sein Brot backte und die Familie Holzschuh ihre eigenen, unausgesprochenen Dramen lebte.
Doch das wahre Reich des Schreckens und der Wunder war das Bad. Rosarote Kacheln, die im Licht der einzigen Glühbirne wie blutige Flecken an den Wänden wirkten. Der Badeofen, ein Ungeheuer aus Eisen und Flamme, brummte und zischte, während ich armer Wicht, auf dem Abflussstöpsel hocken musste, verdammt zu einer Position, die mir keine Aussicht gewährte – nicht auf die Schaumberge, die meine Schwester am anderen Ende der Wanne türmte, nicht auf die grünen Brausetabletten, die sich wie giftiger Sand in meine Haut fraßen. „Algemarin Drachengrün“ – ein Name, der nach Magie klang, doch nur eine weitere List der Erwachsenen war, um uns zu zähmen. Mein Schwesterherz und ich schmierten uns damit ein, bis wir wie Waldgeister aussahen, bis unsere Mutter mit schriller Stimme die Rückkehr zur Ordnung befahl, als könnte sie die wilden Seelen von uns Kindern mit einem Schwamm abwaschen.
Die Seifenschale an der Wand war unser Spielzeug, ein kleines Theater des Wassers: Wir drückten den nassen Schwamm gegen die Öffnung, fingen die Tropfen im Zahnputzbecher auf, als könnten wir so die Zeit selbst einfangen. Doch dann kam die Seife. Und das geschah Immer. Und mit ihr das Ende – die Schaumberge zerfielen, die Illusion von Macht und Freiheit verflüchtigte sich im Abfluss, während Mutter mit Hadern die Überflutungen aufwischte, die wir selbst verursacht hatten.
Die Treppe nach oben führte in ein Reich der Enge. Die „Long Stuwwe“, das Zimmer meiner Schwester, ein schmaler Schlauch, in dem kaum Platz war für Träume, geschweige denn für Bewegung. Mein eigenes Zimmer lag unter der Dachschräge, abgetrennt vom Elternschlafzimmer nur durch eine Glas-Schiebetür – ein fragiler Schutz, eine durchsichtige Grenze zwischen Kindheit und den unausgesprochenen Pflichten der Erwachsenen. Ich hörte sie nachts, das Flüstern, das Stöhnen, die Geräusche eines Lebens, das es mir noch nicht dulden wollte. Und doch, durch einen schmalen Flur, öffnete sich plötzlich der Garten, ein Stück Wildnis mitten in der Zivilisation, wo die Dächer der Nachbarn wie die Mauern einer Festung wirkten und der Wind durch die Gemüsebeete fegte, als wollte er sie alle fortwehen.
Unten in der Garage, hinter einem dicken Holztor stand das Goggo-Mobil, später die Dauphine, wie sie genannt wurde, Papas ganzer Stolz, ein Renault, der mehr Liebe erhielt als die Kinder. Ich beobachtete das Auto oft, als könnte es mich eines Tages mitnehmen, fort von diesem Hang, fort von den rosaroten Kacheln und dem Heizölgestank. Doch das Haus hielt mich fest. Es würde mich noch eine ganze Weile halten.
Dann, ja, fast 8 Jahre später kam mein Bruder. Ralf. Ein neues Wesen in unserem Geflecht aus Pflichten und Ängsten, ein weiterer Grund, warum die Wände enger wurden, die Luft schwerer. Doch das war eine andere Geschichte. Eine, die noch erzählt werden muss.
Folge 003
„Die Rituale des Untergangs“ – nach Thomas Bernhard
Es war immer dasselbe, dieses drückend-schwüle Warten auf etwas, das kommen musste, wie alles in diesem Haus, in diesem Hof, in diesem ganzen verfluchten System aus Regeln und Gerüchen, das uns Kinder wie Fliegen in einem Glas hielt. Erst das Spiel im Hof, dieses „Ich bin ein Kaufmann aus Paris“, bei dem wir Farben und Kleidungsstücke erraten mussten, als gäbe es auf der Welt nichts Wichtigeres, während die Hitze uns die Köpfe wie überreife Pflaumen weichkochte, und dann der Gummi-Twist, bei dem wir uns die Knöchel blutig sprangen, nur um später, wohlig erschöpft und mit dem Gefühl, etwas Großes geleistet zu haben, nach Hause zu stolpern, wo Mama uns abwusch, als wollten wir gleich in die Kirche statt ins Bett. Und dieses Bett – dieses verfluchte, gesegnete Bett – frisch bezogen, nach Wäsche duftend, als könnte ein Laken die Welt retten, während draußen das Gewitter losbrach, nicht einfach nur ein Gewitter, nein, ein Weltuntergang in Zeitlupe, bei dem ich mich unter meiner Kuscheldecke verkroch, die ich wie Linus, dieser armselige Trottel aus den Peanuts, den ganzen Tag mit mir herumschleppte, weil sie nach mir roch, nach mir und nur mir, und wenn sie gewaschen wurde, war es, als hätte man mir die Haut abgezogen. Dann presste ich sie an mein Gesicht, bis der vertraute Geruch zurückkehrte, dieser einzige Beweis, dass ich noch existierte, während draußen die Blitze die Luft zerrissen und die Erwachsenen so taten, als wäre alles in Ordnung.
Doch die Ordnung war eine Lüge, wie alles andere auch. Denn während ich mich in meiner selbstgebastelten Höhle aus Federbetten und Geborgenheit einigelte, hing im Schuppen des Nachbarn bereits das Schwein, das Schwein ohne Namen, das noch am Morgen durch den Hula-Hoop-Reifen gesprungen war, sich einen Hut hatte aufsetzen lassen und uns mit seiner dummen, freundlichen Intelligenz beleidigt hatte, indem es einfach da war, lebendig, warm, besser als der Hund des Nachbarn, der nur kläffte und biss. Und dann kam Heini, der Hausmetzger, dieser stille Henker mit seinem trichterförmigen Rasierapparat, der das Tier in eine glänzende, blutige Skulptur verwandelte, als wäre es nie etwas anderes gewesen als Fleisch, das an einem Torrahmen baumelt. Und ich stand da, fasziniert und angewidert, während er die Därme herauszog, sie umstülpte wie ein verkehrtes Universum, und alles in einer Geschwindigkeit, als hätte er es eilig, uns zu beweisen, dass Leben nichts weiter ist als Material. Doch das Schlimmste war nicht das Schwein, nein, das Schlimmste war Monika in der Wurstküche, diese blutverschmierte Priesterin eines Kultes, den ich nicht verstand. Da stand sie, rührte in der Blutbrühe, in der die Speckgrieben wie Augen schwammen, und wischte sich mit dem Unterarm das Nasenblut ab, das ihr der Pfeffer in die Hirnrinde trieb, während sie weiterrührte, als wäre es das Normalste der Welt, in einem Topf aus Blut und Fett zu wateten, als wäre das der Sinn des Ganzen. Und ich wollte schreien, davonlaufen, aber ich stand nur da, gefangen in diesem Albtraum aus Gerüchen und Geräuschen, der sich für immer in mein Gedächtnis brannte – zusammen mit der unüberwindlichen Gewissheit, dass ich nie wieder Blutwurst anrühren würde, nie wieder, solange ich lebte.
Und dann, ja, dann kamen die Rituale, diese gottverdammten Rituale, die alles noch schlimmer machten. Das samstägliche Mittagessen, bei dem Oma ihre dicken Bohnensuppen kochte, diese schweren, erdigen Brühen, die nach Armut und Überleben schmeckten, während der Hefekuchen mit Pflaumen, dieser süß-saure, fast verbrannte Traum, uns für einen Moment vergessen ließen, dass wir alle nur Marionetten in einem Stück waren, das längst geschrieben war. Der Kirschmichel, diese geniale Erfindung der Not, aus altbackenen Brötchen und Kirschen, die im Ofen zu etwas wurden, das fast nach Glück schmeckte – wenn da nicht immer dieser Nachgeschmack von Pflicht gewesen wäre, von „Iss, solange es gibt“, von „Morgen könnte der Krieg kommen“. Und die Erdrüben, dieses mehlige, süßliche Püree, das ich in mich hineinschaufelte, zwei Teller voll, nur um nicht an das Fleisch denken zu müssen, das daneben auf dem Teller lag, tot und unschuldig.
Und dann der Kaffee mit Frau Milke, dieser rabiaten, rauchenden Furie, die mich mit elf Jahren schon wie einen Erwachsenen behandelte, als wäre Kindheit ein Verbrechen, das man so schnell wie möglich abstreifen musste. Wir saßen da, tranken den bitteren Sud, der mir die Kehle zusammenzog, und aßen Brot mit Pflaumenmus aus Mamas „Fliegenschrank“, diesem Denkmal der Angst, in dem Vorräte für sechs Wochen lagerten, als wäre das Leben nichts weiter als ein Warten auf die nächste Katastrophe. Und die Katastrophe kam, jeden Sonntag, wenn wir in den Kindergottesdienst abgeschoben wurden, nur um später am „Auszieh-Couchtisch“ zu sitzen, während im Fernsehen der „Internationale Frühschoppen“ lief, diese lärmende Runde von Selbstgefälligen, die über die Welt diskutierten, als gehöre sie ihnen, während wir Kinder stumm zu essen hatten, weil Mama kein Wort dazwischen duldete, nicht einmal, wenn uns die Langweile die Kehle zuschnürte wie eine Schlinge.
Und dann, dann kam der Spaziergang, dieses sinnlose Marschieren, dieses gequälte Umherlaufen, nur um wieder nach Hause zu kommen, als wäre das Leben ein Kreis aus Pflichten und Schmerzen. Und wehe, Mama vergass, meine Beine mit Franzbranntwein einzureiben – dann war es aus, dann konnte ich nicht mehr, dann durfte ich nicht mehr, dann musste ich getragen werden, weil die Welt ohne diese eine, kleine Gnade einfach nicht zu ertragen war. Und alle schauten mich an, als wäre ich verrückt, dabei waren sie es, die verrückt waren, mit ihren Regeln, ihren Schweinen, ihren Suppen, ihren verlogenen Sonntagen.
Folge 004
„Tante Sophie oder Die Kunst des Stiftelns“ – nach Joseph Roth
Es gab in meiner Kindheit nur einen Menschen, der die Welt für mich erträglich machte, und das war Tante Sophie. Sie war nicht einfach nur eine Großtante – sie war ein ganzes Königreich, ein Reich aus Gummileim und Lockeneisen, aus Gewittergedichten und Heidelbeerwäldern, aus Zinkwannen und Kaffeetopfgrauen, in dem ich König sein durfte, ein kleiner, glücklicher Despot in einem Universum, das nach verbrannten Haaren und warmem Leim roch. Bei ihr durfte ich alles: ihre Hochzeitskleider tragen, als wären sie Kostüme aus einer anderen Zeit, Theaterstücke aufführen, die niemand verstand, und Bonbons aus Zucker und Dosmilch kochen, die uns die Zähne verklebten wie die Drahtstifte in den ovalen Gummiteilen, die sie stundenlang für die Bürstenfabrik „stiftelte“. Dieses „Stifteln“! Ich sehe noch die großen Metalleimer mit dem klebrigen, gelblichen Leim, der nach etwas zwischen Harz und Vergänglichkeit duftete, und wie wir mit dicken Pinseln die Gummiteile bestrichen, als würden wir die Welt zusammenkleben, Stück für Stück. Doch ich war ein schlechter Stiftler, zu ungeduldig, zu leicht abgelenkt von den Geschichten, die sie erzählte – Geschichten von ihrer Zeit als Kammerzofe im Schloss des Grafen Erbach-Erbach, wo die Wände flüsterten und die Diener sich wie Schatten bewegten. Und dann, bei Gewitter, wenn der Himmel über Gammelsbach so schwarz wurde wie der Kaffee in ihrem Einlasstopf, rezitierte sie Gustav Schwabs „Gewitter“ mit einer Stimme, die mich frösteln ließ, als stünde ich selbst in jener dumpfen Stube, in der Urahne, Großmutter, Mutter und Kind vom Blitz getroffen wurden. „Und morgen ist’s Feiertag“, flüsterte sie am Ende, und ich spürte, wie die Kälte des Todes sich mit der Wärme ihrer Küche vermischte, in der immer ein Topf mit jener grauen, bitteren Brühe vor sich hin köchelte, die sie „Kaffee“ nannte.
Tante Sophie hatte nichts, und doch gab sie alles. Sie hätte mir ihre letzten Pfennige geschenkt, nur um zu sehen, wie ich lachend mit ihrem Lockeneisen hantierte – jenem alten, glühenden Ding, mit dem ich ihr die wenigen, graumelierten Haare zu widerspenstigen Ringeln zwirbelte, während sie geduldig die Verbrennungen an meiner Fingerkuppe mit Speichel kühlte. Sie war eine Frau, die keinen Feiertag kannte, außer denen, die sie sich selbst erfand: wenn wir im Wald Heidelbeeren pflückten, die nach trockener Erde und Farn schmeckten, oder wenn wir vor einem Unwetter in irgendeinem Schuppen Schutz suchten und sie mir mit ihrer rauen, sanften Stimme einflüsterte: „Buchen sollst du suchen, vor Eichen musst du weichen.“ Doch wehe, wenn wir bei einem Bauern um Wasser baten und ich stattdessen einen Becher körperwarmer Kuhmilch serviert bekam, direkt aus dem Euter, noch dampfend und nach Stall duftend – da blieb ich lieber durstig, als diesen ekelhaften Akt der Gastfreundschaft zu ertragen.
Und dann das Baden! In der Gammelsbacher Straße gab es kein Bad, nur die Zinkwanne in der Küche, die abends zum Familienereignis wurde. Erst Ursula und ich, dann Onkel Wilhelm, dann Tante Sophie selbst, und schließlich Onkel Jakob, dieser geheimnisvolle Einsiedler, der sein Zimmer kaum verließ und dessen Taschentücher sich im Wasser in schleimige Lappen verwandelten – ein Rätsel, das ich erst Jahre später löste. Jakob war ein gezeichneter Mann, einer, der die Schrecken des Dritten Reichs in seinen leeren Blicken und den wenigen, verstreuten Zähnen trug. Er aß sein Brot mit Salami nicht, er ertränkte es in der grauen Brühe, schnitt es in „Reiter“, wie er sagte, und löffelte es mit lautem Schmatzen aus der Schale, als wäre es die letzte Mahlzeit vor der Hinrichtung. Tante Sophie duldete ihn, wie sie alles duldete: seine Eigenheiten, seine Trauer, seine stummen Schreie. Sie hatte ihm Zuflucht gegeben, so wie sie mir Freiheit schenkte – und mir ihre Möbel vermachte, den schweren Kleiderschrank, den roten Sekretär, die jetzt bei mir stehen wie stumme Zeugen einer untergegangenen Welt.
Am Ende, als die Demenz sie holte und sie im Altersheim ihre letzten Tage fristete, fehlte mir vor allem eines: die Geste, mit der sie ihr Gebiss aus der Jackentasche zog, wenn eine Kamera blinkte, um nicht „so eingefallen“ auszusehen. Sie war eitel bis zum Schluss, diese Frau, die mir beibrachte, dass Armut nicht bedeutet, arm zu sein. Wenn es Engel gibt, dann sind es keine geflügelten Wesen – dann sind es Frauen wie Tante Sophie, die einem Kind die Welt schenken, während sie selbst in einer Zinkwanne voll Abwaschwasser baden.
Und manchmal, wenn ich heute ihren Kleiderschrank öffne, rieche ich noch den Leim und höre das Gewittergedicht, das sie mir vorlas, als wäre es eine Warnung und ein Trost zugleich: „Und morgen ist’s Feiertag.“
„Das Gewittergedicht“ – ein Dialog mit Tante Sophie
Es war einer jener schwülen Nachmittage, an denen die Luft so schwer hing, als würde sie jeden Moment platzen. Tante Sophie saß am Küchentisch, die Hände noch klebrig vom Leim, und rührte in ihrem grauen Kaffee, während ich auf der Ofenbank hockte und die Drahtstifte in die Gummiteile steckte – oder vielmehr: sie mehr fallen ließ als hineindrückte. Draußen grollte es schon, ein tiefes, unheilvolles Brummen, als würde die Erde selbst warnen.
„Hörst du’s, Walter?“, fragte Sophie und hob den Kopf, als könnte sie den Donner sehen. „Das ist kein gewöhnliches Gewitter. Das ist ein Zeichen.“ Sie strich sich eine Strähne der dünnen, graumelierten Haare aus der Stirn – die Strähne, die ich eben erst mit dem Lockeneisen zu einer widerspenstigen Locke gezwirbelt hatte, die jetzt schon wieder schlaff herabhing. „Komm her, ich les’ dir was vor. Aber pass auf – das ist kein Märchen.“
Sie holte ein zerfleddertes Buch aus der Schublade des roten Sekretärs, blätterte mit feuchten Fingern um und begann, mit einer Stimme, die plötzlich tiefer klang, als gehöre sie einer anderen:
„Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind…“
Ich spürte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief, nicht wegen des Donners, sondern wegen ihr. So hatte ich sie noch nie gehört.
„Warum sagt die Urahne, sie will sterben?“, fragte ich, als Sophie fertig war. „Das ist doch furchtbar.“
Sophie nippte an ihrem Kaffee und verzog das Gesicht – nicht wegen des bitteren Geschmacks, sondern wegen der Frage. „Weil sie müde ist, Walter. Nicht traurig. Nur müde.“ Sie stellte die Tasse ab und beugte sich vor, bis ich den Geruch von Leim und Lavendel roch, der immer an ihr haftete. „Siehst du, die Urahne, die hat alles gesehen. Kriege, Hunger, Kinder, die zu früh gegangen sind. Für sie ist das Leben kein Abenteuer mehr, sondern ein langer Weg, auf dem sie nicht mehr weitergehn kann. Aber die anderen – die hören sie nicht. Die Mutter träumt von ihrem Feierkleid, das Kind von Blumen im Hag… und dann kommt der Blitz.“ Sie deutete zum Fenster, wo ein greller Schein die Küche für einen Augenblick in geisterhaftes Licht tauchte. „Und zack – ist alles vorbei. Für alle.“
„Aber… aber das ist doch gemein!“, rief ich. „Die haben doch nichts Böses gemacht!“
Sophie lachte leise, ein trockenes, warmes Lachen. „Nein, Walter. Das Leben ist nicht gemein. Es ist nur… gleichgültig. Wie ein Fluss. Der fließt, ob du willst oder nicht. Und manchmal reißt er einer was mit.“ Sie griff nach meiner Hand, ihre Finger waren rau von der Arbeit, aber warm. „Aber weißt du, was das Schlimmste ist? Dass sie am nächsten Tag alle tot sind… und morgen Feiertag ist. Die Sonne scheint, die Vögel singen, und niemand merkt, dass eine ganze Welt weg ist.“
Ich starrte auf den Tisch, wo ein Tropfen Leim langsam zu Boden kroch, zäh wie Tränen. „Und was heißt das für uns?“
Sophie strich mir über den Kopf, so fest, dass es fast wehtat. „Dass wir heute leben müssen. Nicht morgen. Heute.“ Sie nahm einen Drahtstift und steckte ihn mit einer Entschlossenheit, die ich bei ihr noch nie gesehen hatte, in das Gummiteil. „Stifteln, Walter. Das ist auch so ein Feiertag. Ein kleiner. Einer, den sich niemand sonst aussucht.“
Draußen krachte es, so nah, dass die Scheiben klirrten. Ich zuckte zusammen, aber Sophie saß ganz still da, als wäre der Donner ihre Musik.
„Und wenn wir vom Blitz getroffen werden?“, flüsterte ich.
Sie grinste plötzlich, und für einen Moment war sie wieder die alte Sophie, die mir Bonbons aus Zucker und Dosenmilch machte. „Dann, mein Junge, dann müssen wir wenigstens nicht mehr Onkel Jakobs Taschentücher waschen.“
Folge 005
„Die Rollgasse und andere Wunder“ – nach Heinrich Böll
Zwischen dem Vorderhaus, in dem einst die Gaststätte und der Friseursalon des Opas waren, dem Haus des „Brunnenbäckers“ Ihrig, dessen Stall, dem „Hindedrowwe“, unserem Hinterhaus, und der Werkstatt des Schreiners Holzschuh spielte sich das wahre Leben ab. Dort, in diesem Hof, der für uns Kinder ein ganzes Universum war, verging die Zeit wie im Flug – mit Ursula, meiner Schwester, Monika vom Nachbarhaus und den wechselnden Gesichtern der Nachbarskinder. Später kamen zwar noch Helmut, Gerhard und unser Bruder Ralf dazu, doch die eigentliche Kindheit, die mit den kribbelnden Füßen von den Metallrollschuhen auf der „Striet“, den Hütten aus Decken und Kisten, dem „Kaufmann aus Paris“ und dem Gummitwist, gehörte nur uns dreien.
Beerfelden, diese „Stadt am Berge“, hatte kaum ebene Flächen. Nur vor der Kirche und auf der „Striet“ konnten wir unsere Rollschuhe schnallen – diese klobigen Dinge mit Riemen, die nach fünf Minuten die Zehen taub machten. Doch der Hof war unser Reich: Wir bauten Unterstände, spielten „Ene mene Mu“, erraten Werbejingles, turnten an den Ringen vor der Garage, und ich gab Kasperltheater-Vorstellungen, während Tante Sophie uns mit ihrem „Buch der tausend Spiele“ versorgte. Und wenn wir nicht im Hof waren, dann mit Oma oder Sophie im Garten, zwischen Heidelbeeren und Pilzen.
Doch die wahre Bühne war die „Rollgasse“, eine steile, kopfsteingepflasterte Straße, die im Winter zur perfekten Rodelbahn wurde. Jahre später, während meiner Friseurlehre, erlebte ich dort ein Schauspiel der besonderen Art: Ein plötzlicher Kälteeinbruch hatte alles in Eis verwandelt. Oben, am Anfang der Gasse, kämpfte „das Luisel“ – eigentlich Brunhilde – verzweifelt gegen die Schwerkraft. Sie zog die Schuhe aus, versuchte es in Socken – und sauste schließlich schreiend die Gasse hinunter, eine Mülltonne im Arm, als wäre es das normalste Ding der Welt.
Der „Gärtner Berger“ mit seinem Milch- und Gemüseladen war ein weiteres Wunder. Ich holte dort oft Milch in der Zinkkanne, die an der genialen Zapfanlage gefüllt wurde: Ein großer Metallhebel, ein Strahl frischer, schäumender Milch, der Duft von Quark – „Schichtkäse“, fest und cremig, in Pergamentpapier gewickelt. Auf dem Heimweg schleuderte ich die Kanne im Kreis, ohne einen Tropfen zu verlieren.
Im Sommer planschten wir im 12-Röhren-Brunnen, ließen Schiffe in der Ablaufrinne schwimmen, und Opa erklärte Besuchern mit einem Augenzwinkern, das Brunnenwasser mache alt. „Wenn ihr lange davon trinkt, werdet ihr sehr alt.“ Als Kind fand ich das dubios, heute weiß ich, was er meinte.
Und dann war da der „Katzenbeiser“, der Metallwarenladen, das Textilhaus Seip mit seinen dunklen Holzschränken und der Fistelstimme von Frau Seip, der „Bundschuh“ mit Düngemitteln, die Volksbank, die Apotheke, der „Tröster“ mit Feinkost, der „Lebensretter“ (ein Reformhaus!), und ganz oben, am „Metzkeil“, dem Kommunikationszentrum Beerfeldens, wo sich alles traf, diskutierte und beobachtete. Dort gab es das „Kaffee Sattler“, den „Mehlheiner“ (ein modernerer Textilladen), und vor allem: die Eisdiele. Für zehn Pfennig ein Bällchen, plus ein kleiner „Eiszipfel“ obendrauf – das war Luxus.
Abends ging ich mit Mama auf „Schaufensterbummel“, durch einen Ort, der florierte, der lebte. Heute, wenn ich durch die verfallenen Gassen gehe, wird mir wehmütig. Von all der Pracht ist kaum etwas geblieben. Doch die Erinnerungen – die Rollgasse, das Luisel, der Schichtkäse, der Metzkeil – die sind unsterblich.
Folge 007
Literarische Version – Sommer über Beerfelden (Joseph Roth-Stil)
Es war Sommer über Beerfelden. Nicht dieser scharfe, stechende Sommer der Gegenwart, der mit seiner Hitze droht und das Land auslaugt, sondern ein stiller, goldener, von Glockengeläut und Kinderstimmen durchdrungener Sommer. In den Küchen dampften die Töpfe, und über den Tellern zogen Wolken aus Trotz und kindlicher Empörung. Man roch Bohnen, Suppenknochen, den säuerlichen Atem des Essigs, und irgendwo, immer, die aufgewärmte Erinnerung an den vergangenen Sonntag.
Ursula und ich – wir waren Verbündete und Gegner zugleich, ein kleines Königreich aus Geschwistern, das sich dem Regiment der Eltern widersetzte. Zwischen uns lag nie Hass, höchstens diese kleine, keimende Form von Stolz, die Kinder empfinden, wenn sie glauben, der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Wir wussten, was richtig war, und alles, was Mama und Papa anordneten, musste sich daran messen lassen.
Wenn der Löffel drohte, wurde das Bad zum Exil und die Toilette zur Zelle. Dort saß ich dann, mein Teller auf dem Deckel der Schüssel, und zwang mir den Inhalt hinunter, während Ursula nebenan im Bad hockte – ohne Toilette, dafür mit Fantasie. Ich war zu brav für den Aufstand, zu einfältig für den Trick, das Essen einfach zu entsorgen. Und doch war in uns beiden derselbe Trotz: das stille Wissen, dass das Unrecht nicht in der Suppe, sondern in der Anordnung lag, sie zu essen.
Wer von uns beiden mehr litt, weiß ich nicht. Vielleicht sie, weil sie sich nicht helfen konnte. Vielleicht ich, weil ich es gekonnt hätte. So war das damals: wir lernten das Leben nicht aus Büchern, sondern aus der Temperatur der Suppe. Aus der Geduld der Mutter, der Strenge des Vaters, und aus den kleinen Siegen, die wir uns im Schatten ihrer Regeln erkämpften.
Draußen im Hof wartete die Freiheit. Ein Reich aus Pflastersteinen, Sand, Brettern, leeren Marmeladengläsern. Da erfanden wir Spiele, bei denen keiner gewinnen konnte, und doch gewann jeder. Ursula und ich, wir waren ein Herz und eine Sandburg. Wir bauten, zankten, schrien, lachten. Im Sommer glitzerte die Rollgasse wie geschmolzenes Glas, und wenn wir vom Spielen heimkehrten, war der Schweiß auf der Stirn wie ein Orden.
Unsere Nachbarschaft war eine Welt aus Stimmen: die Wielers-Mädchen, das Luisel, Helga aus der Brunnengasse. Ein Chor aus Lachen, Streit, Gekreisch. Die Erwachsenen standen in den Türen, wischten Hände an Schürzen und nickten: Kinder halt. Wir wussten, dass wir beobachtet wurden, aber das störte uns nicht. Wir waren Kinder, und Kinder sind wie Vögel – sie wissen, dass der Himmel ihnen gehört, auch wenn sie nur vom Hof aus hineinschauen.
Im Sommer gingen wir mit Tante Sophie hinaus in den Wald. Sie war unsere Anführerin, Hüterin der Beeren und der Geheimnisse. Wenn sie sagte: Heute gehen wir Heidelbeeren pflücken, dann klang das wie ein königlicher Erlass. Der Weg führte durch warmes Gras, über Wurzeln, vorbei an Farnen, die nach Erde und Sonne rochen. Und wenn der Himmel sich plötzlich verdunkelte, suchten wir Schutz in den alten Schuppen der Bauern, hörten den Regen trommeln und Sophies Stimme, die Gedichte zitierte, als wären sie Zaubersprüche gegen das Wetter.
Doch das Paradies meiner Kindheit lag tiefer – dort, wo das Tal sich senkte und das Wasser still stand: das Waldseebad. Ein Wunder aus Beton und Quellwasser, kühl und klar, so ehrlich wie alles, was von der Natur kam. Der Weg dorthin war weit. Man musste an Gärten vorbei, an Sträuchern, die von den Händen der Alten gestutzt, und von den Füßen der Kinder zertrampelt waren. Dann kam die Lindenallee, dann die Wolfsschlucht, und schließlich das kalte Glück.
Das Wasser war kein freundlicher Geselle. Es prüfte uns. Wer hineinging, wurde geprüft auf Mut, auf Ausdauer, auf Hingabe. Ich hielt stand, bis meine Lippen blau waren, und Mama mich mit dieser Mischung aus Sorge und Stolz herausrief. Am Ufer zitterte ich, sah das Wasser glitzern wie Glas, und fühlte mich – ich weiß nicht – irgendwie gereinigt. Als hätte das kalte Wasser mir etwas erklärt, was Erwachsene nicht sagen konnten.
Auf der Hangwiese, wo das Gras kniehoch stand, legten sich die Menschen in die Sonne. Sie lachten, tuschelten, riefen ihren Kindern zu. Und manchmal kam mein Cousin Rainer, dessen Haarpracht eine Tragödie für sich war. Er kam aus dem Wasser wie ein nasser Pfau: der Scheitel verrutscht, die Strähne im Gesicht, der Stolz ungebrochen. Mit einer einzigen, würdevollen Geste strich er das Haar wieder zurecht – als könne man die Ordnung der Welt mit einem Kamm wiederherstellen.
Ich bewunderte ihn, ein wenig. Er war ein Held des Eigensinns, ein Don Quichotte des Haarsprays. Nur Wasser war sein Windmühlengegner.
Später, wenn die Sonne sank, roch das Tal nach Gras und Holz. Die Mücken tanzten, und irgendwo klapperte eine Fahrradspeiche. Wir gingen heim, langsam, durch die Wolfsschlucht zurück, vorbei an den Schatten der Bäume, die sich über uns neigten wie alte Bekannte. Und während der Abend herabsank, fühlte ich mich unendlich reich. Reich an Geräuschen, Gerüchen, an Erinnerungen, die ich damals noch gar nicht als solche erkannte.
Man sagt, die Kindheit ist ein Land, in das man nicht zurückkehren kann. Aber manchmal, wenn ich an heißen Tagen die Augen schließe, höre ich wieder das Quaken der Frösche, spüre das kratzige Handtuch, rieche das Sonnenöl auf Mamas Armen. Dann bin ich wieder dort, am Rand des Wassers, und die Welt ist heil.
Vielleicht war es das, was Opa meinte, als er sagte: Lieber eine Glatze als gar keine Haare. Er wusste, dass man den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen muss – und dass Würde nicht darin liegt, etwas zu verbergen, sondern darin, es mit einem Lächeln zu tragen.
So endet mein Sommer über Beerfelden: in der Erinnerung an Wasser, das zu kalt war, Suppe, die zu heiß war, und eine Schwester, die zur richtigen Zeit im falschen Raum saß. Und in dem Wissen, dass Glück nie laut daherkommt. Es sitzt still in einer Ecke, wie ein Kind nach dem Baden, eingewickelt in ein großes, raues Handtuch – und lächelt.
Folge 008
„Das Verfahren“ – literarisch, nach Franz Kafka
Es begann mit dem Pony! Nicht mit einem mechanischen Ungeheuer, nein, sondern mit realen, echten, im Kreis gehenden Tieren, in einem runden Zelt, das
sich „Reitschule“ nannte und ein Pony, auf das man mich setzte, als gehöre ich bereits zu den Auserwählten. Doch ich war kein auserwähltes Kind. Ich war ein Kind, das stolperte. Und als ich stolperte, geschah es nicht auf den Boden, sondern in etwas Unfassbares: Mein Arm – dieser vertraute, gehorchende
Teil von mir – stand plötzlich ab, als hätte eine unsichtbare Instanz beschlossen, ihn abzutrennen, wie eine überflüssige Akte in einem endlosen Archiv.Die Männer in weißen Kitteln handelten, als folge sie einem Protokoll, das niemand je gelesen hatte. „Ausgekugelt“, sagten sie mit der Gleichgültigkeit von Beamten, die täglich Hunderte solcher Fälle
abwickeln. Dann kam das Chloroform.Es roch nicht. Es fraß. Es fraß die Luft, es fraß die Worte meiner Mutter, es fraß mich selbst und spuckte mich in eine Welt aus grellbunten, verzerrten Gesichtern, die mich anlachten, als wüssten
sie etwas, das ich nicht wusste. Ich schrie, doch meine Stimme gehörte mir nicht mehr. Sie gehörte dem System. Dem Prozess, der längst über mich verhängt worden war. Der erste Gips war ein Irrtum. Der Arm heilte falsch, als hätte jemand die Anweisungen vertauscht – oder als wäre der Irrtum einkalkuliert gewesen. Also brachen sie ihn erneut. Diesmal steckten sie einen Metallstift hinein, eine Markierung, als wollte man mich für immer als Fehlstück kennzeichnen. Der Stift blieb. Der Schmerz blieb. Und die Striche an der Tür, die mein Vater jeden Tag zog, um meinen Fortschritt zu messen, waren wie die Eintragungen in einer Akte, die niemand je schließen würde. Als ich endlich den Arm wieder heben konnte – Millimeter für Millimeter, wie in einem
bürokratischen Akt der Gnade –, war das Karussell weg. Abgebaut. Verschwunden. Als hätte es nie existiert. Als hätte ich mir alles nur eingebildet. Oder als wäre es nie für mich bestimmt gewesen. Ein Jahr später, beim Autoscooter, prallte ich gegen die Haltestange. Das Blut, das mir über das Gesicht lief, war wie die Unterschrift unter ein Dokument, das besagte: Du hast keine Wahl. Ursula stand daneben und sah zu, wie ich blutend aus dem Wagen kletterte. Sie sagte nichts. Was hätte sie auch sagen sollen? Wir wussten beide: Es war schon immer so gewesen. Und es würde immer so sein. Abends standen wir am Fenster und starrten auf den Springbrunnen, auf die Menschen, die unten ihren Alltag lebten, als gehöre ihnen die Welt. Ursula nannte es „Betz“ – dieses Zornige in ihr, das nach Gerechtigkeit schrie. Ich nannte es Warten. Wir warteten. Auf Erlösung. Auf Sinn. Auf etwas, das nie kam. Und das Karussell? Es war weg. Spurlos. Als hätte es nie gegeben. Als hätte niemals jemand darauf gesessen. Als hätte niemals jemand gestürzt. Vielleicht hatte es das auch nicht. Vielleicht war ich der Irrtum. Vielleicht war alles nur ein Traum des
Systems – und ich sein letzter Zeuge.“
Folge 009
„Opa – der ruhende Pool“ – literarisch, nach Gunther Grass
Opa, der ruhende Pool der Familie, wie ein Becken, das nie austrocknet, nie überläuft, immer da, immer gefüllt mit einer Mischung aus Ruhe und Baldrian, aus Tiroler Nussöl und Pitralon, aus Zigarre und Apfelwein, dieser Opa, der humpelnd durch meine Kindheit ging, humpelnd, weil das rechte Bein zu kurz geraten war, zu kurz, und der orthopädische Schuh, für meine Kinderaugen ein Monstrum, ein Schuh wie ein Möbelstück, ein Schuh wie ein kleiner Schrank, ein Schuh, der das Ungleichgewicht ausgleichen sollte, aber das Ungleichgewicht nur sichtbar machte, sichtbar und hörbar, denn jeder Schritt war ein Schlag, ein dumpfer Schlag, ein Schlag, der durch die Räume hallte, durch die Brunnenstube, durch die Brunnengasse, durch meine Erinnerung.
Immer das weiße Hemd, immer die schwarze oder dunkelbraune Hose, zu weit, zu lose, von Hosenträgern gehalten, Hosenträger, die wie eiserne Disziplin wirkten, wie eiserne Disziplin, die den Stoff dort hielten, wo er hingehörte. Und die Glatze, die Glatze, die glänzte, die roch, die roch nach einer Mischung, nach einer Mischung, die ich nie vergessen werde: Tiroler Nussöl, Pitralon-Rasierwasser, Baldrian-Tropfen. Ein Geruch, der sich in meine Kindheit eingebrannt hat, eingebrannt wie der Geruch von Bierdeckeln, Bierdeckeln, die ich beschreiben könnte, wenn ich könnte, aber ich kann nicht, ich kann nicht, und doch weiß jeder, der ihn kennt, wovon ich rede, wovon ich rede, wenn ich sage: Bierdeckelgeruch.
Opa, der Wirt, der Wirt in seiner Gaststätte „Zur Brunnenstube“, Brunnengasse 12, direkt über dem berühmten 12-Röhrenbrunnen von Beerfelden, auf jeder Ansichtskarte zu sehen, auf jeder Ansichtskarte, und doch für mich kein Bild, kein Bild, sondern ein Raum, ein Raum mit Schummerbeleuchtung, mit Zigarre, Bier und Apfelwein, ein Raum mit Automaten, zwei Spielautomaten, die abends geleert wurden, geleert von Opa, gezählt von mir, gezählt mit Türmchen aus Groschen, Fünfzigern, Markstücken, Türmchen, die ich baute, gleich hoch, gleichmäßig, Türmchen, die wieder zerfielen, zerfielen in Hände, in Hände, die mir eine Handvoll gaben, eine Handvoll Münzen, mit denen ich spielen durfte, spielen durfte, aber es war langweilig, langweilig, so langweilig, dass ich keine Sucht entwickeln konnte, keine Sucht, nicht für Automaten, nicht für blinkende Lichter, nicht für das Geräusch der Kugeln, sondern für Gummibärchen, Gummibärchen, die in einer alten Zigarrenkiste lagen, Gummibärchen mit Zigarrenbouquet, Gummibärchen mit Zigarrenbouquet, das ich noch heute schmecke, schmecke, wenn ich daran denke.
Und der Billardtisch, der Billardtisch, den ich in Ruhe zu lassen hatte, in Ruhe, und doch durfte ich, durfte ich unter Aufsicht, durfte ich mit dem Kö die Kugeln anstoßen, ohne Ahnung, ohne Ahnung vom Wie, vom Was, vom Warum, und doch blieb das Geräusch, das Geräusch der Kugeln, die aufeinanderstießen, blieb in meinem Ohr, blieb in meinem Ohr wie ein Echo, wie ein Echo, das nie verschwindet.
Oma, die Schinken-, Leberwurst-, Blutwurstbrote schmierte, Blutwurst, igitt, igitt, und doch gehörte es dazu, gehörte es dazu, wie die Schummerbeleuchtung, wie der diffuse Duft, wie die Zigarre, wie der Apfelwein. Alles gehörte dazu, alles war Teil des Raumes, Teil der Brunnenstube, Teil meiner Kindheit.
Und dann der Rasierer, Opa als Rasierer, Opa als Friseur, Opa mit dem Kommis-Haarschnitt, Opa mit dem dunkelroten Friseurstuhl, mit der Nackenstütze, mit dem weißen Tuch, mit dem Dachshaarpinsel, mit der Rasierseife, mit dem Seifentopf, mit dem Rasiermesser, das er schärfte, schärfte auf dem Stein, schärfte am Lederriemen, schärfte, bis es ein Blatt Papier zerschnitt, zerschnitt in der Luft, zerschnitt wie Butter, zerschnitt wie Erinnerung. Und dann der Schaum, der Schaum, der entfernt wurde, entfernt mit dem Waschlappen, entfernt, und dann Pitralon, Pitralon ins Gesicht, Pitralon wie ein Schlag, Pitralon wie ein Schwall, Pitralon wie ein Ritual, und Opa wedelte, wedelte mit der Papierserviette, wedelte, und es war ein Schauspiel, ein Schauspiel, das ich nie vergessen werde.
Und er saß, er saß beim Haarschneiden, saß auf einem fahrbaren Hocker, mit einem knallroten Sattel, knallrot, knallrot wie ein Spielzeug, knallrot wie ein Signal, knallrot wie Erinnerung, und er schnitt, er schnitt, er schnitt, und ich sah zu, ich sah zu, und es war ein Schauspiel, ein Schauspiel, das ich nie vergessen werde.
Und schließlich der Puppendoctor, der Puppendoctor, Opa als Puppendoctor, Opa mit der Werkstatt, Werkstatt mit Puppen, Puppen an Seilen, Puppen an Seilen, Puppen mit Geruch, Geruch von Kleber, Kleber, Lösungsmittel, Plastik, Geruch, den ich noch in der Nase habe, noch in der Nase, und die Arme, Beine, Köpfe, verbunden mit Gummibändern, Gummibändern, die durch den Torso führten, Gummibändern, die die Gliedmaßen hielten, hielten und bewegten, hielten und bewegten, und die Augen, die Augen, die Schlafaugen, die Schlafaugen mit Gewicht, Gewicht, das die Pupille senkte, senkte, wenn die Puppe lag, senkte, wenn die Puppe schlief, senkte, wenn die Puppe tot war, und ich sah zu, ich sah zu, und es war faszinierend, faszinierend, wie ein Setzkasten, ein Setzkasten voller Augen, Augen, die mich ansahen, Augen, die mich verfolgten, Augen, die mich nie losließen.
Heute, heute weiß ich, dass ich einiges von Opa abbekommen habe, einiges, die Kopfform, die Frisur, die Ruhe, die Ausgeglichenheit, die Abneigung gegen Streit, die Lust am Vermitteln, die Gene, die Gene, die Gene, aber nicht die Zigarren, nicht die Rasur, nicht das zu kurze Bein, nicht den orthopädischen Schuh, nicht den orthopädischen Schuh, und ich schmunzle, ich schmunzle, und es ist ein Schmunzeln, das bleibt, das bleibt, wie der Geruch von Bierdeckeln, wie der Geschmack von Gummibärchen, wie das Geräusch der Kugeln, wie der Schlag des orthopädischen Schuhs, wie die Brunnenstube, wie Opa, wie Opa, der ruhende Pool der Familie.
Folge 010
„Der Duft des Herbstes“ – literarisch, nach Marcel Proust
Es gibt Augenblicke, die sich nicht durch ihre äußere Bedeutung, sondern durch die zarte Spur, die sie in uns hinterlassen, in die Ewigkeit einschreiben, und so ist es mit jenen Herbsttagen meiner Kindheit, die sich wie ein leiser, goldener Schleier über die Hügel des Odenwaldes legten, als die Luft, von einer kaum merklichen Kühle durchzogen, den Duft von feuchtem Laub und reifen Äpfeln trug, ein Duft, der nicht nur die Gegenwart erfüllte, sondern in seiner geheimen Süße schon die Verheißung einer Erinnerung barg, die erst Jahre später, in einem ganz anderen Leben, mit einer Macht wiederkehren sollte, die mich überwältigte, als hätte ich den Schlüssel zu einer verschlossenen Kammer meines eigenen Herzens gefunden.
Damals war es nicht das Bewusstsein der Vergänglichkeit, das uns antrieb, sondern die schlichte Freude an einer wiederkehrenden Handlung, die uns vertraut war wie der Rhythmus der Jahreszeiten selbst: die große Apfelernte bei meinem Großvater, dessen Garten, mit der alten Scheune, in der „Stried“, jener einzigen ebenen Straße in Beerfelden, lag, wo auch die Grundschule stand, die wir Kinder besuchten, ohne zu ahnen, dass die Lektionen, die uns das Leben in jenen Stunden erteilte, weit über das hinausgingen, was in den Schulbüchern geschrieben stand.
Hinter der Scheune begann das „Baumstück“, ein Stück Erde, das in seiner Schlichtheit ein Paradies war, bevölkert von Apfelbäumen, deren Äste sich im Herbst unter der Last ihrer Früchte bogen, als wollten sie sich dem Boden anvertrauen, aus dem sie einst hervorgegangen waren. Und wir, bewaffnet mit Jutesäcken, Körben und dem langen Schüttelhaken, zogen hinaus, nicht wie Arbeiter, sondern wie Teilnehmer eines Festes, dessen Regeln uns vertraut waren, ohne dass sie je ausgesprochen wurden.
Die Älteren schüttelten die Äste, und in dem Augenblick, da die ersten Äpfel sich lösten und mit einem dumpfen, zugleich melodischen Geräusch auf den Boden prasselten, war es, als ob der Herbst selbst seine Stimme erhob, eine Stimme, die uns rief, uns aufforderte, uns zu bücken, die Früchte zu sammeln, sie in die Körbe zu legen, die Körbe in die Säcke, deren Geruch – muffig, nach Staub und Scheune, nach einem ganzen Jahr des Wartens – uns in die Nase stieg wie eine Erinnerung an vergangene Herbste, die wir noch nicht erlebt hatten und doch schon kannten.
Manchmal riss ein Sack, morsch geworden in der langen Zeit des Wartens, und die Äpfel rollten wie kleine, widerspenstige Tiere über den Boden, und wir lachten, nicht über den Verlust, sondern über die Komik des Augenblicks, der uns daran erinnerte, dass selbst in der Ordnung der Dinge Platz für das Unvorhergesehene ist.
Wenn die Säcke gefüllt waren, wurden sie auf den großen Wagen geladen, der durch den Ort rumpelte, als trüge er nicht nur Früchte, sondern die Essenz des Herbstes selbst, und wir folgten ihm zur Gärtnerei Berger, einem Ort, der für uns Kinder den Charakter eines Heiligtums hatte, nicht wegen seiner äußeren Gestalt, sondern wegen des Wunders, das sich dort vollzog: das Keltern.
Schon der Geruch, der uns entgegenschlug, wenn wir die Schwelle überschritten – eine Mischung aus Holz, feuchtem Stein und dem süßen, fast berauschenden Aroma von Obst –, war wie eine Einladung, die Sinne zu öffnen, sich dem Augenblick hinzugeben. Dort begann das eigentliche Werk, das uns staunen ließ, nicht weil es neu war, sondern weil es in seiner Wiederholung jedes Jahr aufs Neue den Zauber der ersten Erfahrung besaß.
Die Äpfel wurden in einen großen Trog voller Wasser gekippt, und das Platschen, das sie erzeugten, war für uns Musik, eine Melodie, die den Auftakt zu einem Ritual bildete, dessen einzelne Schritte uns vertraut waren und doch jedes Mal von einer geheimen Spannung begleitet wurden. Wir sahen zu, wie die Äpfel glänzend und sauber wieder auftauchten, als hätten sie sich in dem Wasser von der Müdigkeit des Sommers befreit, um nun in eine neue Gestalt überzugehen.
Dann kamen sie in den Trichter der Schneidemaschine, die aussah wie ein riesiger Fleischwolf, und das Hecheln der Messer, das dumpfe Geräusch, wenn die Früchte hineinfielen, war für uns Kinder nicht bedrohlich, sondern aufregend, ein Zeichen dafür, dass die Verwandlung begonnen hatte. Aus den ganzen Äpfeln wurden grobe Schnitzel, die in den Kelterbottich geschaufelt wurden, und in dem Augenblick, da der Bottich sich füllte und der Duft von frischem Apfel die Halle erfüllte, war es, als hätte man den Herbst selbst eingefangen, nicht in Bildern, sondern in einem Aroma, das sich unauslöschlich in unser Gedächtnis einprägte.
Auf die Apfelmasse legte man dicke Bretter, und dann begann die eigentliche Pressarbeit, die für uns Kinder den Charakter eines heroischen Aktes hatte, nicht wegen der Gefahr, sondern wegen der Kraft, die sie erforderte. Die Presse, ein mächtiges Gerät mit einem Gewinde in der Mitte und zwei langen Schenkeln, die wie Arme wirkten, wurde von Männern bedient, deren Bewegungen langsam, bedächtig waren, als wüssten sie, dass die Zeit hier nicht durch Hast, sondern durch Geduld gemessen wird. Zentimeter für Zentimeter erhöhten sie den Druck, und dann, endlich, quoll aus dem Auslass des Bottichs der erste Strahl goldenen Safts hervor, ein Strahl, der für uns Kinder nicht nur ein Getränk war, sondern die sichtbare Form eines Wunders.
Wir durften immer ein Glas vom ersten Saft probieren, und wenn ich heute versuche, den Geschmack zu beschreiben – klar, süß, mit einem Hauch von Säure –, so weiß ich, dass ich nicht den Geschmack selbst beschreibe, sondern die Empfindung, die er in mir auslöste, eine Empfindung, die sich nicht in Worte fassen lässt, weil sie aus der Verbindung von Sinneseindruck und Erinnerung besteht, aus dem Bewusstsein, dass dieser Augenblick einzigartig war und doch jedes Jahr wiederkehrte.
Die großen Glasflaschen wurden gefüllt und in den Keller meines Großvaters gebracht, gleich unter der Gaststätte, die nur ein paar Schritte entfernt lag, und dort begann die zweite Verwandlung, die für uns Kinder den Charakter eines Geheimnisses hatte: Aus Saft wurde Most, und aus Most wurde Apfelwein. Unter Zugabe von Hefe und mit einer Geduld, die uns unbegreiflich schien, reifte der Apfelwein in den großen Fässern, und wir wussten, ohne es zu verstehen, dass hier unten, im kühlen Keller, etwas geschah, das nicht nur chemisch, sondern fast metaphysisch war.
Heute, wenn ich daran denke, sehe ich nicht nur die Bilder, sondern ich höre die Geräusche, ich rieche die Düfte, ich spüre die Kühle des Kellers, und ich begreife, dass es nicht die Handlung selbst war, die sich in mein Gedächtnis eingeschrieben hat, sondern die Stimmung, die sie umgab, die Mischung aus Arbeit und Fest, aus Ernst und Heiterkeit, aus Gegenwart und Zukunft. Es war nie eine Pflicht, sondern ein Fest, und am Ende gab es immer diesen Augenblick, wenn wir zusammenstanden, den frischen Saft in der Hand, und wussten, ohne es auszusprechen: Das ist unser Herbst, das ist unser Stück Heimat, das ist die Zeit, die uns gehört, und die doch, wie alle Zeit, vergeht, um in der Erinnerung weiterzuleben, stärker, leuchtender, als sie je in der Wirklichkeit war.
Folge 011
“ Eine Madeleine aus Most und Kraut“ – literarisch, nach Marcel Proust
Wenn ich heute, viele Jahre später, an jenen Keller unter der Brunnenstube denke, so ist es nicht allein das Bild der vier Stufen, die ich als Kind hinabstieg, das sich mir aufdrängt, sondern vielmehr das ganze Geflecht von Empfindungen, Gerüchen, Geräuschen und geheimen Bedeutungen, die sich damals, ohne dass ich es verstand, in mir niederlegten wie Sedimente einer Erinnerung, die erst jetzt, im Rückblick, ihre Schichten offenbart. Denn dieser Keller war nicht nur ein Raum unter dem Haus meines Großvaters, er war eine Welt, die sich mir öffnete, sobald die rohe Holztür aufgestoßen wurde, eine Welt, die zugleich abgeschlossen und doch durchlässig war, durchlässig für die Zeit, die Arbeit, die Fürsorge, die sich in den Gegenständen und Vorräten dort unten, im Halbdunkel niederschlug.
Die Fässer, gleichsam mächtige Tiere, deren Ruhe mir als Kind unheimlich vorkam, waren nicht bloß Behältnisse für den Apfelwein, sie waren für mich die Verkörperung einer Ordnung, die sich dem Rhythmus der Jahreszeiten fügte: im Sommer das Auseinandernehmen, das Reinigen, das Ausflammen mit der Fackel, ein Ritual, das mir wie eine geheimnisvolle Liturgie erschien, deren Sinn ich nicht verstand, deren Ernst ich aber spürte. Der Tropfen, den Opa aus dem Fass nahm, war nicht nur Probe, er ist heute für mich ein Zeichen, dass die Zeit selbst eine Substanz ist, die man kosten kann, süß oder herb, je nachdem, wie weit sie fortgeschritten ist.
Daneben diese Steintröge mit dem Kraut, das Hobeln, dessen ratschendes Geräusch sich mir eingeprägt hat wie ein immer wiederkehrendes Motiv in einer Musik, die ich nie ganz verstand, aber deren Wiederholung mich beruhigte. Das Salz, das zwischen die Schichten des Krauts gestreut wurde, war für mich damals nur ein weißes, körniges Etwas, doch heute erkenne ich darin das Prinzip der Bewahrung, das Prinzip, das aus Vergänglichem Dauer macht. Und die Steine, die auf den Deckeln lagen, waren nicht nur Last, sie waren die sichtbare Form jener Geduld, die notwendig ist, damit etwas reifen kann.
Im hinteren Teil des Kellers, wo das Eis lagerte, das aus den Schmucker-Seen gestochen wurde, war die Luft anders, kälter, geheimnisvoller, und das leise Rinnsal des Tauwassers, das nach vorne kroch und im Abfluss verschwand, war für mich wie das Atmen des Ortes selbst, ein Atem, der mir sagte, dass auch das scheinbar Tote lebt, dass auch das Schmelzen eine Form von Bewegung ist, die Zeit sichtbar macht. Die Gläser mit Marmeladen und Kompotten oder mit Gemüse und Obst gefüllt, die in den Regalen standen und auf ihre Abholung harrten, waren für mich damals Schätze, bunt und durchsichtig, und ich sah darin nicht nur Vorrat, sondern auch die Hände meiner Großmutter, die Arbeit, die Fürsorge, die sich in diesen Gläsern materialisierte.
Später, als der große Umbau kam, veränderte sich alles, und ich verstand erst viel später, dass dieser Umbau nicht nur eine bauliche Veränderung war, sondern ein Zeichen jener Epoche, die nach vorne drängte, die modern sein wollte, die sich in Rosa und Hellgrau kleidete, in Resopal, Messing, Plastik und großen Schaufenstern. Meine Eltern waren stolz, und ich war es damals auch, ohne zu wissen, warum. Heute erkenne ich darin den Traum einer Generation, die sich aus der Enge und dem düsteren Halbdunkel der Vergangenheit lösen wollte, die sich ein neues Gesicht gab, ein Gesicht, das zur Brunnengasse sprach: Wir sind modern, wir sind Teil der heraufbrechenden Zeit.
Der Hintereingang, die steile Treppe, die herausgelösten Kabel, das rohe dunkle Gebälk – all das machte mir Angst, und ich mied das Haus während der Bauarbeiten. Erst später, als ich selbst Häuser umbauen musste, verstand ich die Größe dieser Arbeit, die Geduld, die Kraft und die Zeit, die mein Vater aufbrachte. Ich sah zu, wie Räume verschwanden und neue entstanden, wie aus Omas uriger enger Küche unser rosarotes Bad wurde, aus der Guten Stube der Großeltern unser Wohnzimmer. Wie die Fremdenzimmer unter dem Dach zu Ursulas und meinem Reich wurden. Ich sehe Ursula und mich, dort an unseren Fenstern sitzend hinausblicken und reden, und ich erkenne heute, dass wir in diesem Moment nicht nur Kinder waren, sondern Teil einer Bewegung, die größer war als wir, Teil einer Zeit, die sich von Grunde auf veränderte.
Der Keller schließlich, der einst den Vorrat bewahrte und Geheimnis war, wurde Werkstatt, Lager, Öltankraum. Oma und Opa zogen nach „Hinnedrowwe“, unser früheres zu Hause und überließen ihr zu Hause uns, um es mit neuem aufbrechendem Leben zu füllen. Opas Baumstück wurde verkauft, um Hertha zufrieden zu stellen. Schluss mit dem Apfel-Ritual der Vergangenheit. Und doch bleibt in mir diese Erinnerung, die nicht verkauft werden konnte, die nicht verschwand, die sich immer wieder meldet, wenn ich an jene vier Stufen denke, die ich hinabstieg, hinein in eine andere Welt.
Denn dieser Keller, dieses Haus, dieser Umbau – sie sind für mich heute nicht nur Bilder der Kindheit, sie sind Spiegel einer Epoche, sie sind die Orte, an denen sich das Private mit dem Gesellschaftlichen berührt, an denen sich die Geschichte meiner Familie mit der Geschichte der Zeit verschränkt. Und wenn ich heute daran denke, dann ist es, als würde ich wieder die Tür öffnen, die Stufen hinabsteigen, und die Luft, die mir entgegenschlägt, ist zugleich die Luft der Vergangenheit und die Luft der Erinnerung, die mich umfängt, die mich nicht loslässt, die mich immer wieder zurückführt in jene Welt, die längst vergangen ist und doch in mir weiterlebt.
Folge 012
„“Der Griff der Erinnerung – Eine Zweig-Adaption“
Es war in jenen Tagen, als das Geschäftshaus, das den Pulsschlag unserer kleinen Welt bestimmte, sich in einem Zustand des Übergangs befand – Mauern wurden verschoben, Räume neu gedacht, und inmitten dieser leisen Unruhe trat er in unser Leben: Ralf. Ein Name, kaum ausgesprochen, und doch schon ein Versprechen, ein zarter Akkord in der Symphonie unserer Familie.
Ich erinnere mich, wie ich, noch erfüllt von kindlicher Skepsis, die Hand ausstreckte – nicht die ganze Hand, nur den Zeigefinger, zögernd, prüfend, als wollte ich die Distanz wahren zwischen mir und diesem winzigen, verschrumpelten Wesen. Und dann geschah es: Seine Finger, kaum mehr als ein Hauch von Haut und Wärme, schlossen sich um meinen, hielten ihn fest mit einer Entschlossenheit, die mich erschütterte. In diesem Griff lag eine Macht, die nicht von dieser Welt schien – eine stille, elementare Kraft, die meine Skepsis hinwegfegte wie Staub im Wind und sie durch etwas Unaussprechliches ersetzte: Zuneigung, rein und überwältigend.
Von diesem Augenblick an war er da, nicht nur im Raum, sondern in meinem Bewusstsein, in meinem Herzen. Er beanspruchte die Aufmerksamkeit aller, und ich, der ich mich bisher als Mittelpunkt meiner kleinen Existenz gefühlt hatte, trat zurück, fast freiwillig, denn in seiner Zerbrechlichkeit lag eine Größe, die mich demütig machte. Anfangs war er kaum mehr als ein Schatten von Leben, ein Bündel, das sich gegen die Welt stemmte. Ich verglich ihn mit dem Sohn meiner Tante Hertha, prall und kräftig, und empfand Mitleid, ja fast Sorge. Doch wie rasch wandelte sich das Bild! Kaum hatte ich mich versehen, da jagte Ralf auf seinem Kettcar durch die Räume, ein kleiner Henker, der mit lachender Grausamkeit die Ordnung der Erwachsenen herausforderte. Ich sah ihm zu, staunend, und spürte die Kluft zwischen uns: Er, der Draufgänger, ich, der Tölpel, der sich schon beim Versuch, mit einem Spiegel vor dem Bauch durch den Laden zu balancieren, in Gefahr brachte.
Diese Spiele – Spiegel in der Hand, die Decke im Blick, der Weg vom Damensalon zur Parfümerie wie ein Abenteuer – sie waren für Ursula und mich Prüfungen, kleine Mutproben, die uns zusammenschweißten. Doch Ralf? Er suchte andere Wege, andere Siege. Räder waren seine Welt, Bewegung sein Element. Und so kam der Tag, da ich ihn aus dem Kindergarten holen sollte, eine Pflicht, die mir lästig war, weil sie mich von den süßen Verlockungen der Freiheit fernhielt: dem Flipper in der Eisdiele Lido, dem Lachen der Freunde. Ich vergaß ihn – und als ich heimkehrte, spät, schuldbewusst, empfing mich das Donnerwetter, das in den Augen meiner Mutter loderte. Worte? Nein, Worte genügten nicht. Ihre Hand sprach, und ich verstand.
Die Jahre flossen dahin, wie sie es immer tun, unaufhaltsam, und mit ihnen veränderte sich alles: Ralf wuchs, ich entfernte mich. Acht Jahre – eine Distanz, die in der Kindheit ein Abgrund ist. Ich spielte mit ihm, ja, ich nahm ihn mit zum Schlittenfahren, zum Radfahren, ich zeigte ihm die Welt, so gut ich konnte. Aber meine eigene Welt lockte stärker: Freunde, Gespräche, das erste Aufbegehren gegen die Enge. Und doch in den stillen Stunden, wenn wir Kindersendungen sahen, Spiele spielten spürte ich etwas, das ich selbst auch gehabt hatte: die Wärme einer gemeinsamen Kindheit, nacherlebt, erträumt.
Dann kam die Zeit der Entscheidung. Vierzehn Jahre alt war ich, als ich, gedrängt von väterlichem Rat und eigenem Ehrgeiz, den Schritt wagte: hinaus aus dem Kinderturnen, hinein in die strenge, fast asketische Welt der Sportakrobatik. Zwei Mal die Woche Training, Schweiß, Disziplin – und eine neue Gemeinschaft, die mich formte. Wir wurden eine Einheit, eine Fünfergruppe, verschworene Brüder im Geist der Bewegung. Jahre vergingen, und wir traten auf, erst vor kleinem Publikum, dann vor großen Hallen, bis wir, kaum zu glauben, den Titel des Deutschen Vizemeisters errangen. Doch während wir uns im Glanz des Erfolges sonnten, blieb in mir ein leiser Schatten: die Erinnerung an den kleinen Jungen, der einst meinen Finger umklammert hatte, als wollte er sagen: Lass mich nicht los.
Folge 013
„Weihnachten, wie ich es nicht liebe“ – Eine Sebald-Adaption
Es war in jenen Jahren, als die Tage vor Weihnachten sich wie ein grauer Vorhang über die Straßen legten, und ich, noch ein Kind, die eigentümliche Schwere dieser Zeit nicht benennen konnte. Die Erwartung, die sich in den Gesichtern der Erwachsenen spiegelte, war von einer Art, die mich zugleich anzog und abstieß. Ich erinnere mich an das Wohnzimmer im Hinterhaus, das für Wochen verschlossen blieb, als wäre es ein Heiligtum, dessen Schwelle man nicht ohne Zeremonie überschreiten durfte.
Die Tür, schlicht und weiß, führte in einen Raum, der in meiner Erinnerung von einer gedämpften Stille erfüllt ist, einer Stille, die sich wie Staub auf die Dinge legte. An der linken Wand stand der Schrank, ein Monument der fünfziger Jahre, dessen Oberfläche im Licht der Nachmittage glänzte, als wäre sie mit einer dünnen Schicht aus Lack und Erinnerung überzogen. Die Glastüren, mit Linien verziert, gaben den Blick frei auf drei Böden, auf denen sich Gläser und Porzellan stapelten, als warteten sie auf eine Gesellschaft, die nie kam. Unterfüttert war das Ganze von einer Rückwand aus messingfarbenem Stoff, der im schwachen Licht einen matten Glanz verströmte, wie die letzten Reste einer untergegangenen Epoche.
Gegenüber, in den Fels eingelassen, die Nische, die mein Vater in mühsamer Arbeit zu einer Bühne des Spiels verwandelt hatte. Dort lag die Modelleisenbahn, eine Welt im Maßstab der Sehnsucht, mit Bergen und Tunneln, mit einem Viadukt, das sich wie ein steinernes Band über die Landschaft zog. Die Rückwand war mit einer Fototapete versehen, die eine Weite vorgaukelte, die es nicht gab, und ich, der ich davor stand, glaubte manchmal, in diese Weite treten zu können, wenn ich nur lange genug hinsah. Drei Züge fuhren dort, wie von Geisterhand bewegt, und die Dampflok, schwarz und schwer, stieß kleine Wolken aus, die sich im Licht der Lampe auflösten, als wären sie die letzten Atemzüge eines vergangenen Jahrhunderts.
Vor dieser Szenerie das Sofa, grau und von einer Schlichtheit, die mir damals selbstverständlich erschien. Daneben der Couchtisch mit seiner schwarzen Glasplatte, auf der sich die Linien kreuzten wie Spuren vergessener Gespräche. Und die Sessel, deren Armlehnen aus Holz waren, mit einem Geflecht, das sich wie ein Netz über die Seiten spannte. Rechts von der Tür das Fenster, das in einen Winkel führte, so düster, dass selbst das Licht des Tages dort zu erlöschen schien. Auf dem Sims die Pflanzen, deren Blätter im Winter ein fahles Grün annahmen, als hätten sie den Glauben an den Frühling verloren.
Ich weiß nicht mehr, wie die Wände aussahen, ob sie tapeziert waren oder nicht, und vielleicht ist dieses Vergessen ein Zeichen dafür, dass die Dinge, die uns umgeben, weniger Gewicht haben als die Schatten, die sie werfen. Was ich jedoch nicht vergessen kann, ist das Gefühl, das mich überkam, wenn ich vor der verschlossenen Tür stand: eine Mischung aus Neugier und Resignation, aus Hoffnung und dem Wissen, dass hinter dieser Tür etwas lag, das nicht für mich bestimmt war.
Denn Weihnachten, so wie es sich in meiner Kindheit darstellte, war kein Fest der Erfüllung, sondern eines der Entbehrung. Die Eisenbahn, die dort wuchs wie ein Organismus, war nicht mein Geschenk, sondern ein Werk meines Vaters, ein Projekt, das seine Hände beschäftigte und seine Gedanken ordnete. Ich durfte sie sehen, durfte die Züge fahren sehen, durfte die Landschaft bewundern, aber ich durfte sie nicht besitzen. Und vielleicht liegt in dieser Erfahrung der Ursprung jener Haltung, die mich bis heute begleitet: der Glaube, dass die Dinge, die uns am meisten faszinieren, uns nie ganz gehören.
Die Adventszeit, von der man sagt, sie sei besinnlich, war für mich eine Zeit der Abwesenheit. Die Eltern im Laden, die Mutter beim Backen, der Vater über die Platte gebeugt, die Drähte verlötend, die Häuser arrangierend. Ich half der Mutter, so gut ich konnte, knetete Teig, stach Formen aus, und in diesen Momenten, wenn der Duft von Zimt und Vanille durch die Küche zog, glaubte ich für kurze Zeit, dass Weihnachten doch etwas Schönes sein könnte. Aber diese Augenblicke waren flüchtig, und sie vergingen, wie alles vergeht, ohne dass man es festhalten kann.
Heute, wenn ich an diese Jahre zurückdenke, sehe ich nicht die Geschenke, die ich bekam – denn es waren wenige –, sondern die Lichter der Eisenbahn, die sich in den Fenstern spiegelten, sehe die Schatten der Berge auf der Fototapete, höre das leise Rattern der Räder, das sich mit dem Atem der Lok mischte. Und ich frage mich, ob nicht in diesem Geräusch, in diesem gleichmäßigen Lauf, eine Wahrheit lag, die ich damals nicht verstand: dass das Leben, wie die Züge, auf Schienen verläuft, deren Richtung wir nicht bestimmen.
Vielleicht ist das der Grund, warum Weihnachten für mich heute nichts mehr bedeutet. Die Idee, die dahintersteht – die Nähe, die Wärme, das Gespräch –, gefällt mir noch immer, aber ich habe sie nicht verwirklichen können. Ich habe es versucht, habe Rituale geschaffen, habe Menschen eingeladen, habe Kerzen entzündet, und doch blieb das Gefühl aus, das ich suchte. Es kam nicht, und irgendwann habe ich aufgehört, darauf zu warten. Einige Male, selten, ist es von selbst erschienen, wie ein Vogel, der sich auf die Fensterbank setzt, ohne dass man ihn ruft. Aber es blieb nie lange, und so habe ich gelernt, dass manche Dinge sich nicht erzwingen lassen.
Und wenn ich heute durch die Straßen gehe, in denen die Lichter hängen und die Schaufenster glänzen, denke ich nicht an das Fest, das bevorsteht, sondern an das Zimmer im Hinterhaus, an den Schrank mit den Tulpenblattgriffen, an die Nische im Fels, an die Züge, die ihre Kreise zogen, und an den Jungen, der davor stand und glaubte, dass Schönheit genügt, um glücklich zu sein.
Folge 014
„Heiligabend“ – Eine Erzählung im Stil von Thomas Mann
Glanz, Ritual und die stille Ironie des Festes
In dieser literarischen Weihnachtsfolge erzähle ich meine Kindheitserinnerung im Ton von Thomas Mann: kunstvolle Satzarchitektur, feine Ironie, gesellschaftliche Beobachtung und die elegante Melancholie eines Festes, das im Schein erstrahlt und im Herzen leise Schatten hinterlässt. Zwischen überfüllter Kirche, geschmücktem Wohnzimmer, Familienritualen und einem kleinen Plastikaffen entfaltet sich eine Erzählung über Weihnachten, wie es war — und wie es hätte sein können.
Es war, als jener Tag, der in der Vorstellung vieler Menschen mit einer Mischung aus Heiligkeit, familiärer Rührung und poetischer Verklärung einhergeht, sich auch über die kleine, in ihren Sitten und Gewohnheiten so fest gefügte Welt meiner Kindheit senkte. Doch wie oft, wenn es um dieses Fest geht, bestand ein greifbares Missverhältnis zwischen der überlieferten Erhabenheit des Heiligabends und der nüchternen, beinahe trivialisierenden Realität, die mich umgab. Schon am frühen Morgen, wenn draußen der Winter mit fahlem Licht auf die Dächer sank, herrschte im Hause eine Geschäftigkeit, die dem vielbesungenen „Stille Nacht“-Ideal in grotesker Weise zuwiderlief. Meine Eltern – durch die Anforderungen eines Sechs-Tage-Handwerks ohnehin unermüdlich – waren im Salon zugange, frisierten, toupierten, legten und wölbten die Haarprachten jener Frauen, die an diesem Tage mit einer Würde und Eleganz zu erscheinen gedachten, die ihrem Alltagswesen oft seltsam fern stand. Ich selbst, in den bundesdeutschen Nachkriegsjahren noch ein kleiner Knabe, wurde nach draußen expediert, gewissermaßen verwiesen in die Sphäre der Nachbarskinder, unter ihnen Monika, mit der man sich eher aus Schicksalsgemeinschaft als aus Wahl verbündet fühlte. Doch eben dieser unbestimmten Freiheit, diesem süßlich-beliebigen Spiel im Hof oder zwischen den Häuserzeilen setzte ein plötzlicher Ruck ein Ende: eine jener mühelosen elterlichen Handbewegungen, die Kinder aus allem herausreißen können. Ich wurde ins Haus geführt, in jene Sonntagskleidung gesteckt, die mich mit einem Mal steifer, weniger natürlich, geradezu feierlich-unbeholfen machte, und sodann der Kirche zugeführt – einem Orte, der sich an diesem Abend mehr noch als sonst als Prüfstein kindlicher Geduld erwies. Die Kirche war überfüllt; das Haus Gottes schien seine ganze Gemeinde, ja halb das Städtchen, aufnehmen zu wollen und doch in einer Weise unzureichend für sie zu sein. Die Luft war schwer von feuchtem Stoff, von Atem, von jener Mischung aus Parfüm und winterlichem Straßenstaub, die mich stets an ermüdende Dinge denken ließ. Unten war kein Platz mehr, und so begaben wir uns, wie so viele, hinauf zur Empore, wo der Blick zwar weiter, die Enge jedoch nicht geringer war. Ich erinnere mich an das Gefühl, nur die unteren Partien der Welt zu sehen: Beine, Mäntel, dunkle Stoffbahnen, Rücken, deren Besitzer mir entrückt blieben. Und wie man mich dann einmal emporhob – vielleicht aus Ungeduld, vielleicht aus einer Art Erbarmen –, sodass ich über die Köpfe hinweg die beiden gewaltigen Weihnachtsbäume am Altar erblickte: hoch, stattlich, geschmückt mit Kugeln, deren Glas das Licht der Kerzen vielfach brach; mit jenen silbrigen Girlanden, die sich wie frostige Ranken über die Zweige legten; und mit jenem Engelshaar, das in der Art einer künstlichen, aber reizvollen Erhabenheit glänzte. Für einen Augenblick, so kurz wie ein Atemzug und doch fest im Gedächtnis, schien mir jene Szenerie wie ein verheißener Blick in eine Welt, die es vielleicht gibt, die aber den Kindern in solchen Momenten nur geliehen wird. Und dann, rasch, wurde ich wieder abgesetzt, die Füße suchten ihren alten Platz auf dem kalten Steinboden, die Wirklichkeit schloss sich wie ein grauer Mantel um mich, und ich stand wieder dort, wo ich zuvor gewesen war – inmitten von Kälte, Gedränge und einer Monotonie, die selbst der Gesang nicht zu mildern vermochte. Nach dem Gottesdienst, wenn die Türen sich öffneten und die kalte Luft hereinströmte, erlebte ich jedoch zuweilen eine kleine Verzauberung. Es kam vor, dass draußen Schnee gefallen war, weiß und weich, wie von einer ordnenden Hand glattgezogen. Der Schnee, der den Straßenlärm dämpfte, die Welt unschuldiger wirken ließ, gab dem Abend für wenige Schritte etwas Weihnachtliches, das weder Kirche noch Ritual hatten schaffen können. Zuhause angelangt, begann das Warten. Das Wohnzimmer war verschlossen, wie ein Heiligtum, dem man sich nicht nähern durfte. „Das Christkind ist beschäftigt“, hieß es. In der Küche gab es Essen – einfache Speisen, Würstchen mit Kartoffelsalat, später dann, als wir ins Geschäftshaus gezogen waren und sich ein Hauch von Wohlstand eingestellt hatte, Königinnenpastete und Forelle. Doch das Essen war nur der Auftakt, nicht der Höhepunkt. Die Familie traf ein: jene Tanten und Onkel, die sich in regelmäßigen Abständen einfinden, ohne dass man je recht weiß, ob es ihnen um das Fest selbst oder die Tradition geht. Sie brachten Stimmen mit, Gerüche, Gesten, die zum Inventar dieses Abends gehörten. Und dann – fast wie aus einem Theaterstück – verschwand Tante Sophie. Kurz darauf erklang eine kleine Glocke aus dem Wohnzimmer. „Das Christkind ist da“, wurde gemurmelt, und für uns Kinder war dies der Hinweis, dass das Ritual seinen Höhepunkt gefunden hatte. Ich wusste, lange bevor ich es wissen durfte, dass das Christkind im Hochzeitskleid von Tante Sophie steckte. Ich hatte den Schleier einmal gesehen, zufällig, und er hinterließ einen Eindruck, den man nicht mehr richtig loswird. Doch Sophie war ein Engel in meinem Leben, und es machte wenig Unterschied, ob sie das Kleid trug, weil es Tradition war oder weil ihr die Rolle zufiel. Die Wohnzimmertür wurde geöffnet, langsam, als zöge jemand einen schweren Vorhang auf. Dahinter: Glanz. Der Weihnachtsbaum, mit echten Kerzen, deren Flammen sich im Lametta spiegelten, und darunter die Modelleisenbahn, jenes technische Kunstwerk, das mein Vater über Monate hinweg erweitert hatte. Es war eine Pracht, die alle beeindruckte. Ursula bekam Puppen, Puppenhäuser, Dinge, die man Mädchen schenkt. Ich erhielt die erweiterte Eisenbahn – Züge, Gleise, Laternen –, aber ich spürte, noch ohne es formulieren zu können, dass diese Gabe nicht wirklich mir gehörte. Ich durfte sie bestaunen, doch sie entstammte seinen Händen und blieb in seiner Welt verankert. Zum Glück gab es Tante Sophie. Sie verstand, was man einem Kind schenken konnte, das mehr brauchte als ein Schauspiel. An der Tulpenlampe hingen zwei Plastikaffen, einer hell, einer dunkel. Der dunkle war mein. Ich nannte ihn Munki. Er roch nach Weichmacher, nach irgendetwas Chemischem, das sicher nicht gut war – aber der Geruch ist in meiner Erinnerung bis heute lebendig. Munki war mein kleines Glück, vielleicht das einzige an diesem Abend, das ohne Bedingung zu mir gehörte. Später spielten Ursula und ich oben in unserem Zimmer, während unten die Erwachsenen tranken, lachten, Gastgeber spielten. Meine Mutter lachte in einer Weise, die ich nicht mochte – ein spitzes Lachen, das nur kam, wenn der Wein sie gelöst machte. Ich empfand ein leises Unbehagen, das ich damals nicht verstand, heute jedoch nur allzu gut kenne. Der erste Feiertag brachte den Kindergottesdienst, Pute, Klöße, Besuche, die wie Pflichtgänge erschienen: Tante Gertrud, Onkel Walter, der Dackel Munki, die Kitzlochoma, die im Schaukelstuhl saß wie eine Figur aus einem Märchen, das niemand mehr erzählen wollte. Und so blieb von diesem Fest, wenn ich heute zurückdenke, nicht der Glanz, nicht das Versprechen, sondern die kleinen Dinge: der Geruch von Vanille, der Schnee, der Plastikaffe. Vielleicht besteht Weihnachten für manche Menschen genau aus solchen Fragmenten – kleine, leise Erinnerungen, die bleiben, wenn alles andere längst vergangen ist.